„Wer nur die Schule schwänzen will, ist nicht willkommen“

Interview : „Fridays for Future“-Bewegung: „Wer nur Schule schwänzen will, ist nicht willkommen“

Seit April streiken Bitburger Schüler für den Umweltschutz. Die nächste Demonstration der „Fridays for Future“-Bewegung zieht am 24. Mai durch die Stadt. Doch was treibt die jungen Eifeler auf die Straße? Ein Gespräch:

Marie Sprawe will die Welt verändern. Und daraus macht die 18-Jährige kein Geheimnis. „We just wanna change the world“, steht auf dem T-Shirt der Gondorferin. Und der Spruch ist Programm. Zusammen mit sechs weiteren Jugendlichen engagiert sie sich in der Bitburger Ortsgruppe von „Fridays for Future“. Ende März hat sie eine erste Demonstration organisiert, der nächste Protestmarsch ist für den 24. Mai geplant. Im Interview erzählt die Schülerin, warum es dieser Tage richtig ist, die Schule zu schwänzen. Und, warum  die Kommunalpolitik sich ändern muss.

Marie, woher kommt dein Interesse für Umweltschutz?

Sprawe: Mir ist früh klar geworden, dass das Thema alle angeht. Mit 12 habe ich aufgehört Fleisch zu essen. Später habe ich mich in der Schule mit Umweltschutz auseinandergesetzt – von der Landwirtschaft in Deutschland bis zur Gummibaumplantage in Südamerika.

Wie kamst du zur „Fridays for Future“-Bewegung?

Sprawe: Ich habe vergangenes Jahr in Idar-Oberstein gewohnt. Zu meinem pensionierten Klassenlehrer halte ich noch Kontakt. Als er im Hunsrück eine Demonstration organisiert hat, wollte ich dabei sein. Aber zwischen Gondorf und Idar-Oberstein gibt es ja schon eine Distanz. Ich wollte keinen CO2-Ausstoß produzieren, also entschied ich mich, in Bitburg etwas zu starten. Dass das so großen Erfolg haben würde, hätte ich nicht gedacht. Bei der ersten Demo im März waren 150 Teilnehmer. Danach haben wir die Ortsgruppe Bitburg ins Leben gerufen. Der Protest am 24. Mai, also kurz vor der Wahl, soll noch größer werden.

Ist es Zufall, dass die Demo zwei Tage vor der Europa- und Kommunalwahl stattfindet?

Sprawe: Natürlich nicht. Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass das am Sonntag, 26. Mai, auch eine Klimawahl ist. Die Menschen sollen umweltfreundlich wählen, solange sie die Chance haben, etwas zu ändern. Und die werden sie nicht mehr lange haben.

Aber ist Umweltpolitik nicht vor allem Sache des Bundes und der Länder? In Bitburg gibt es ja kein Kohlekraftwerk, das man abschalten könnte.

Sprawe: Es muss auf allen Ebenen etwas passieren. In der Eifel könnte man beim Nahverkehr anfangen. Von Gondorf fährt zweimal am Tag ein Bus nach Bitburg. Das ist viel zu wenig. Manche meiner Freunde, die in kleineren Dörfern wohnen, kommen nach der Schule gar nicht mehr nach Hause.

Aber der Kreis arbeitet ja mit dem Verkehrsverbund Trier daran, neue Linien zu schaffen. Reicht das nicht?

Sprawe: Man muss weiter denken. Der Kreis muss Anreize schaffen, mit dem Bus zu fahren. Allein die Preise schrecken viele ab. Vier Euro für ein Einzelticket? Das ist irre teuer. Öffentliche Verkehrsmittel sollen sich doch mehr lohnen als das Auto, damit mehr Menschen es schaffen, umzusteigen. Wir Deutschen tun uns damit leider schwerer als andere Staaten, weil wir ein Autoland sind.

Die Bitburger Autohändler im Gewerbegebiet „Auf Merlick“ hören das sicher nicht gerne ...

Sprawe: Auch die wissen, dass Elektroautos die Zukunft sind und nicht Benziner oder Diesel. Wir wollen ja nicht, dass jemand pleitegeht. Die Wirtschaft muss sich umstellen. Wie? Das müssen die Unternehmen sich selbst überlegen. Ich habe von Wirtschaft wahrscheinlich genauso wenig Ahnung wie Autohändler von Umweltschutz. Ich selbst habe übrigens kein Auto. Und ich weigere mich, mir eins anzuschaffen.

Was tust du sonst fürs Klima? Kritiker werfen euch ja vor, dass ihr privat wenig dazu beitragt, die Umwelt zu schützen.

Sprawe: Das stimmt aber nicht. Alle in der Ortsgruppe haben begonnen ihren Lebensstil zu hinterfragen. Neben Fleisch versuche ich zum Beispiel auf Plastikmüll zu verzichten. Ich gehe mit Jutebeutel einkaufen, nehme wenig Verpacktes mit. Beim Fliegen bin ich auch raus. Es gibt ja Alternativen: Bahnfahren zum Beispiel finde ich fantastisch. All das reicht natürlich nicht. Jeder kann seinen Beitrag leisten, aber wir verändern das Klima nicht, wenn wir nicht das System verändern. Im Kapitalismus dreht sich alles um Geld und nicht um ein besseres Leben. Das ist aber nicht die offizielle Position von „Fridays for Future“, sondern meine eigene. Die politische Ausrichtung spielt bei uns keine Rolle. Jeder darf mitmachen – von linksextrem bis liberal. Rechtsradikale lehnen wir allerdings ab.

