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Was Bundesgesundheitsminister Spahn zum Ärztemangel in der Eifel sagt

Wahlkampf Bundestagswahl 2021 : „Es ist ein Marathon“: Wie Gesundheitsminister Spahn den Ärztemangel in der Eifel lindern will

Jens Spahn auf Wahlkampftour in der Eifel: In Schönecken stellt sich der Minister den Fragen zur Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum. Was sind seine Antworten auf Ärztemangel, Bürokratisierung, Pflegenotstand und ein als ungerecht empfundenes Krankenkassensystem?

Er kam zu spät, aber dafür mit viel Getöse. Zur Ankunft von Gesundheitsminister Jens Spahn am Freitagnachmittag in Schönecken skandieren rund 40 Demonstranten hinter der Absperrung vor der Gemeindehalle lautstark „Hau ab! Hau ab! Hau ab!“. Es zeigt, was Patrick Schnieder, Direktkandidat für den Eifelkreis, meint, wenn er später auf der Bühne zum Gesundheitsminister sagt: „Du hast ein Amt, um das dich wenige beneiden.“

Drinnen wird Spahn freundlicher empfangen. Obwohl unter den 130 Gästen der Wahlkampfveranstaltung auch nicht jeder ein Parteifreund ist. Drei junge parteilose Frauen, 19 und 20 Jahre alt, wollen einfach mal einen Bundesminister aus der Nähe sehen. Eine Kommunalpolitikerin der Freien Wähler möchte die Gelegenheit nutzen und dem Gesundheitsminister sagen, dass sie die Trennung in gesetzliche Krankenkasse und private Krankenversicherung „unsäglich“ findet. „Die einen müssen kämpfen, dass etwas gemacht wird, die anderen, dass nichts Unnötiges gemacht wird“, sagt Maria Weber. Ein Mann aus dem Publikum kommt ihr in der Fragerunde zuvor.

Gesundheitsministers Spahn: Nein zur Bürgerversicherung

Spahn macht deutlich, dass er nichts davon hält, private und gesetzliche Krankenkasse in einer Bürgerversicherung zusammenzuführen. „Das löst nicht das Grundproblem der Finanzierung des Gesundheitssystems“, sagt er, weil entgegen der weit verbreiteten Meinung längst nicht alle Privatversicherten „Superverdiener“ seien, sondern zum großen Teil Beamte und Pensionäre. Es gebe nur eine Lösung für Wohlstand und ein funktionierendes Gesundheitssystem: „Wirtschaftswachstum.“

Aber natürlich sind auch viele Parteifreunde gekommen. So wie Manuel Ruhe vom CDU-Gemeindeverband Prüm. „Wir Mitglieder wollen Präsenz zeigen. Wann passiert es schon mal, dass wir einen Bundesminister hier haben.“ Und gerade das Thema Gesundheit brenne den Menschen in der Eifel unter den Nägeln. Wie andernorts in ländlich geprägten Regionen sind niedergelassene Ärzte hier rar und aufgrund der Altersstruktur werden sie auf absehbare Zeit noch seltener, weil Nachfolger kaum zu finden sind. „Ich bin gespannt, welche Pläne Spahn hierfür hat“, sagt Manuel Ruhe.

Warum ein Arzt aus Schönecken keinen Nachfolger findet

Der Mann muss den Saal nach eineinhalb Stunden, was diese Frage betrifft, einigermaßen enttäuscht verlassen haben. Denn ein Konzept zur Gewinnung von Landärzten bleibt Spahn schuldig. Schnieder meint, es komme auf Flexibilität an und verweist auf das Beispiel der Ärztegenossenschaft wie sie in Bitburg entstanden ist. Spahn fragt einen anwesenden Arzt aus Schönecken, der ausführt, dass er seit zehn Jahren vergeblich einen Kollegen für seine Hausarztpraxis sucht, nach seinem Lösungsvorschlag. Der Mediziner hat nicht direkt einen Tipp, weiß aber, warum niemand in die Praxis will: Es drohen Regresse wegen teurer Medikamente. Die müsse er als Hausarzt aber verschreiben, weil es weit und breit keinen zuständigen Facharzt gebe. Dazu kommen die abschreckenden Arbeitszeiten aufgrund des Ärztemangels.

Der CDU-Kreisvorsitzende Michael Ludwig hakt nochmal nach: „Welche Konzepte sind angedacht?“ Spahn weicht aus: „Es gibt keine einfache Antwort.“ Er verweist darauf, dass in der Vergangenheit schon viel geschehen sei, zum Beispiel mit Strukturfonds, der Aufhebung der Residenzpflicht und der Einführung der Landarztquote. Spahn spricht von einem „Marathon“. Auf dem Weg zum Ziel sieht er die Telemedizin als hilfreiches Instrument. Wurde die Videosprechstunde nach ihrer Einführung 2019 erst wenig genutzt, habe sie in der Pandemie starken Aufwind erfahren.

Krankenhausmitarbeiterin zu Pflegeberufen: „Überbürokratisierung“

Nicht nur der Ärztemangel ist eine Herausforderung für die Gesundheitsversorgung in der Region. Die Personalratsvorsitzende des Prümer Krankenhauses lenkt den Blick auf den Fachkräftemangel im pflegerischen Bereich und beklagt eine „Überbürokratisierung“. Der Gesundheitsminister kontert mit „Rekordausbildungszahlen“, „besseren Löhnen“ und mehr Digitalisierung zur Entbürokratisierung. Der Arbeitsmarkt sei leer, weil der Beruf schlechtgeredet werde.

Eine Frau vom Landfrauenverband bringt die Schließung der Geburtshilfestationen in kleinen Krankenhäusern in die Diskussion ein. „Ich sehe die geburtshilfliche Versorgung in Gefahr“, sagt sie. Ihre Tochter steht neben ihr mit einem Säugling auf dem Arm. Sie habe erst vor kurzem vor der schwierigen Frage gestanden, in welchem Krankenhaus sie entbinden könne. Spahn sieht das System hier vor einem Spagat, wenn das Angebot flächendeckend vorhanden sein soll - und gleichzeitig hohe Qualität durch viel Erfahrung versprechen soll. „Eine Geburt hatten wir schon lange nicht mehr, aber kriegen wir schon hin“, witzelt er angesichts rückgängiger Geburtenzahlen. Gegenüber 1,4 Millionen Entbindungen im Jahr 1964 seien es heute nur noch 700.000 im Jahr.

Corona spielt an diesem Nachmittag kaum eine Rolle. Nur im Rückblick, um die Pandemiebekämpfung als deutsche Erfolgsgeschichte zu beschreiben. „Wir sind verhältnismäßig gut durchgekommen“, wiederholt Spahn. Das liege an der schnellen Impfstoffentwicklung und einer „guten Haushaltspolitik“, lobt er die Schwarze-Null-Politik, durch die finanzielle Reserven angespart wurden. Es werde keine weiteren Einschränkungen für Genesene und Geimpfte geben, versichert der Minister. Zu der dritten Gruppe schweigt er sich aus, appelliert aber an Impfgegner zu bedenken, dass ihre Entscheidung Folgen für andere habe. „Wir impfen Deutschland in die Freiheit zurück. Das ist die Botschaft des Jahres 2021“, sagt er und wirbt darum, mitzumachen.

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