Vorsicht, explosiv!: Bauarbeiter finden Sprengfallen an der L 40 zwischen Irrel und Eisenach

Vorsicht, explosiv!: Bauarbeiter finden Sprengfallen an der L 40 zwischen Irrel und Eisenach

Das hätte ins Auge gehen können: Jahrelang haben unter der Landstraße 40 zwischen Irrel und Eisenach mehrere Sprengfallen gelegen, ohne dass jemand davon wusste. Bei Bauarbeiten wurden sie jetzt zufällig entdeckt.

Eisenach/Irrel. Diese Geschichte fängt vollkommen harmlos an. Wie viel Sprengstoff tatsächlich in ihr steckt, ahnt zu Anfang niemand. Um sie allerdings verstehen zu können, müssen wir zunächst einmal ganz vorne beginnen. Und ganz vorne ist in diesem Fall Marco Gasper.
Gasper wohnt in Eisenach. Mit einem Leserbrief hat er sich an den Trierischen Volksfreund (Ausgabe 19. November) gewandt. Und eben mit diesem Brief nimmt diese Geschichte ihren Lauf. Gasper geht es um die Bauarbeiten an der Landstraße 40 zwischen Eisenach und Irrel. Seit März wird das rund viereinhalb Kilometer lange Teilstück erneuert: neue Asphaltdecke, neue Schutzplanken und eine Fahrbahnverbreiterung - das übliche Programm. Wie Gasper betont, hält er die Dauer der Bauarbeiten für unangemessen. Er schreibt: "Es ist mir unerklärlich, weshalb es ein Jahr dauert, ein so kurzes Teilstück einer Straße zu sanieren."LBM muss zahlen


Besonders störe ihn die Tatsache, dass sich in den vergangenen Monaten nur wenig an der Baustelle getan habe. "Bei einigen Bürgern", so Gasper, "besteht mittlerweile die Ansicht, dass dieses Projekt vom Auftragnehmer als Lückenfüller für ruhige Zeiten angenommen wurde."
Täglich müsse er aufgrund der Baustelle einen 20-Kilometer-Umweg fahren, um zur Arbeit zu kommen - macht in einem Jahr 2300 Kilometer zusätzlich. "Die Bürger bleiben auf ihren Unkosten für unnötige Mehrkilometer sitzen", betont er.
Martin Rau versteht den Ärger. Er ist Ortsbürgermeister von Eisenach. Viel wisse er nicht über den Stand der Bauarbeiten. "Ich erhalte nur wenige Informationen. Ich weiß so gut wie nichts." Er könne sich allerdings nur schwer vorstellen, dass der vorgegebene Zeitrahmen eingehalten werde und die Straße ab März 2015 wieder befahrbar sei. "Schließlich wird der erste Frost bald kommen."Keine Blindgänger gefunden


