"Wenn sich keiner findet, mache ich das"

"Wenn sich keiner findet, mache ich das"

In Habscheid leitet Petra Diederichs seit zwei Jahren die Geschicke der Ortsgemeinde. Von 43 Dörfern und einer Stadt in der Verbandsgemeinde Prüm haben nur fünf eine Bürgermeisterin. Diese stellt der TV in einer losen Folge vor.

Habscheid. Vor der Haustür von Petra Diederichs tummeln sich vier kleine Havaneser-Hunde. Hundemama Aisha ist schon stubenrein, die drei Wollknäule müssen es noch lernen. Deswegen werden sie für das Gespräch mit dem TV auch liebevoll wieder aus dem Haus bugsiert.
Vor zwei Jahren wurde die Mutter von vier Kindern in den Gemeinderat gewählt. Als sich nach 20-jähriger Dienstzeit Theo Igelmund als Ortsbürgermeister verabschiedete, fand sich für ihn kein Nachfolger. "Keiner hat sich bereiterklärt, das Amt zu übernehmen. Wir kamen nicht weiter", erinnert sich die 48-Jährige.
Vier bis fünf Stunden arbeitet sie täglich zusammen mit ihrem Mann und Sohn im landwirtschaftlichen Nebenerwerbsbetrieb. 35 Milchkühe, Kälber und Rinder sowie Schweine und Hühner gilt es zu versorgen - da dachte sie nicht an weitere Aufgaben. Doch sie sei im Gespräch überzeugt worden, zu kandidieren. Die Familie stand hinter ihrer Entscheidung.
"Die ersten Wochen bestanden aus lesen, lesen, lesen", sagt sie. Ein Zimmer wurde geräumt. Dort stapelten sich die Unterlagen ihres Vorgängers. "Ein Haufen Papiere waren das. Man sucht irgendwas und findet was anderes Interessantes und das habe ich dann alles gelesen", sagt sie und lacht.
Das ist es auch, das ihr so gut gefällt am neuen Amt: dass es so vielseitig ist. "Zu Beginn war ich oft auf der Verbandsgemeinde. Ich hätte dort eigentlich ein Zelt aufschlagen können", sagt sie. Dort habe man ihr sehr geholfen. Mit der Zeit kam die Routine. Wofür sie erst sehr viel Zeit brauchte, ging langsam immer besser. Auch die Akzeptanz nahm zu. "Anfangs musste ich viel nachfragen. Da sitzen natürlich Leute im Rat, die wussten vieles einfach besser." Das habe sich jetzt eingespielt.
Dass es im Rat keine Listen gibt, ist ihrer Meinung nach ein großer Vorteil. So könne jeder seine Meinung sagen und es gebe keine Parteispielchen. Die zwölf Ratsmitglieder und sie würden auch schon mal ein Thema "schwer diskutieren", aber irgendwie komme man doch immer zu einem Kompromiss.
Viel Zeit, sich in ihrem neuen Amt einzugewöhnen, hatte sie nicht. Die Kindertagesstätte sollte eine neue Heizanlage bekommen, die Ausschreibungen waren bereits in vollem Gange, als Petra Diederichs das Steuer übernahm.
Auch heute beschäftigt sie die Kindertagesstätte wieder. Bis Ende des Jahres soll der Anbau fertig werden. Auf rund 100 Quadratmetern entstehen neben einem Gruppenraum noch ein Ruhe- sowie ein Nebenraum für Förderunterricht, ein Personalraum mit neuem WC für insgesamt rund 200 000 Euro.
Viele neue Pläne


Ein Neubaugebiet ist bereits ausgewiesen. Auch die Jugendgruppe wurde "runderneuert" und trifft sich regelmäßig im Gemeindehaus. In ihrer Amtszeit wurde der Dorfplatz neu gestaltet und ein Wanderweg wieder zugänglich gemacht. Demnächst soll ein Bereich vor dem Gemeindehaus neu gestaltet und zwei Gemeindestraßen renoviert werden.
Warum es so wenig Frauen in politische Ämter zieht, erklärt sie sich so: "Es ist noch in den Köpfen so drin, dass man den Frauen das nicht zutraut, und viele Frauen trauen es sich selbst auch nicht zu. Außerdem haben Frauen nicht so einen Drang nach oben - das steckt wohl in den Genen." Petra Diederichs hat es jedenfalls nicht bereut, sich dieses Amt zuzutrauen. snHabscheid hat rund 600 Einwohner. Es gibt dort eine Kindertagesstätte, ein Senioren- und Pflegezentrum, zwei Kneipen und mittelständisches Gewerbe. Neben der Jugendgruppe gibt es zwei Feuerwehren (Habscheid und Hollnich), einen Kirchenchor, einen Musik-, einen Karnevals-, einen Sportverein, Kegel-, Dart-, Bierbach- und Tennisclub mit eigenem Platz. Kürzlich aufgehört haben Gesangsverein und der Jux-Rallye-Club. sn

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