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Von einem Dorf, das unbemerkt verschwand

Von einem Dorf, das unbemerkt verschwand

Was bleibt, wenn der Mensch geht? Vor rund 50 Jahren ist die kleinste Gemeinde Deutschlands niedergebrannt. Völlig unbemerkt. Denn in Beifels war gerade niemand zu Hause. Der TV hat sich im Prümtal auf Spurensuche begeben.

Beifels. Beißender Gestank, berstendes Glas, ächzende Balken und das Geschrei Tausender Hühner, die bei lebendigem Leib verbrennen. Und heute: Stille. Von Beifels, der ehemals kleinsten Gemeinde Deutschlands, ist nicht mehr viel übrig. Nur ein großer Haufen moosiger Steine, ein paar Mauern und Stufen, die zu einem eingestürzten Keller hinabführen, erinnern heute noch daran, dass hier in den 60er Jahren Häuser standen. Dass hier Menschen lebten, arbeiteten, liebten, lachten, stritten …Die Natur hat sich den Ort im Prümtal zurückerobert. Wo einst Hühner für den Grafen von Westerholt gezüchtet wurden, wachsen heute Weißdorn und Hainbuche. Und zu hören ist nur der Gesang der Vögel, das Rauschen des Windes und das ewige Glucksen der Prüm. Die nächsten Menschen sind fern. Dass zuletzt Journalisten den beschwerlichen, ungeteerten Weg in diesen entlegenen Teil des Prümtals genommen haben, dürfte lange her sein. Ein Besuch ist dokumentiert. Es war 1966. Rund ein Jahr, bevor das Land die Gemeinde Beifels am 4. April 1967 per Gesetz auflöste. In einer Ente hatte sich ein Reporter des Südwestfunks über den matschigen Waldweg zu dem Ort durchgekämpft, der heute nur noch dann zu finden ist, wenn man genau weiß, wo man nach ihm suchen muss: nordwestlich von Oberweiler, tief unten im Tal an einer markanten Schleife der Prüm.Von Blasmusik untermalte Schwarz-Weiß-Bilder halten das "umständliche Unternehmen" des Fernsehreporters in der Eifel fest - ein Landstrich, der ihm "ohnehin besonders unübersichtlich" erscheint. Doch warum all der Aufwand? "Sehen Sie selbst", sagt der schnauzbärtige, Trenchcoat tragende Mann in ein anachronistisch wirkendes Mikrofon und weist auf das, was 1966 noch von Beifels übrig war - von "der einzigen Gemeinde Deutschlands, die man wirklich nicht mehr als Gemeinde bezeichnen kann". Als ein Brand sie vier Jahre zuvor, im Jahr 1962, zerstört hatte, bemerkte dies niemand. Denn die letzten Bewohner waren gerade nicht da, als ein Kurzschluss das Feuer auslöste. Und damit auch niemand, der die Tausenden Hühner hätte retten können. Und so hörte Beifels - von der Menschheit unbemerkt - auf, zu sein.Dennoch gibt es Menschen, die sich an das Unglück erinnern. "Ich habe den Geruch jetzt noch in der Nase", sagt Ferdinand Graf von Westerholt, der damals als kleiner Junge mit seinem Vater zu der niedergebrannten Hofstelle gekommen war. Noch Wochen später habe es dort nach verbrannten Hühnchen gerochen. Relativ bald sei klar gewesen, dass weder der Landwirt noch sein Sohn, der für den Grafen als Förster arbeitete, mit ihren Frauen ins Prümtal zurückkehren würden. Mehr als diese vier Einwohner hatte die Gemeinde nicht. Und so verfiel das Anwesen. Als der Reporter 1966 in den verlassenen Ort kam, war immerhin noch zu erkennen, wie Beifels einmal ausgesehen hatte: ein großes, eifeltypisches Bauernhaus, vielleicht auch zwei, mit mehreren Nebengebäuden. Aus Buntsandstein errichtet, weiß verputzt und zerstört: Wo einst Dächer waren, endeten die verrußten Mauern 1966 im Nichts. 45 Jahre ist das nun her. Seitdem scheint die Natur Beifels überrollt zu haben. Doch es war nicht sie alleine. Nach Auskunft des Grafen hatte sich die Ruine zu einem beliebten Treffpunkt für wilde Partys entwickelt. Das jedoch erschien seinem Vater zu gefährlich. Wer wusste schon, welchen Belastungen die Häuser noch gewachsen waren, ohne ganz zusammenzubrechen? Also ließ er die Gebäude abreißen und die Steine zu Haufen zusammenschieben. Und dort liegen sie immer noch. Wenn auch kaum auszumachen unter Bäumen, von denen einige schon seit Jahrzehnten hier stehen. Es scheint nicht viel zu bleiben, wenn der Mensch geht. Außer Steinen und Erinnerungen und dem ewigen Glucksen der Prüm.Impressionen aus Beifels unter volksfreund.de/videos DIE KLEINSTEN GEMEINDEN DEUTSCHLANDS

Die kleinste Gemeinde Deutschlands liegt heute nicht mehr im Eifelkreis Bitburg-Prüm, sondern in Schleswig-Holstein. In Wiedenborstel leben gerade einmal fünf Menschen. Drei mehr sind es in Dierfeld, das Platz zwei belegt. (Kreis Bernkastel-Wittlich, Statistisches Bundesamt, Stand 2009). Dennoch knackt der Eifelkreis den Rekord: 47 der 100 kleinsten Kommunen Deutschlands nennt er sein Eigen. Ammeldingen an der Our, Hisel, Gemünd, Burg, Keppeshausen und Sengerich finden sich in den "Top-Ten". kah