Warum ein Niederprümer mit seinen Lautsprechern eine kleine Klangrevolution in der Musikwelt bewirkt

Warum ein Niederprümer mit seinen Lautsprechern eine kleine Klangrevolution in der Musikwelt bewirkt

Das darf man getrost revolutionär nennen: Klaus Wangen aus Niederprüm hat Musik-Lautsprecher entwickelt, die dem natürlichen Instrumentenklang so nah kommen wie wenige andere Geräte. Gerade hat er damit auf der Münchener "High End"-Messe Furore gemacht.

Niederprüm. "Herr Wangen, Sie haben die originalgetreueste Klangwiedergabe von allen" - klingt doch gut, wenn man so etwas zu hören bekommt. Und zwar auf Europas größter Messe für Unterhaltungselektronik in München, der "High End". Und dann auch noch von einem Musiker aus dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks.
Der Mann war nicht der Einzige auf der Messe, der am Stand von Klaus Wangen, dem Niederprümer Schreinermeister, Restaurator und Gestalter, ins Schwärmen kam. Etliche andere Aussteller und weitere Fachleute nannten den Klang seiner Lautsprecher schlicht "sensationell".
Das findet auch Helmut Bleffert, der Instrumentenbauer und -erfinder aus Großlangenfeld: Bleffert hat Wangen bei der Entwicklung der Lautsprecher beraten. Sein Urteil: Wangens Geräte hätten ein Element, das "seelisch etwas anrührt", wie es die ganze kalte Elektronik nicht hinbekomme. Und nach dem Probehören in Niederprüm schließen wir uns, wenn auch nicht vom Fach, den Herrschaften an: Was aus Wangens Lautsprechern kommt, klingt nahezu exakt so, als stünden oder säßen die Musiker, die man da hört, im gleichen Raum.Jedes Röhrchen macht Tönche

Jetzt zum schwierigen Teil: Was hat Klaus Wangen da eigentlich gemacht? Lautsprecher, ja gut. Aber was ist das Besondere? Fragt man den fast 53-Jährigen, sprudelt es nur so aus ihm heraus, man kommt gar nicht nach mit dem Mitschreiben. Und muss dabei Wörter wie "Biegewellen-Schallwandlertechnik" zu Papier bringen.

Durchatmen - denn es ist fast schon ganz simpel. Im Prinzip jedenfalls: Bei normalen Lautsprechern ist eine Membran aus Papier eingebaut (das runde Ding ungefähr in der Mitte), die durch einen elektrischen Impuls ins Schwingen versetzt wird - und das ergibt den Ton, den wir dann hören.
Bei Wangen wiederum schwingt sozusagen die ganze Box und füllt den Raum. Denn sie ist aus Spaltholz gebaut. Ohnehin Wangens Hauptmaterial, über das der TV schon einmal berichtete: Wangen arbeitet fast nur noch damit, gestaltet ganze Wände aus dem gespaltenen Rohstoff, der auch nicht glattgeschmirgelt wird, sondern seine natürliche Oberfläche behält. Denn nur beim Spalten, sagt er, bleibe die Röhrenstruktur des Holzes erhalten. Und je länger die Röhrchen, desto schöner schwingt das Holz: "Warum klingen alte Instrumente besser als neue?", fragt Wangen. "Weil sie aus gespaltenem Holz gebaut sind."
Deshalb sind seine Lautsprecher auch eigentlich, wie er sie nennt, "Klangkörper": Denn sie unterliegen dem gleichen Prinzip wie ein Cello, eine Geige, eine Gitarre: Die Saiten werden per Bogen oder Hand in Schwingung versetzt, das Ganze auf den Korpus übertragen - und wir hören Musik (im besten Fall).

Man sieht das Instrumenten-Prinzip auch den "Klangkörpern" an: In der Front sind zwei T-Löcher eingesägt - ähnlich wie die F-Löcher in Cello und Violine. Und die, sagt Wangen, "sind keine Deko". Denn sie tragen dazu bei, das Holz besser schwingen zu lassen. Bis er diese T-Form gefunden habe, sagt Wangen, habe er zusammen mit Bleffert lange experimentiert: "Wir haben 40 Prototypen gebaut." Entwicklungszeit der Lautsprecher insgesamt: "drei Jahre."
Einer der Effekte: Viele Erst-Tester redeten im Anschluss davon, dass sie plötzlich wieder Obertöne hören, die bei der heutigen Digitaltechnik, vor allem bei MP3-Geräten, weggefiltert werden, weil sonst die Datenmenge zu groß wäre. Bei Wangens Boxen sind die Töne wieder da. Macht alles das Holz.
Gerade ist Wangen mit seinen Geräten in den Verkauf eingestiegen. Die ersten Paare sind bereits bei seinen Kunden im Einsatz, unter anderem in der Schweiz. Allerlei Interessenten, auch aus der Branche, waren bereits in Niederprüm, andere haben ihren Besuch angekündigt.

Jedes Stück ist Eifeler Handarbeit, aus besonderem Material und mit ganz besonderen Eigenschaften. Wangen vermarktet nur direkt - und das zu einem Preis ab 6000 Euro pro Paar (Vergleichbares in herkömmlicher Technik geht da schon ins Fünfstellige). Und irgendwie hat man das Gefühl, dass man dafür auch noch einen Satz neue Ohren bekommt.Extra

Die Klangkörper von Klaus Wangen - beim Prümer-Sommer-Start am Sonntag kann man sie sich in Niederprüm anhören - sind aus dem Holz von Gebirgsfichten, die auf mehr als 1000 Metern Höhe wachsen. Diese haben einen besonders feinen Jahresring-Abstand. Der langsame Wuchs der Bäume resultiert in besonderen akustischen Eigenschaften - so erhöht er die Frequenz der Schwingungen. Dass sich Klaus Wangen mit der Übertragung von Musik über Lautsprecher befasst, ist kein Wunder: Er selbst spielt Cello, ebenso wie Sohn Simon (der das bekannterweise bei der Eifeler Band "Elastiq" sehr schön tut). Auch Wangens ein Jahr älterer Bruder Norbert ist ein Gestalter - und was für einer: Der 54-Jährige entwirft unter anderem Küchen für den italienischen Hersteller Boffi. Das Magazin "Wallpaper" zählt den in Wien lebenden Norbert Wangen zu den 100 einflussreichsten Designern der Welt. Alles aus Niederprüm. fpl

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