Was uns die Erde Gutes spendet
Bitburg/Prüm/Wittlich · Früher war die Eifel vor allem landwirtschaftlich geprägt. Für die heutige Großeltern-Generation war es selbstverständlich, Gemüse selbst anzubauen. Heute ist das anders. Geht der Dank für die Ernte deshalb verloren? Der TV geht in der Eifel auf Spurensuche.
Bitburg/Prüm/Wittlich. Äpfel aus Neuseeland im Supermarkt, Milch aus dem Karton, Fleisch abgepackt aus der Selbstbedienungstheke: Es scheint uns selbstverständlich, dass es alles zu kaufen gibt und zwar im Überfluss. Früher war das anders. Doch wer weiß heute noch aus eigener Erfahrung, wieviel Arbeit in einem Sack Kartoffeln steckt?
Erntedank ist eigentlich kein ausgesprochen christliches Fest. Schon von jeher hatten Menschen in aller Welt das Bedürfnis, für die Gaben von Feld und Tier zu danken. Etwa in Form von Opferfeiern oder wie im Judentum mit dem Laubhüttenfest zum Abschluss der Ernte. In der katholischen Kirche gibt es das Fest Erntedank seit dem 3. Jahrhundert. In Deutschland hat die Bischofskonferenz 1972 den ersten Sonntag im Oktober als Erntedankfeiertag festgelegt. Manche Dörfer feiern ihn allerdings bereits Ende September, an der Mosel wegen der Weinlese oft auch erst im November.
Sie pflegen das Brauchtum
In der Eifel gibt es noch Orte wie Rockeskyll, Mückeln oder Bettenfeld, in denen es Festumzüge zu Erntedank gibt. Auch in anderen Dörfern sind viele Menschen rührig, wenn es darum geht, das Fest nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Eine von ihnen ist die 75-jährige Anita Keil aus Gransdorf. Schon seit mehr als 20 Jahren gestaltet sie mit der Frauengemeinschaft jedes Jahr ein großes Wagenrad in der Gransdorfer Kirche mit Getreide, Brot, Nüssen, Obst und Gemüse.
Die Frauen räumen dafür ihren Garten und "wenn mal was fehlt oder der Blumenkohl schon abgeerntet ist, dann kaufen wir auch was dazu", erzählt sie. Früher hätten sie auch nach dem Segnungsgottesdienst Brötchen verkauft und damit eine Gindorfer Ordensschwester in der Mission unterstützt. "Aber Brötchen sind so teuer geworden, da konnten wir keinen Gewinn mehr erzielen", sagt Anita Keil, die es schade findet, dass die Frauengemeinschaft keinen Nachwuchs findet: "Wer soll diese und andere Traditionen dann weiterführen? Das wird wohl verloren gehen."
Als in der Eifel noch fast jeder Landwirtschaft hatte, erlebten Kinder ganz selbstverständlich, dass Feldarbeit harte Arbeit ist, die nicht immer von Erfolg gekrönt wird. Dass ungünstige Witterung oder ein Schädlingsbefall leicht ein ganzes Auskommen vernichten kann. In dieser Zeit war das Erntedankfest noch von großer Bedeutung. Die Arbeit, aber nicht die Ernte, waren selbstverständlich.
Und heute? "Ich würde mir wünschen, dass wir nicht so verschwenderisch mit Lebensmitteln umgehen", sagt Sebastian Reif aus Katzwinkel. Der 24-jährige Landwirtschaftsmeister, Vorsitzender der Landjugend Daun, erzählt: "Wenn das, was ich gesät habe, trocken in der Scheune ist, ich auf einen gutes Jahr zurückschauen kann und große Wetterkatastrophen ausgeblieben sind, dann ist Erntedank für mich ein persönlicher Feiertag."
Im Jugendhilfezentrum Helenenberg in Trägerschaft der Salesianer Don Boscos ist Wolfgang Marx Ausbildungsleiter. Er sagt: "Erntedank hat bei uns nicht die Bedeutung wie Weihnachten oder Ostern. Aber unsere Jugendlichen aus der Gärtnerei gestalten jedes Jahr den Erntealtar in der Kirche, damit die Bräuche nicht völlig verloren gehen." Anders sieht es in den Kindertagesstätten aus.
Äpfel aus dem eigenen Garten
Die Kleinen lassen sich leichter begeistern. In vielen Einrichtungen gehört Erntedank zum festen Jahresprogramm. Leiterin Claudia Schmitz von der Kindertagesstätte in Neuerburg: " Für uns ist das ein Thema. Wir sprechen über regionales Obst und Gemüse und gesunde Ernährung. Die Äpfel von unseren Bäumen verarbeiten wir gemeinsam mit den Kindern."
In Wittlich-Lüxem gibt es seit 15 Jahren vor Erntedank eine "Bollerwagen-Aktion". Pfarrgemeinderatsvorsitzende Matthia Walter erklärt: "Sinn der Sache ist, dass Kinder und Jugendliche lernen, sich für andere einzusetzen und dankbar zu sein." So ziehen nächste Woche die Lüxemer Kinder mit ihren Bollerwagen von Haus zu Haus und sammeln Obst und Gemüse, das an Erntedank für einen guten Zweck verkauft wird. Eine Schwierigkeit dabei: "Es gibt heute nicht mehr so viele Gärten, die noch bewirtschaftet werden, wo die Kinder was bekommen", sagt Matthia Walter.
Beide Aspekte - Dankbarkeit und das Bewusstsein, dass es anderen nicht so gut geht - gehören zum Erntedank. Das Bistum hat auf den kommenden Erntedank-Sonntag, wie in den vergangenen Jahren auch, die bistumsweite Kollekte für das Partnerland Bolivien gelegt. In manchen Dörfern werden Alte, Kranke und Bedürftige mit gesegnetem Brot, Obst oder Gemüse beschenkt. So in Lissingen, wo Bernhard Krämer (78) seit über 57 Jahren Küster ist: "Das war bei uns schon immer so. Leider haben wir dieses Jahr keinen Erntedankgottesdienst. Aber früher wollten immer alle etwas von dem gesegneten Brot haben. Das war schon etwas Besonderes."
Erntedank ist heute vor allem ein kirchliches Fest. Leider ohne eigenes Liedgut, wie Regionalkantor Christoph Schömig aus Prüm bestätigt. Er verweist auf die klassischen Lieder zur Gabenbereitung, wie "Was uns die Erde Gutes spendet" oder "Nun danket alle Gott". Aber, so sagt Christoph Schömig: "Die eigentliche Frage ist doch: In einer Zeit, in der wir alles im Überfluss haben, uns um nichts sorgen müssen - was ist Erntedank für uns heute noch?"