Also Nachfrage beim Bauherren, dem Landesbetrieb Mobilität Rheinland-Pfalz (LBM) in Gerolstein: Was ist los auf dieser Baustelle, geht es da tatsächlich nicht voran? So, und jetzt wird\'s spannend: Denn die Antwort, die LBM-Leiter Harald Enders auf diese Frage liefert, hat es in sich. Er gesteht: "Es gibt tatsächlich ein Problem. Bei den Bauarbeiten wurden in Höhe der Irreler Mühle sogenannte Sprengstofffallen aus dem Zweiten Weltkrieg unter der Fahrbahn gefunden. Das hat die Arbeiten an der Straße natürlich erst einmal zum Erliegen gebracht."
Moment mal: Sprengstofffallen unter der L 40? Die Straße, über die bei Sperrungen der B 51 der komplette Schwerlastverkehr in Richtung Trier und Köln donnert? "Ja, das ist auch für uns neu", betont Enders, "solch eine Situation hatten wir auch noch nie." Im April, wenige Wochen nach Beginn der Sanierungsarbeiten auf der Landstraße, habe die Baufirma plötzlich eine Kiste entdeckt, in der sich rund 50 Pfund Sprengstoff befunden hätten. "Wenn die mit der Schaufel direkt darauf gestoßen wären, hätte es auch Tote geben können", vermutet Enders. Neben der Kiste seien zudem noch zwei weitere kleinere Sprengstofffallen in diesem Bereich gefunden worden. Den Sprengstoff hätten Wehrmachtssoldaten Ende 1944 auf ihrem Rückzug vom Irreler Katzenkopfbunker in Richtung des Kordeler Bahnhofs vergraben. Er sollte wohl gezündet werden, sobald die Alliierten die Stelle passierten (siehe Extra). Doch Explosionen blieben aus. 70 Jahre lang schlummerte der Sprengstoff in der Erde, bis er jetzt gefunden wurde. "Der Kampfmittelräumdienst war vor Ort und hat den Sprengstoff ordnungsgemäß entsorgt", berichtet Enders vom LBM. Danach sei das Gebiet nach Blindgängern abgesucht worden. "Aber es wurde nichts gefunden."
Damit allerdings immer noch nicht genug: Bevor die Bauarbeiten weitergehen konnten, mussten sogenannte Sprengwerker den Abschnitt bis Eisenach mit einem Spezialbagger nach weiteren Sprengstofffallen untersuchen. In der vergangenen Woche dann die Entwarnung: "Die Firma ist fertig, es wurden keine weiteren Sprengfallen gefunden", berichtet der LBM-Leiter. Ab sofort könne weitergearbeitet werden. Enders\' Begeisterung hält sich dennoch in Grenzen. Denn: Die Sprengstofffunde werden den LBM teuer zu stehen kommen. Die Baufirma hat dem Landesbetrieb die Zeit in Rechnung gestellt, die sie aufgrund der Sprengstoffuntersuchungen nicht arbeiten konnte. "Wir stellen den Baugrund und müssen für die Kosten aufkommen", so Enders. Ursprünglich sollte die Strecke ab März wieder befahrbar sein. Daraus wird jetzt nichts mehr: Voraussichtlich ab Mai kann die Straße wieder genutzt werden.
"Von Irrel bis zum Steinbruch ist die Strecke bereits fertig, nur die Schutzplanken müssen noch montiert werden", berichtet Enders. Ab Mai ist die L 40 zwischen Irrel und Eisenach dann die wohl bombensicherste Straße der Region.Extra

Von wegen eine ganz normale Baustelle: Unter der Landstraße 40 zwischen Eisenach und Irrel sind mehrere Kilogramm Sprengstoff gefunden worden. Mittlerweile ist die Strecke aber sicher. TV-Foto: Marek Fritzen.

Werner Weber ist Heimatforscher in Eisenach. Er berichtet von enormen militärischen Bewegungen während des Zweiten Weltkriegs rund um Eisenach - der Grund: die Nähe des Ortes zum Westwall. Von den Sprengfallen unter der L 40 zeigt er sich dennoch überrascht. "Ich habe davon noch nichts gehört, aber ich kann mir das sehr gut vorstellen, dass die Wehrmachtssoldaten den anrückenden US-Amerikanern auf diese Weise den Weg abschneiden wollten." Wie Weber berichtet, habe er vor Kurzem im Rahmen seiner geschichtlichen Recherchen herausgefunden, dass die Landstraße 40 zwischen Irrel und Eisenach im Jahr 1934 von Arbeitslosen aus Duisburg im Ruhrgebiet erbaut wurde. Der heute 73-Jährige hat das Ende des Zweiten Weltkrieges nicht in Eisenach erlebt, denn "der Ort wurde im Oktober 1944 komplett evakuiert". Zunächst musste er mit seiner Familie nach Gilzem umsiedeln, später dann nach Hillscheid in den Hochwald. Grund waren die näher rückenden Alliierten. "Mehr als 70 Prozent von Eisenach war nach Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört", berichtet Weber. Um Eisenach herum habe es einen drei Kilometer langen Schutzwall gegeben, unter anderem zum Schutz gegen Panzer. Auch rund 20 Bunker hätten sich auf den Flächen rund um den Ort befunden. "Nach dem Krieg haben die Eisenacher mit Hammer und Meißel Träger aus den Bunkern herausgeschlagen, um sie als Schrott zu verkaufen oder in ihren Häusern zu verbauen." mfr