1. Region
  2. Bitburg & Prüm

Wenn die Pendler Abschied nehmen

Wenn die Pendler Abschied nehmen

Kein dramatischer Schwund insgesamt - trotzdem sinken die Einwohnerzahlen auch in der Verbandsgemeinde (VG) Obere Kyll. Die Entwicklung wird sich fortsetzen, sofern die Prognosen des Statistischen Landesamts stimmen.

Jünkerath. Herzlich willkommen an der Oberen Kyll: Jedes Kind, das in der Verbandsgemeinde zur Welt kommt, erhält ein solches Schreiben von Bürgermeisterin Diane Schmitz. Sehr viel zu tun hat sie in dieser Hinsicht allerdings nicht zurzeit: Im Juni gingen fünf dieser Briefe an die kleinen Adressaten und ihre Eltern raus, im Mai nur zwei. Insgesamt wurden im ersten Halbjahr 18 Kinder geboren, 2008 waren es während der ersten sechs Monate noch um die Hälfte mehr, nämlich 27.
Statistik kann verwirren: Ist die Zahl der Einwohner in der VG Obere Kyll nun auf lange Sicht gestiegen oder gefallen? Auf den ersten Blick jedenfalls sieht es gar nicht so düster aus, wenn man den vom Statistischen Landesamt untersuchten Zeitraum von 1990 bis 2009 betrachtet.
In diesen neunzehn Jahren stieg die Einwohnerzahl in der Verbandsgemeinde sogar - von 8291 Menschen auf 8733, ein Zuwachs um 5,3 Prozent. In zehn der 14 Ortsgemeinden lebten mehr Bürger, nur vier Dörfer sind kleiner geworden. Vor allem in Kerschenbach (172 statt 136 Einwohner), aber auch in Lissendorf, Gönnersdorf und Stadtkyll wohnen heute deutlich mehr Menschen. Verluste verzeichnen Jünkerath, Ormont, Reuth und Scheid.
Trotzdem täuscht das zunächst positive Bild: Denn bereits vor acht Jahren begann, nach dem Höchststand mit etwa 9200 Bürgern, dennoch eine Abwärtsentwicklung. Und diese wird sich fortsetzen, sofern die Prognose des Landesamts stimmt: Dann werden 2020 nur noch etwas mehr als 8000 Menschen im Oberen Kylltal wohnen. Wobei die Kommune dann als Verwaltungseinheit nicht mehr existieren wird, weil sie ohnehin auf der Roten Liste der Landesregierung steht und mit ihren Nachbarn fusionieren muss (der TV berichtete).
Bürgermeisterin Diane Schmitz sieht mehrere Gründe für den Rückgang: Zum einen steige der Anteil älterer Bürger - und die bekommen keine Kinder mehr. "Und natürlich ist die Landflucht von der Bundesregierung gefördert worden: Man hat die Entfernungspauschale gekürzt, die Spritpreise sind gestiegen, und die Eigenheimzulage ist weggefallen."
Bauland billig, Wohnwert hoch


Wie kann man dieser Entwicklung entgegensteuern? Indem man auf die Vorzüge der Kommune hinweist: "Wir haben attraktive Baulandpreise und einen hohen Wohnwert", sagt Diane Schmitz. "Und wir tun alles, um die Infrastruktur zu erhalten."
Dazu zählen auch gesunde Betriebe und eine niedrige Arbeitslosenquote. Die allerdings ist schwierig zu ermitteln, denn die Bundesagentur für Arbeit führt darüber in den Verbandsgemeinden keine Statistik. Gemeldet sind zum Juni 2011 in den 14 Dörfern der VG 194 Menschen ohne Arbeit. In der Verbandsgemeinde leben 2488 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, die aber nicht alle dort auch arbeiten: Viele pendeln zum Arbeitsplatz in Nachbarkommunen, in den Eifelkreis Bitburg-Prüm oder nach Nordrhein-Westfalen. Einen festen Job innerhalb der VG wiederum haben etwas mehr als 1600 Menschen - aber davon wohnen nicht alle dort, sondern pendeln täglich hinein. Nicht erfasst bei den Beschäftigten sind außerdem die Selbstständigen und die Beamten, die in der Verbandsgemeinde leben und arbeiten.
Deshalb kann man sich nur an einer Annäherung versuchen: In der Bundesrepublik gelten etwa die Hälfte der Bürger als arbeitsfähig - an der Oberen Kyll wären es also etwa 4300. Insgesamt ergibt das, vorsichtig kalkuliert, eine Arbeitslosenquote von unter vier Prozent. "Da spricht man allgemein schon von Vollbeschäftigung", sagt Diane Schmitz.
Das Statistische Landesamt hat, ausgehend vom Datenstand des Jahres 2006, eine Prognose für die Entwicklung der Einwohnerzahl in den Kommunen bis 2020 gestellt. Im Kreis Vulkaneifel werden demzufolge in neun Jahren nur noch knapp 59 000 Menschen wohnen, 6,7 Prozent weniger als 2006 mit 63 161 Bürgern. Alle fünf Verbandsgemeinden Daun, Gerolstein, Hillesheim, Kelberg und Obere Kyll werden schrumpfen - die Obere Kyll wird im Vergleich zu 2006 mehr als neun Prozent weniger Bürger aufweisen (8066 statt 8934 im Jahr 2006). In den anderen Kommunen beträgt der Rückgang etwa sieben Prozent. fpl