Wenn der gesamte Besitz in eine Plastiktüte passt

Bitburg/Prüm · Sie besitzen fast nichts und schlafen auf Bänken in Parks: Für junge Menschen, die auf der Straße leben, ist Waltraut Alten oft die einzige Hoffnung auf Hilfe. Die Diplom-Pädagogin ist eine von zwei Streetworkern im Eifelkreis. Rund 80 Jugendliche betreut sie jährlich. Der TV stellt ihre Arbeit vor.

Bitburg/Prüm. Er hat kein Zuhause. Keinen Halt. Kein Geld. Und deshalb oft tagelang nichts zu essen. Seine gesamten Habseligkeiten trägt er in zwei ramponierten Plastiktüten in den Händen. Der 20-Jährige kommt aus schwierigen familiären Verhältnissen. Seine Eltern kümmern sich nicht um ihn, von seiner Freundin wurde er vor die Tür gesetzt. So oder ähnlich sehen die Schicksale aus, um die sich Waltraud Alten und Franz Urfels täglich auf den Straßen von Bitburg, Prüm und Umgebung kümmern. Ihr Beruf nennt sich Streetworker (siehe Extra). Für ihre Schicksale schämt sich mancher Teenager. Mit einem Journalisten wollen sie nicht sprechen, auch nicht anonym. Die Jugendlichen sind oft scheu, haben wenig Vertrauen zu anderen Menschen. "Anonymität ist deshalb wichtig", begründet Alten die Tatsache, warum die Namen der Jugendlichen nicht genannt werden dürfen. "Der Job ist eine große Herausforderung", sagt Alten. Sie macht ihn seit Januar 2013. Die Diplom-Pädagogin hat schon immer mit Jugendlichen zusammengearbeitet. Allerdings waren das bei der Arbeit als Jugendpflegerin keine problematischen Kinder. Dann hat sie sich bewusst für die Kids auf der Straße entschieden. "Diese Menschen haben einfach keine Lobby", sagt sie. Jeder habe das Recht auf eine faire Chance, die diese Jugendlichen oft nicht hatten. "Und dabei kann ich helfen", sagt Alten.
Ihre Arbeit ist in drei Bereiche aufgeteilt. Zum einen ist sie in der Stadt unterwegs, um Betroffene ausfindig zu machen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Der zentrale Busplatz ZOB, Waisenhauspark, Fußgängerzone und ein großes Einkaufszentrum sind dabei Anlaufstellen. Außerdem bietet sie Projekte und Präventionsarbeit an. Als Drittes leistet sie Einzelfallhilfe. Dazu gehört auch der Junge - nennen wir ihn Thorsten - der bei ihr vor der Bürotür stand. Weil Thorsten nirgendwo unterkommen konnte, brachte Alten ihn erst einmal in einer der Notunterkünfte der Stadt nahe der Feuerwehr unter. Die müsse die Stadt vorhalten, sagt sie. Luxuriös sind die Zimmer nicht, sondern unmöbliert, aber mit Küchenzeile und Bad. "Für solche Fälle haben wir eine Garage im Hof der Caritas, wo wir Thorsten mit allem Lebensnotwendigen versorgen konnten", sagt die Streetworkerin.
Thorsten hat dort eine Matratze, Bettzeug, Handtücher, Geschirr und auch Besteck bekommen. Als er hörte, er dürfe sich einfach nehmen, was er braucht, habe er erstaunt gesagt: "Ich habe noch nie etwas geschenkt bekommen." Die gebrauchten Gegenstände durfte der 20-Jährige behalten. Zu den Aufgaben der Streetworkerin gehörte auch, mit Thorsten Arbeitslosengeld zu beantragen, mit ihm bei der Tafel einzukaufen und ihm bei der Wohnungs- und Jobsuche zu helfen. "Wenn sie sich einmal geöffnet haben, kommen sie bei Problemen immer wieder zu mir." Viele Jugendliche brauchen laut Alten psychologische oder suchttherapeutische Hilfe, bevor an eine Lehrstelle oder einen Job zu denken ist. "Weil einige Betroffene nicht gut mit Geld umgehen können, übernehme ich oft die Einteilung des Arbeitslosengeldes." Laut Alten funktioniert alles, wo sie helfend daneben steht, gut, "aber wenn die Betroffenen etwas allein machen sollen, wird es schwierig." Ein Elternersatz sei sie nicht, das würden auch die Jugendlichen so sehen.
Ihre Erfolge sind oft klein. Sie freue sich, wenn ein Drogensüchtiger von selbst einsehe, dass er eine Therapie brauche. Oder ein Jugendlicher sein Berufspraktikum durchhalte. Wichtig sei, sich emotional nicht zu betroffen zu machen. "Es ist gut, dass ich schon lange im Geschäft bin, sonst würde ich mir manchmal die Augen ausheulen", sagt Alten, wenn sie an die Schicksale mancher junger Menschen denkt.Extra

Streetwork gibt es im Eifelkreis seit rund zehn Jahren. Die beiden Vollzeitstellen verursachen Kosten in Höhe von 120 000 Euro, die hauptsächlich vom Eifelkreis und zu geringen Teilen vom Land und der Caritas getragen werden. Laut Waltraud Alten werden rund 80 Jugendliche jährlich betreut. Derzeit überprüft das Institut ISM im Auftrag des Kreises, welche Formen der Jugendarbeit sinnvoll sind oder angepasst werden müssen. Laut Michael Billen, Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses, gibt es Überlegungen, in jeder Verbandsgemeinde (VG) Jugendsozialarbeiter einzusetzen, die den gesamten Bereich - also auch Streetwork - abdecken könnten. Modellprojekte könnten laut Billen in den VGen Südeifel und Arzfeld gestartet werden. Ob die Streetworker dann möglicherweise weiter halbtags eingesetzt werden und den anderen Teil ihrer Arbeit in der Jugendarbeit leisten oder ob die Stellen wegfallen, ist noch unklar. Es müsse viel diskutiert werden. Billen: "Ich war Vorreiter bei der Einführung von Streetwork. Aber jetzt tun wir, was jeder gute Unternehmer tut. Wir prüfen, ob wir die richtigen Instrumente an den richtigen Stellen einsetzen." MRA