Wenn Schüler Drogen nehmen: Hat die Eifel ein Problem?

Nach Hammer-Attacke in Neuerburg : Wenn Schüler Drogen nehmen: Hat die Eifel ein Problem?

Ein Student  des Eifel-Kollegs hat im September 2018 eine Frau mit einem Hammer angegriffen. Begangen hat er die Tat im Drogenrausch. In seiner Clique hat Rauschgift zum Alltag gehört. Warum hat die Schule nichts bemerkt?

„Drogen waren mein Lebensinhalt“, sagt der junge Mann. Die Aussage fasst zusammen, wie der 23-Jährige das Jahr 2018 erlebt hat. Nämlich im Rausch: Fast täglich raucht der Schüler des Neuerburger Eifel-Kollegs Marihuana. Auf Partys schluckt er Pillen, zieht sich Amphetamin und Kokain durch die Nase. Zuhause sucht er das Internet nach Substanzen ab, die sein Bewusstsein erweitern sollen.

Es gibt kaum eine Substanz, die der Trierer seinem Körper in dieser Zeit nicht zumutet. Bis zu jenem letzten Schultag vor den Herbstferien 2018 glaubt er, die Kontrolle zu haben. Dann endet ein Horrortrip für ihn in der Psychiatrie und für eine Frau im Krankenhaus. Er hat die Fremde mit einem Hammer angegriffen  (der TV berichtete). Im Drogenwahn glaubte er, dass er „sie zerstören“ müsse, um sich „aus seinem Gefängnis zu befreien“.

Das Drogenproblem: Passiert ist das rund um einen Ort, der vielen Eltern als sicher gilt: ein Schulgelände. Es seien zudem Klassenkameraden und ehemalige Schüler des Eifel-Kollegs Neuerburg gewesen, die ihn an die Drogen herangeführt hätten, sagt der Beschuldigte. Sind diese Vorfälle ein Grund zur Besorgnis?

Nach Meinung von Jens Kemper sind sie das nicht. Der Schulleiter des Eifel-Gymnasiums sieht in dem Verbrechen „einen bedauerlichen Einzelfall“ und in dem mutmaßlichen Täter einen „Nestbeschmutzer“. Dass es unter seinen Schülern ein gravierendes Drogenproblem gibt, glaubt er nicht.

Einen gewissen Rauschgiftkonsum gebe es an jeder Schule, sagt Kemper. Und in Neuerburg seien die Schwierigkeiten sicherlich nicht größer als sonst wo. Das bestätigt auch der Bitburger Polizeichef Christian Hamm: „Das Problem betrifft alle weiterführenden Schulen – Gymnasien genauso wie Realschulen und Berufsbildende Schulen.“ Neuerburg sei da keine Ausnahme, die Hammer-Attacke aber ein „extremer Ausreißer“ (mehr im Kurzinterview). In letzter Zeit seien bei Schülern keine Betäubungsmittel gefunden worden.

Vor diesem Vorfall sei es lange ruhig gewesen, sagt auch Direktor Kemper: Vor acht Jahren seien zuletzt zwei junge Männer mit Marihuana aufgefallen und „sofort rausgeflogen“. Seitdem sei der Schulleitung auch im Eifel-Kolleg nichts Verdächtiges aufgefallen.

Die Sanktionierung: Das Eifel-Kolleg besteht seit 2010. Erwachsene haben hier die Möglichkeit, das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachzuholen. Einer der 35 Studenten war der Hammer-Angreifer. Inzwischen wurde der 23-Jährige per Beschluss der Gesamtkonferenz aus Lehrern, Schülern und Eltern vom Kolleg verwiesen. Auch den Mietvertrag im Wirtschaftsgebäude des Gymnasiums hat die Schulleitung ihm gekündigt.

