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Von Wollstoffen und Pariser Chic

Von Wollstoffen und Pariser Chic

Der Einzug der Konfektionsware hat die Textilbranche nachhaltig verändert - auch in der Eifel. Mitte des vergangenen Jahrhunderts gab es hier noch mehrere Webereien, die Stoffe für heimische Schneidereien herstellten. Daran erinnert der neue Heimatkalender des Kreises Bitburg-Prüm mit dem Schwerpunktthema "Textilien - Kleidung - Mode".

 Einheitslook: Die Schülerinnen der Landwirtschaftsschule Prüm trugen Anfang der 1960er Jahre dunkelblaue Kleider zu blau bestickten Blusen aus weißem Leinen. Mit ihren neuen Kleidern zeigten die jungen Frauen, was sie gelernt hatten. Fotos (2): Archiv, Kreismuseum
Einheitslook: Die Schülerinnen der Landwirtschaftsschule Prüm trugen Anfang der 1960er Jahre dunkelblaue Kleider zu blau bestickten Blusen aus weißem Leinen. Mit ihren neuen Kleidern zeigten die jungen Frauen, was sie gelernt hatten. Fotos (2): Archiv, Kreismuseum Foto: (e_pruem )

Prüm/Bitburg. Ihre neuen Kleider hatten sie selbst gemacht: 24 Schülerinnen der Landwirtschaftsschule Prüm präsentierten sich im Januar 1961 zum Winterfest der Schüler und Ehemaligen im Saal Frink in Schönecken (heute Pizzeria Conchiglia). Sie trugen einheitlich dunkelblaue Kleider und blau bestickte Blusen aus weißem Leinen. Für den Abend hatten die Mädchen zusammen mit dem gleichzeitigen Jahrgang der Jungen ein buntes Programm vorbereitet. Eine große Erntekrone aus Stroh und bunten Bändern bildete den Schmuck der Bühne.
Mit ihren neuen Kleidern machten die jungen Frauen deutlich, was sie in ihrer gut halbjährigen Schulzeit alles gelernt hatten. Der Gedanke der Selbstversorgung war in den landwirtschaftlichen Haushalten dieser Zeit noch tief verwurzelt. Dies galt nicht nur für die Ernährung, sondern reichte bis zur eigenen Herstellung von Kleidung.
So erlernten die Schülerinnen auch noch die Anfertigung von Männerhemden, obwohl man diese normalerweise schon längst als Konfektionsware kaufte. Die selbst genähten Kleider waren allerdings von besonderer Symbolkraft: Die dazu verwendeten Wollstoffe stammten noch aus heimischer Produktion, und zwar aus der Schönecker Weberei Thiel-Hauer. Diese knüpfte noch an die einst bedeutende häusliche Produktion von Leinen und Wollstoffen hierzulande an.
In der "Eifeler Webstube" in Schönecken führt Webmeisterin Irmhild Thome diese Tradition bis in unsere Tage fort. Sie erinnert sich an die damaligen Landwirtschaftsschulen in Prüm, Arzfeld, Bitburg und Neuerburg als regelmäßige Abnehmer: "Jede Schule hat sich eine Farbe ausgesucht, die einen wollten Dunkelblau mit einer Bordüre, die anderen Dunkelrot oder Mittelblau. Das waren etwa 20 bis 30 Frauen, da waren zwei Weberinnen wochenlang mit beschäftigt", so die Webmeisterin.
"Die Kleider der Prümer Schülerinnen waren immer blau" erinnert sich Margret Ney aus Brühlborn bei Prüm, "und wir waren uns sicher, dass unsere die schönsten waren." Sie hat ihr Kleid sorgfältig aufbewahrt. Ney weiß aber auch zu berichten, wie die jungen Frauen später immer weniger den Vorstellungen ihrer Lehrerin folgen wollten. Die schweren Wollstoffe mit den schlichten Bordüren und auch die verwendeten Schnitte waren ihnen zu weit entfernt von der Formensprache der aktuellen Mode. Im Lauf der 1960er Jahre setzten die Schülerinnen sich durch, und so kam schließlich das Aus für die Stoffe aus heimischer Produktion - sehr zum Leidwesen der Lehrerin. Die Schönecker Weberei spezialisierte sich später auf kunsthandwerkliche Arbeiten. Vor allem in den 1970er Jahren fertigte sie Wandbehänge, für die Irmhild Thome 1974 den Deutschen Kunsthandwerks-preis erhielt. Mehr zu diesem Thema ist im neuen Heimatkalender des Eifelkreises Bitburg-Prüm zu lesen. "Textilien - Kleidung - Mode" lautet das Schwerpunktthema, und zahlreiche Autoren haben sich mit Beiträgen beteiligt. Sie schreiben auf 320 Seiten über das einst so bedeutende Weberhandwerk in Neuerburg und die Arbeit in den Schneiderstruben, über schwarze und weiße Brautkleider, über Pariser Chic auf dem Land, väterliche Kleidervorschriften und über den Kampf der Jugendlichen mit ihren Eltern, als die ersten Jeanshosen aufkamen. Das neue Jahrbuch beinhaltet auch noch andere regionale Themen.
Termin: Eine Führung zu diesem Thema findet statt am Sonntag, 27. Dezember, um 15 Uhr im Kreismuseum in Bitburg. red
Der Heimatkalender 2016 ist erhältlich zum Preis von 8 Euro im Buchhandel, bei den Verbandsgemeindeverwaltungen, Ortsbürgermeistern, im Kreismuseum Bitburg-Prüm, bei der Kreisverwaltung und bei Gaby Thomaser, Telefon 06561/15-1610.