Trotzdem bist du im Kreisverband der Grünen aktiv. Hast du politische Ambitionen?

Sprawe: Ich stehe momentan lieber auf der Seite der Forderer. Ich will die Leute wachrütteln, die gewählt wurden und seit Jahren nichts tun. Es läuft ja nicht erst seit gestern etwas schief.

Es ist natürlich eine bequeme Position zu sagen: Die da oben sollen  mal was ändern ...

Sprawe: Die meisten von uns hatten bislang nicht die Möglichkeit, etwas zu verändern. Ich durfte bis jetzt nicht einmal wählen. Viele von uns haben keine Stimme, aber eine Meinung. „Fridays for Future“ ist unsere Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. Nach der Kommunalwahl wollen wir unsere Ansichten dem Bitburger Stadtrat vorlegen. Wir planen, ein Positionspapier mit konkreten Forderungen zu erarbeiten.

Steht die Ortsgruppe in Kontakt mit der Politik?

Sprawe: Ja, mit ein paar Kommunalpolitikern haben wir Gespräche geführt. Landrat Joachim Streit hat uns bei unserer Demo besucht. Auch er habe als Jugendlicher  für den Bau der Eishalle in Bitburg demonstriert. Ich glaube zwar nicht, dass das mit unserem Anliegen vergleichbar ist. Aber es war eine nette Geste. Ich habe außerdem mit dem Bundestagsabgeordneten Patrick Schnieder (CDU) gesprochen. Wir sind aber nicht auf einen  Nenner gekommen. Er hält einen umfangreichen Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel in der Eifel für zu teuer. Von der FDP haben wir gar nichts gehört. Denen machen wir, glaube ich, Angst, weil wir keine Profis sind. Die SPD ist hingegen an unseren Ideen interessiert und die Grünen unterstützen uns. Aber auch außerhalb der Politik haben wir Mitstreiter, zum Beispiel den BUND und den Nabu.

Zählen auch Lehrer zu den Unterstützern?

Sprawe: Lehrer dürfen uns nicht offen unterstützen, viele sagen uns aber, dass sie unser Engagement gut finden. Manche laden an  Freitagen auch zu „Exkursionen“ zu den Protesten ein. Dann darf man zwar nur zusehen, aber immerhin dabei sein. Es gibt aber auch andere Beispiele. Eine Mathelehrerin hat freitags ein neues Thema durchgenommen. Schüler, die nicht bei der Demo waren, durften mit ihren Klassenkameraden nicht darüber sprechen. Und am Montag wurde dann ein Test geschrieben und alle Demonstranten haben Fünfen und Sechsen geschrieben. Glücklicherweise lassen sie sich davon nicht abschrecken, weiter mitzumachen.

So etwas könntet ihr vermeiden, wenn ihr in eurer Freizeit demonstrieren würdet. Warum macht ihr nicht einen „Saturday for Future“?

Sprawe: Das ist aus zwei Gründen nicht sinnvoll. Erstens ist die Bewegung aus dem Streik entstanden. Wenn Greta Thunberg wegen ihres Protestes nicht der Schule ferngeblieben wäre, hätte das kein Aufsehen erregt. Der zweite Grund ist banaler. Viele von uns würden es samstags gar nicht zur Demo schaffen, weil keine Busse fahren. Und wenn sich jeder von den Eltern hinkutschieren lässt, verfehlt das unser Ziel, CO2 zu sparen.

Außerdem liegt der Reiz für viele ja im Schulschwänzen, oder?

Sprawe: Natürlich gibt es einige, die nur den Unterricht verpassen wollen. Die sind aber nicht willkommen. Die sollen daheim bleiben und Netflix gucken. Mitkommen soll nur, wer etwas verändern will. Die Bewegung soll ihnen eine Herzensangelegenheit sein. Sonst verfliegt das Interesse.

Lässt der Hype schon nach?

Sprawe: Es fühlt sich eher an, als wären wir auf dem Höhepunkt des Interesses. Natürlich wird die Begeisterung abflauen. Das ist normal. Alle guten Dinge müssen enden. Wenn wir bis dahin etwas erreicht haben, ist das aber nicht schlimm.

Was halten eure Mitschüler von eurem Engagement?

Sprawe: Die finden das überwiegend positiv. Von Schülern, die in rechten, konservativen oder liberalen Parteien aktiv sind, gibt es aber Kritik. Besonders lästig sind Trolle, die sich in unsere Whatsapp-Gruppen schleichen. Vor ein paar Wochen gab es in unserer Organisationsgruppe einen Angriff. Da hat jemand Naziparolen und Links zu Pornoseiten reingepostet. Solche organisierten Trolle wollen Leute aus den Gruppen treiben. Und leider funktioniert das auch. Wir haben die Gruppe jetzt so eingestellt, dass nur noch berechtigte Personen etwas schreiben können. Wer Fragen hat, kann sich privat an uns wenden. Vieles läuft bei uns ohnehin nicht über die sozialen Medien, sondern über Mundpropaganda. So sprechen sich auch Demos rum.

Was erwartet die Besucher beim nächsten Protest?

Sprawe: Wir wollen das größer aufziehen als beim letzten Mal. Unter anderem wird es einen Plakatwettbewerb geben. Die besten fünf Poster werden mit einem Ökopaket prämiert. Was drin ist, soll aber eine Überraschung bleiben.

Die nächste „Fridays for Future“-Demo startet am 24. Mai, um 9 Uhr auf dem Spittel in Bitburg

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