Dort hatte er zusammen mit drei weiteren Kollegiaten gelebt, abseits des Internats, und weitestgehend ohne Aufsicht. „Wir wollten den älteren Schülern mehr Freiheiten ermöglichen“, erklärt Kemper. Im Internat müssten sich Bewohner an die Hausordnung halten, sie würden von Erziehern beaufsichtigt. Für Erwachsene seien diese Verhältnisse aber einengend.

In den vier Appartements im Wirtschaftsgebäude gab es diese Kontrolle daher nicht. „Das war ein normales Mietverhältnis“, sagt Kemper: „Wir haben den jungen Männern und Frauen einen Vertrauensvorschuss gewährt.“ Doch das Vertrauen wurde enttäuscht.

Wie im Prozess klar wird, hat der Angeklagte in seinem Zimmer täglich Gras geraucht und Pillen geschluckt. Im Rausch habe er, erzählt eine Nachbarin, Möbel verrückt und Türen geschlagen. Andere Kollegiaten, sagt Kemper, hätten es zudem mit der Hygiene nicht allzu genau genommen.

Seit dem Vorfall wird das Wirtschaftsgebäude daher nur noch an Bedienstete der Schule vermietet, nicht mehr an Studenten. Wer günstig nahe der Schule leben möchte, muss nun – wie alle anderen – ins Internat. „Das Experiment ist gescheitert“, resümiert der Schulleiter, der bei den Wohnungen „immer ein Unbehagen in der Magengegend“ gefühlt habe.

Auch ein Freund des Beschuldigten musste im Herbst aus dem Wirtschaftsgebäude ausziehen. Er ist einer der jungen Männer, die nach Aussagen des Beschuldigten, am Abend des Vorfalls mit ihm zusammen waren. Der Bekannte, der im Zimmer gegenüber wohnte, habe bei dieser und anderer Gelegenheit auch mit ihm Drogen genommen.

Von der Schule verwiesen wurde er laut Kemper aber nicht. Bei einer Durchsuchung des Zimmers eines weiteren Bekannten sei kein Rauschgift gefunden worden. Man behalte die beiden jungen Männer zwar weiterhin im Blick, sagt Kemper. Es sei aber nicht Aufgabe der Schule, eigene Ermittlungen anzustellen.

Die Aufarbeitung: Aufgabe einer Schule sei vielmehr die Prävention. Und hier leiste das Kollegium des Eifel-Gymnasiums seit Jahren gute Arbeit, sagt Kemper. Die Drogenbeauftragte und weitere Fachlehrer griffen das Thema im Unterricht auf.  Polizeibeamte besuchten die Einrichtung im Rahmen der Präventionsarbeit – wie alle anderen Schulen –  ,um auf die Gefahren verbotener Substanzen aufmerksam zu machen. Nach dem Vorfall habe Kemper die Lehrerschaft zudem zu einer Dienstbesprechung eingeladen. Der Tenor: Sie sollten zukünftig noch aufmerksamer sein.

Vor die „versammelte Mannschaft“ der Klassenkameraden des mutmaßlichen Täters sei man aber „bewusst nicht getreten“, sagt Kemper. Auch, um keinen Generalverdacht auszusprechen: „Es war ja eine traurige Premiere der Drogenproblematik an der Schule.“

Das Thema sei dadurch aber „irgendwie im luftleeren Raum stehengeblieben“, findet eine Lehrerin, die vor Gericht aussagt. Auf Nachfrage des Anwalts der Nebenklägerin bestätigt sie: „Mit den Schülern würde über das Thema nach dem Vorfall überhaupt nicht gesprochen.“ Bewerten wollte sie dieses Vorgehen auf Nachfrage des Rechtsvertreters nicht. Auch der langjährige ehemalige Neuerburger Schulleiter Günther Scheiding möchte sich zu den Vorfällen auf TV-Anfrage nicht äußern.

Schulhof Drogen. Foto: DPA/Armin Weigel

Der Prozess gegen den mutmaßlichen Hammer-Angreifer wird am Donnerstag, 4. April, um 9 Uhr vor dem Landgericht Trier fortgesetzt.

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