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Wenn Linden leiden: War da was faul?

Umwelt : Wenn Linden leiden: War da was faul?

Die Kronen von zwei Linden sind in Wiersdorf der Kettensäge zum Opfer gefallen. Bürger behaupten, der Schnitt wäre nicht nötig gewesen. Aus dem Verwaltungsrat der Pfarrei heißt es hingegen: Die Bäume seien verfault gewesen. Zufrieden ist mit den Arbeiten aber niemand. Doch wer ist schuld?

Meterhoch ragen die Stämme in den Himmel. Das Grün der Kronen spannt sich über die Kapelle. Generationen von Paaren haben sich im Schatten der Bäume das Ja-Wort gegeben, Hunderte Eltern ihre Kinder taufen lassen. Doch das ist vorbei. Junge Wiersdorfer werden die mehr als 100 Jahre alten Linden wohl nur noch auf Hochzeitsfotos sehen. Denn von den Riesen sind lediglich Stümpfe übrig.

Vor wenigen Wochen haben Mitarbeiter einer Firma aus  Mötsch die Bäume zurückgeschnitten. Beauftragt wurden die Arbeiten vom Verwaltungsrat der Pfarrei. Das Ergebnis regt einige Wiersdorfer auf.

„Es ist nichts passiert, das eine solche Massakrierung gerechtfertigt hätte“, sagt etwa Klaus Hommerich. Der Anwalt aus Düsseldorf hat ein Wochenendhaus in Wiersdorf und ärgert sich sehr über die Entkronung der Linden, die er „einen Akt der Barbarei“ nennt. Gestützt wird er durch ein Gutachten vom 5. Juli 2018. Schon damals waren die alten Bäume ein Thema im Ort und im Verwaltungsrat. Einige Bürger waren der Meinung, die Riesen gefährdeten die Verkehrssicherheit.

Um der Sache auf den Grund zu gehen, hatte der Wiersdorfer Ralf Mayeres im Sommer eine  Baumprüfung beim Unternehmen Ökoplan aus Trier in Auftrag gegeben.

Das Ergebnis dieser Untersuchung: Beide Linden seien „verkehrssicher, zukunftsfähig und vital“. Es sei „kaum Totholz“ vorhanden, das herunterfallen könnte. Als Pflege empfahl der Diplomforstingenieur und Gutachter, die Äste rund um das Kapellendach etwa zwei bis drei Meter zurückzuschneiden.

„Mehr wäre nicht nötig gewesen“, sagt Mayeres: „So ein Linden-Ensemble wie wir es hatten, gibt es nur selten.“ Doch statt dieses zu pflegen, habe man es ohne Not zerstört. „Die Bäume werden nie wieder so aussehen, wie sie waren“, meint Mayeres, der sich als gelernter Landschaftsgärter mit Pflanzen auskennt. Er befürchtet, dass Pilze die Schnittkanten befallen, die Bäume faulen könnten. Nach Meinung von Mayeres werden nur dünne Ästchen aus den Stümpfen sprießen. Eine prächtige Krone werde sich nie wieder bilden.

„Das wird ein Witz von einem Baum sein“, prophezeit Hommerich, der nicht versteht, warum sich in Wiersdorf keiner an das Gutachten gehalten hat. Dieses hätte schließlich der Ortsgemeinde und dem Verwaltungsrat der Pfarreiengemeinschaft Rittersdorf vorgelegen.

Das bestätigt Pastor Berthold Fochs, Vorsitzender der Pfarreiengemeinschaft Rittersdorf und des Verwaltungsrates. Der Gutachter habe im Sommer 2018 aber auch Probleme festgestellt: So breite sich das Wurzelwerk der Linden stark aus und führe dazu, dass sich Bodenplatten rund um die Kapelle höben. Später, im Herbst, sei deswegen sogar mal ein Gottesdienstbesucher zu Fall gekommen. Darüber hinaus wucherten die Kronen über das Kapellendach, was dazu führe, dass sich Feuchtigkeit bilde. Die Fassade sei davon bereits „sichtbar angegriffen“, schreibt Fochs in einer Stellungnahme. Es wäre nur noch eine Frage der Zeit gewesen, bis es auch über dem Eingangsportal „massive Probleme“ gegeben hätte.

Graf Ferdinand von und zu Westerholt und Gysenberg gibt dem Pfarrer Recht. Der Ortsbürgermeister des Nachbarörtchens Hamm sitzt nicht nur im Verwaltungsrat: Er ist auch Forstwirt und sagt: „Ich sehe jeden Tag viele Bäume. Und bei diesen zweien bestand Handlungsbedarf.“ Nach seiner Meinung hätte man die Bäume besser gefällt als sie nur zu beschneiden. Zumindest einer von ihnen sei  „völlig faul“ gewesen und habe gedroht, auseinanderzubrechen – etwa bei einem Sturm. „Sie stehen zu lassen, wäre fahrlässig gewesen“, meint der Graf, der sich die Bäume im Winter angesehen habe, weil das Thema im Verwaltungsrat aufgekommen sei.

All dies zusammengenommen seien gute Gründe für den Baumschnitt, finden der Adelige und der Pfarrer. „Die Wertigkeit der Bäume zur Wertigkeit der Kirche als Gottesdienstort und Kulturgut muss in Relation gestellt werden“, sagt Fochs. Und bei dieser Abwägung habe die Mehrheit des Verwaltungsrates in einer Sitzung entschieden, die Bäume beschneiden und eben nicht fällen zu lassen.

Was letztlich dabei herausgekommen ist – damit sei auch der Pfarrer nicht zufrieden, sagt er: „Die ausgeführten Arbeiten wirken auf mich heftig und überzogen!“ Dass nur noch der Stamm des Baumes mit seinen Ausläufern übrig geblieben sei, bedürfe einer Erklärung der Fachfirma. Die Firma gab auf TV-Anfrage keinen Kommentar ab.

 Wiersdorf Linden Kapelle
Wiersdorf Linden Kapelle Foto: Ralf Mayeres

Eine solche habe der Verwaltungsrat am Mittwoch in einem Brief angefordert.