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Waldgeister in der Warte-Halle

Waldgeister in der Warte-Halle

In Deutschland kennt ihn kaum jemand, in Ostbelgien ist das ganz anders - und im nordfranzösischen Lille stehen seine Skulpturen im Museum für moderne Kunst: Theodor Wiesen. In seinem Geburtsort Welchenhausen widmet ihm der Museumsverein eine Ausstellung, die am Sonntag beginnt.

Lützkampen-Welchenhausen. Theodor Wer? Künstler? International bekannt? Und der kommt aus der Eifel? Genau so ist es: 1906 wurde Theodor Wiesen im winzigen Welchenhausen (35 Einwohner) geboren.
Früh habe er seine Eltern verloren, erzählt Bernd Kersting, der Vorsitzende des Museumsvereins Warte-Halle. Die verbleibenden Angehörigen zogen dann über die nahe Grenze nach Ostbelgien. Im dortigen Grüfflingen betrieb der Bauschreiner Wiesen eine Sägewerkstatt, bevor er sich als Ruheständler der Malerei und Bildhauerei zuwandte - und zwar so, dass es jeder sehen konnte: Sein Haus an der Straße nach Bastogne war bunt bemalt und gefiel mit den Skulpturen davor vor allem den Kindern, so dass sie ihre Eltern im Auto immer zum Abbremsen aufgefordert hätten. "Die Väter haben wahrscheinlich gedacht: Jetzt fahren wir wieder bei dem Verrückten vorbei", sagt Kersting.
Vom Vorgarten ins Museum


Damals verrückt, heute anerkannt: Die Holz-Skulpturen wie ein zwölf Meter langer Zaun mit Dämonen und weiteren unheimlichen Figuren stehen inzwischen im Museum für moderne Kunst in Lille. Sie sind Teil der dortigen Sammlung von Art Brut ("roher Kunst"), einer Bewegung, die Mitte des 20. Jahrhunderts entstand. Den Begriff für diese unakademische Kunst erfand der französische Maler Jean Dubuffet.
Wiesens Werke gelangten nach seinem Tod 1999 über eine Gruppe französischer und belgischer Sammler nach Lille: Die Kunstfreunde stifteten dem französischen Staat eine ganze Kollektion mit Art-Brut-Werken. Und so befinden sich die Arbeiten des früheren Schreiners aus der Gemeinde Lützkampen unter dem gleichen Dach wie Kunstwerke von Wassily Kandinsky, Paul Klee, Joan Miró, Amedeo Modigliani und Pablo Picasso.
Wiesens Arbeit ist von Ängsten aus der Kindheit geprägt. Er beschrieb einmal, wie sehr ihn die Vorstellung von bösen Geistern beunruhigte - und wie eine als Hexe verschrieene Nachbarin ihn zu trösten versucht habe: "Sie zeigte mir, wie sich die Hecken und Sträucher im Mondlicht bewegten. Da war ein Bär, da Rotkäppchen mit dem Wolf und noch viele andere Gestalten; aber sie sagte mir, das sind ganz lustige Kobolde; die tun keinem Kind was zuleide."
Aus früher Furcht machte der erwachsene Theodor Wiesen Kunst mit einem, wie der Museumsverein schreibt, "zwiespältigen Grundton": teils beängstigend, "teilweise heiter-befreiend". Das sehe man auch auf den Wandgemälden in seinem früheren Haus. Sie werden in Welchenhausen als Reproduktionen zum ersten Mal öffentlich gezeigt.
Eine weitere späte Ehre wird Wiesen ebenfalls zuteil: Bei der Vernissage mit den Bürgermeistern Andreas Kruppert (Verbandsgemeinde Arzfeld) und Patrick Bormann (Ortsgemeinde Lützkampen) wird die Dorfmitte von Welchenhausen in Theodor-Wiesen-Platz umbenannt. "Wir stellen da ein richtig großes Straßenschild hin", sagt Bernd Kersting. Und die Warte-Halle habe künftig die Adresse Theodor-Wiesen-Platz 1.
Unerwartet langlebig


"Bin wohl etwas zu früh auf die Welt gekommen", schrieb Theodor Wiesen, "im Jahr 1906 in Welchenhausen, das auf kaum einer Landkarte zu finden ist. Geistig behindert, Herz und Körper schwach; man gab mir keine lange Lebenserwartung." Er wurde 93 Jahre alt - und kehrt nun mit seinen Arbeiten in der Warte-Halle an seinen Geburtsort zurück. Und im ostbelgischen Grüfflingen ehren ihn 13 Künstler mit einer weiteren Ausstellung.
Die Ausstellung in Welchenhausen beginnt am Sonntag, 3. Juni, 15 Uhr, und dauert bis Samstag, 25. August. Sie ist rund um die Uhr geöffnet, der Eintritt frei. Mehr unter www.kult-our-tal-museum.de
Auch in Grüfflingen widmet man sich dem Künstler: An den Wochenenden von Samstag, 2. Juni, 17 Uhr, bis Sonntag, 24. Juni, zeigt man Werke auf dem früheren Betriebsgelände von Theodor Wiesen. Eine Gruppe ostbelgischer Künstler präsentiert zudem eigene Arbeiten "in den Spuren von Theo Wiesen".
Extra

Die nordfranzösische Stadt Lille ist knapp drei Autostunden von Prüm entfernt und immer eine Reise wert: Die Hauptstadt der Region Nord/Pas de Calais hat 220 000 Einwohner und ist der Geburtsort des ehemaligen französischen Präsidenten Charles de Gaulle. 2004 war Lille europäische Kulturhauptstadt. Zu den Sehenswürdigkeiten gehören die Alte Börse, die Handelskammer, der Grand Place, die wunderschöne Altstadt und die von Festungsbaumeister Sébastien Le Prestre de Vauban errichtete Zitadelle. ch