Vorsitzender der Lebenshilfe Bitburg finden Integration Beeinträchtigter größtenteil gelungen

Interview : 50 Jahre im Dienst für Beeinträchtigte

Warum der Fachkräftemangel ein Problem für die Lebenshilfe Bitburg ist, erklärt der Vorsitzende im Interview.

Hans-Joachim Kurth (67 Jahre) aus Bitburg ist seit 2016 der Vorsitzende der Lebenshilfe Bitburg. Vor 50 Jahren wurde diese gegründet. Mit Hans-Joachim Kurth, selbst Vater eines Sohnes mit Trisomie 21, sprachen wir über die Aufgaben und Herausforderungen der Lebenshilfe in der heutigen Zeit.

 Die Lebenshilfe gibt es seit 50 Jahren. Wann sind Sie dazugekommen und warum?

Hans-Joachim Kurth: Ich bin seit 15 Jahren bei der Lebenshilfe aktiv. Auf Anfragen des damaligen Vorsitzenden Heinz Hill bin ich in den Vorstand gekommen. Ich war zunächst Beisitzer, wurde dann zweiter Vorsitzender und habe 2016 den Vorsitz übernommen.

Was bedeutet die Lebenshilfe für Sie persönlich?

Kurth: Für mich hat die Lebenshilfe eine hohe Wertigkeit in unserer Gesellschaft. Die Lebenshilfe, die damals aus einer Selbsthilfeorganisation entstanden ist, hat auch heute noch eine immense Bedeutung. Menschen, die eine Beeinträchtigung haben, wird geholfen. Sie werden sowohl von der Lebenshilfe als auch über die zur Lebenshilfe gehörenden Institutionen betreut.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Kurth: Ich bin besonders stolz darauf, dass wir uns im Team tagtäglich mit den Anliegen der uns anvertrauten Menschen beschäftigen. Dass wir viel bewegen, sei es in Einrichtungen in unserer eigenen Trägerschaft wie in unserer integrativen Kindertagesstätte, oder dass wir uns damit auseinandersetzen, was an gesellschaftlichen Änderungen auf uns zukommt. Wir wollen für die Rentner, die jetzt unsere Werkstätten verlassen, ein lebenswertes Umfeld schaffen. Wir unterstützen zum Beispiel die BAG Arbeitsgemeinschaft zur Integration Jugendlicher mit Beeinträchtigung im Haus der Jugend finanziell, und wir sorgen dafür, dass die vielen Multiplikatoren, die wir mit betreuen, eine gute Ausstattung haben.

Meinen Sie, die Integration Behinderter in die Gesellschaft ist gelungen?

Kurth: Diese ist, wenn man sie tagtäglich sieht, größtenteils gelungen. Die Integration kann man allerdings nicht statisch sehen. Wir müssen jeden Tag daran arbeiten, die Beeinträchtigten in unsere Gesellschaft einzubinden. Wir wollen dafür Sorge tragen, dass die UN-Konvention, die besagt, dass alle Behinderten die gleichen Rechte haben wie alle anderen, auch umgesetzt wird.

Wie werden die Beeinträchtigten nach Ende ihres Berufslebens angemessen betreut?

Kurth: Das ist ein großes Anliegen, das sich die Lebenshilfe jetzt auf die Fahnen geschrieben hat. Wir wollen, dass diese Menschen mit Freizeitgestaltungen versorgt werden. Wir möchten die notwendigen Räumlichkeiten schaffen, wo sie ihren verdienten Lebensabend erleben dürfen.

Gibt es derzeit genügend Angebote?

Kurth: Nein. Die Lebenshilfe Bitburg hat sich zur Aufgabe gemacht, hier massiv etwas zu tun. Wir beabsichtigen nochmal baulich aktiv zu werden, um Wohnraum zu schaffen.

Die Werkstätten sind für viele dieser Menschen der Lebensmittelpunkt. Bei Erreichen des Rentenalters müssen sie in Vollzeit betreut werden. Und der Fachkräftemangel kommt hinzu. Wie sorgt die Lebenshilfe da vor?

Kurth: Die Lebenshilfe sorgt nicht alleine dafür. Da wird unsere Gesellschaft Lebenshilfe Wohngemeinschaften Eifel eingeschaltet. Das ist eine Gesellschaft, die in die Westeifelwerke integriert ist. Hier wird dafür gesorgt, dass die Rentner und die Wohnheimbewohner betreut werden. Fakt ist, dass wir ein Riesenpotenzial von Betreuern suchen, die wir teilweise nicht finden, weil einfach in der Pflege und in der Betreuung der Arbeitsmarkt leer gefegt ist.

Menschen mit Behinderung sollen gleichberechtigt Zugang zu einem inklusiven Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen haben. Wie sehen Sie das? Läuft da derzeit alles in die richtige Richtung oder gibt es noch Nachholbedarf?

Kurth: Meines Erachtens wird dies zu dogmatisch behandelt. Man versucht die Wertigkeit der Förderschulen zu schwächen. Stattdessen will man die beeinträchtigten Menschen in den anderen Schulen unterbringen. Das ist ein guter Ansatz, aber das Gelingen ist sehr, sehr schwierig. Das liegt zum einen an unseren Schulformen. Nicht für alle geistig Beeinträchtigten ist die Einschulung in ein Gymnasium der richtige Weg. Die Schulen können es bisher nicht leisten, trotz ihrer sicherlich guten Pädagogen, diese Herausforderung zu stemmen.

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