Wenn Angehörige kein Geld haben, stehen Bestatter vor einem Dilemma

Kostenpflichtiger Inhalt: Wenn der Tod zu teuer wird : Haben Angehörige kein Geld, stehen Bestatter vor einem Dilemma

Der Verstorbene hatte kein Geld, seine Hinterbliebenen auch nicht. Bestattet werden muss er aber laut Gesetz binnen sieben Tagen. Wenn das Sozialamt länger braucht, um die Bedürftigkeit zu prüfen, sitzen die Bestatter in der Klemme.

Für Bestatter Hans Steffen geht es um die Würde des Menschen. „Die ist unantastbar, auch nach dem Tod“, sagt er. Und diese Würde sieht er beschädigt, sollten Leichname wochenlang in Kühlzellen liegen, bevor sie bestattet werden. Auch für die Hinterbliebenen sei dieser Zustand belastend: „Ohne Begräbnis können die meisten den Verlust nicht verarbeiten.“ Was aber, wenn sich Angehörige selbst die günstigste, eine anonyme Bestattung nicht leisten können?

Zwar ist es so, dass das Sozialamt des Kreises in solchen Fällen die Kosten übernimmt. Aber das passiert erst, nachdem die Hinterbliebenen einen Antrag gestellt und alle erforderlichen Unterlagen vorgelegt haben und diese vom Amt geprüft wurden. Nach Auskunft der Kreisverwaltung beträgt die Bearbeitungszeit „wenn alle notwendigen Unterlagen vorliegen“ weniger als eine Woche. Aber die Menschen, brauchen in der Regel länger, alles zusammenzusuchen. Nach Auskunft von Steffen deutlich länger als die sieben Tage binnen derer ein Leichnam beerdigt werden muss.

Ein Dilemma, das nicht neu ist, aber das sich verschärft hat. „Noch vor einem halben Jahr“, sagt Steffen, „habe ich die Menschen beruhigen können.“ Das Ordnungsamt, das dafür zuständig ist, dass die Bestattungsfrist eingehalten wird, habe eine Kostenübernahme gewährleistet. „Die haben uns den Auftrag gegeben und bekamen später das Geld von den Angehörigen oder dem Sozialamt zurück“, sagt Steffen. Doch so laufe das nun nicht mehr.

Eine Situation, die Bestatter in Gewissensnöte bringt: „Da sitzen weinende Menschen vor mir und ich frage mich, was passiert denn, wenn wir Bestatter uns querstellen und nicht mehr bereit sind, in Vorleistung zu treten?“, fragt sich Steffen. Für ihn müsste die Stadt auch schon allein wegen der Seuchengefahr ein Interesse daran haben, dass auch die Ärmsten der Armen möglichst schnell beerdigt werden. „Die werden ja nicht schöner, je länger sie liegen.“ Und eben da sieht er auch die Würde in Gefahr.

Die Stadt Bitburg teilt auf TV-Anfrage mit: „Für Bestattungen ist das Ordnungsamt nur zuständig, wenn es sich um Menschen handelt, die im Bereich der Stadt versterben und die keine Angehörige mehr haben. In allen anderen Fällen ist der Angehörige für die Beerdigung verantwortlich.“ Wer mittellos sei, könne sich ans Sozialamt wenden.

Nach Angaben der Kreisverwaltung haben 2018 insgesamt 28 Menschen beantragt, dass die Bestattungskosten für ihre Angehörigen vom Sozialamt übernommen wurden – 24 Anträgen wurden bewilligt. 31.140,13 Euro hat das Sozialamt dafür bezahlt – rund 1300 Euro pro Fall.

Die Frage, ob die Praxis, wie von Steffen und auch anderen Bestattern beschrieben, in Bitburg mal anders war und warum diese geändert wurde, beantwortet das Ordnungsamt zunächst nicht. Auf nochmalige Nachfrage kommt die Antwort: „Die Praxis hat sich nicht geändert, die Stadt streckt in den Fällen vor, in denen ein Angehöriger kurzfristig nicht greifbar ist.“ Der Bestatter, heißt es in der Stellungnahme, müsse selbst entscheiden, ob er solche Aufträge annimmt.

Zehn bis zwölf Mal im Jahr kommen solche mittellosen Menschen ins Bestattungsinstitut Steffen. Er kann sie nicht ablehnen: „Mir geht das ans Herz.“ In den meisten Fällen bekäme er irgendwann das Geld. „Nicht selten bleibt aber auch der einzige Gewinn mein Seelenwohl.“

Ein Problem, das auch andere kennen. Klaus Wagner vom Bestattungsinstitut Wagner und Loew sagt: „Es ist doch nicht unsere Aufgabe, das Geld über Wochen und Monate vorzustrecken.“ Er fordert, dass die öffentliche Hand in Vorleistung tritt. „Sonst ist das Risiko zu hoch.“ Für Wagner ist es ein „Systemfehler“, die Angehörigen seien die Leidtragenden. Für Steffen ist es „die traurigste Melodie, die ich kenne“.

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