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Was geschah auf der Schultoilette?

Was geschah auf der Schultoilette?

Der 55-Jährige, dem vorgeworfen wird, ein Mädchen auf der Toilette des Bitburger Gymnasiums bedroht und sexuell genötigt zu haben, beteuert seine Unschuld. Seine Betreuerin glaubt nicht, dass der psychisch Erkrankte in der Lage wäre, solch eine Tat zu planen.

Trier/Bitburg. Am Ende platzt ihm der Kragen. Die ganze Zeit über hat der Beschuldigte ruhig auf der Anklagebank gesessen. Vor ihm auf dem Tisch sein grau kariertes Hütchen, eine Plastikschale mit Blumen, juristische Literatur und eine Bildzeitung. Doch nun, wenige Sekunden vor dem Ende der Sitzung, brüllt er: Er wisse, dass er nicht auf dem Gelände war und schon gar nicht in der Toilette. "Es ist ein Unding, einen Mann sechs Monate lang wegzusperren, weil ein Mädchen sich einen Spaß erlaubt!"
Die erste große Jugendkammer am Trierer Landgericht muss nun herausfinden: Hat er es getan? Oder lügt das Mädchen? Dem psychisch kranken Beschuldigten - einem 55-jährigen Bitburger - wird vorgeworfen, eine Schülerin bedroht und sexuell genötigt zu haben. Die Mutter der 14-Jährigen erstattete Anzeige, nachdem ihre Tochter berichtet hatte, sie sei am 4. Dezember von dem stadtbekannten Mann auf der Schultoilette des St.-Willibrord-Gymnasiums mit einem Taschenmesser bedroht worden. Er habe sie aufgefordert, sich auszuziehen. Andernfalls werde er sie abstechen.
Er war anders gekleidet


Allerdings wird im Laufe der Zeugenbefragung unter Vorsitz von Richter Albrecht Keimburg deutlich, dass es Details in der Geschichte des Mädchens gibt, die sich - zumindest bisher - nicht verifizieren lassen. So hatte sie angegeben, dass der Mann zur Tatzeit (gegen 10.20 Uhr) einen langen braunen Mantel und einen großen braunen Hut getragen habe. Etwa eine Stunde früher jedoch war der 55-Jährige von einem Polizisten in der Stadt gesehen worden: Da trug er (wie meist) ein graues Jackett, ein weißes Hemd und einen grauen Hut. Und genau diese Kleidung hatte er auch an, als er gegen 11.50 Uhr nach einem Arztbesuch in der Mötscher Straße festgenommen wurde. Mithilfe von Weganalysen hat die Kripo herausgefunden, dass er nach der Tatzeit und vor seinem Arzttermin theoretisch die Zeit gehabt hätte, sich zuhause umzukleiden.
Kein Taschenmesser gefunden


Einen braunen Mantel oder Hut hat die Polizei in seiner Wohnung allerdings nicht gefunden. Und auch kein Taschenmesser. Um dem Gericht nahezulegen, dass sein Mandant unschuldig ist, geht Verteidiger Günter Blesius auf die räumliche Situation am Gymnasium ein. Die Toiletten befinden sich ganz hinten im Gebäude. Um dorthin zu gelangen, muss man entweder mitten durch die Schule gehen oder den gut einsehbaren Lehrerparkplatz überqueren, wo es eine Hintertür gibt. Gesehen wurde der Beschuldigte nicht. Über ihn und das Mädchen ist am zweiten Verhandlungstag einiges zu erfahren.
Der Beschuldigte blüht auf, während er von seinem Leben berichtet, und dankt dem Richter immer wieder für sein Interesse. Er erzählt von seiner schweren Geburt im Bitburger Krankenhaus (auch wenn ihn viel mehr interessieren würde, wo er gezeugt wurde), von seiner frühen Einschulung, seiner Ausbildung in einer Metallwerkstatt und seinem Umzug nach Süddeutschland. Dort lernt er auch seine Ex-Frau kennen, mit der er eine Tochter hat. Doch die Ehe hält nur drei Jahre. Er kehrte nach Bitburg zurück. Zu seinen Brüdern hat er lediglich "telepathischen Kontakt". Seit seinem 31. Lebensjahr bezieht der an einer psychischen Krankheit leidende Mann Frührente. Seine Betreuerin beschreibt ihn als höflich und recht zuverlässig. Sie glaubt nicht, dass er zu so komplexen Planungen in der Lage wäre, wie die ihm zur Last gelegte Tat sie erfordern würde.
Polizisten sagen aus, der Beschuldigte habe zwar zig Einsätze ausgelöst, sei jedoch nicht als Gewalttäter bekannt. Richter Keimburg verweist auf einen Aktenstapel, aus dem hervorgehe, dass der Mann auch "übelste sexuelle Beleidigungen" ausgesprochen und andere mit einem Baseballschläger bedroht habe.
Das Mädchen wird von Lehrern als verschlossene Einzelgängerin beschrieben, die sich isoliere. Am 4. Dezember verließ sie die Schule nach der dritten Stunde, ohne jemanden zu informieren. Sie selbst wird später noch aussagen.
Der Mann, der aufgrund ihrer Aussage festgenommen und in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht wurde, hat inzwischen Anzeige gegen sie erstattet. Am 26. Juni und 11. Juli sucht das Gericht weiter nach Antworten auf die Frage, wem Glauben zu schenken ist.