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Wer wird uns morgen die Haare schneiden?

Handwerk : Wer wird uns morgen die Haare schneiden?

Ohne Handwerk gibt es keine Häuser oder schicken Frisuren, keine frischen regionalen Lebensmittel und keine funktionstüchtigen Autos. Und dennoch haben viele Handwerksbetriebe Probleme, Nachwuchs zu finden. Das muss sich ändern.

  Es ist eigentlich ein Traumberuf: den Frühling an der frischen Luft erleben, sich im Freien bewegen, kreativ sein dürfen. „Alles ist da, was einen Beruf attraktiv macht“, sagt Christoph Haubrich. Er hat einen kleinen Garten- und Landschaftsbaubetrieb in Mosbruch bei Kelberg… oder vielmehr, er ist ein kleiner Betrieb, denn bislang ist seine Suche nach zuverlässigen Gesellen als Mitarbeiter vergeblich gewesen.

Ob es daran liegt, dass er selbst nicht ausbildet? Er schüttelt den Kopf: „Es geht allen in der Branche so. Obwohl es ein grüner Beruf ist, der viele Gestaltungsfreiräume bietet und viele Möglichkeiten, etwas für die Natur und in der Natur zu tun, ist der Gartenbau vom Fachkräftemangel stark betroffen.“

Dass es zu wenig junge Handwerker gibt, hat auch nicht immer mit einem vermeintlich altmodischen Image der Berufe zu tun, die viele kaum mit Innovationen in Verbindung bringen. Längst ist zum Beispiel eine Kfz-Werkstatt ein Eldorado für Hightech-Verliebte. „Aber trotzdem gibt es überall viel zu wenig Bewerber“, weiß Roland Crump, Autohändler und Inhaber einer Vertragswerkstatt in Hillesheim. „Man muss sein Team zusammenhalten, andernfalls wird es schwierig mit zeitnahem Service und Reparaturen.“ Und geht mal ein erfahrener Geselle in Rente, hilft nur Vitamin B: „Man muss dann ein gutes Netzwerk quer durch die ganze Eifel haben, um junge Leute zu finden.“

Nicht einmal überregionales Renommee schließt die Nachwuchslücke nachhaltig, wie die vielfach für gutes Design ausgezeichnete Schreinerei von Willi Notte in Bitburg spürt. „Wir übernehmen so gut wie alle Azubis, aber wir suchen erfahrene Schreiner. Die müssen nebenan in Luxemburg weniger Steuern zahlen und haben am Ende eine bessere Rente… das macht uns zu schaffen und bremst Aufträge aus, erhöht den Druck.“ Ein immaterielles Plus erhalten die Mitarbeiter durch die Zufriedenheit, etwas wirklich Gutes herzustellen. „Auf der anderen Seite steht jedoch die Mentalität der Verbraucher, dass alles schnell gehen muss und Ästhetisches weniger wertgeschätzt wird.“ Darum wählten viele den Schreinerberuf gar nicht erst: „Sie erwarten da vor allem Routine.“ Auch wenn das in vielen Betrieben gar nicht zutrifft.

Schon seit zwanzig Jahren vom Fachkräftemangel betroffen ist das Bäckerhandwerk, wie Josef Utters aus Dockweiler erläutert. „Aber wir kriegen noch immer die Kurve und bilden viel auch für andere aus.“ Wie schafft er das? „Zum einen vermitteln wir den Beruf so, dass man stolz sein kann auf das, was man tut, und eine Qualität erreicht, die echte Anerkennung bekommt. Zum anderen suchen wir auch auf ganz modernen und ungewöhnlichen Wegen.“ So ließ sich Utters nicht vom bürokratischen Aufwand ins Bockshorn jagen und stellte Azubis aus nicht EU-Ländern ein, die sich per Video beworben und im Clip ihr Talent für den Beruf unter Beweis gestellt hatten. Auch passte Utters die zeitlichen Bäckereiabläufe so an, dass sie in Schichten funktionieren, die weniger belastend ist. Ein gutes Betriebsklima und gute Löhne, das macht den Lockstoff aus, mit dem Malermeister Marco Berger aus Lasel versucht, der Konkurrenz Paroli zu bieten. „Nur so kriegt man überhaupt Leute und kann das Stammpersonal halten. Für uns kleine Betriebe ist das natürlich schwierig, denn wir können zum Beispiel kein duales Studium bieten wie etwa die Industrie oder so attraktive Nettoverdienste wie in Luxemburg.“ Es wirke sich negativ aus, dass viele nach der Schule ins Studium gehen, „und die merken, dass es dort nichts für sie ist, kommen zumeist nicht ins Handwerk“.

Mindestens eine gute mittlere Reife brauche jemand, der ist Schornsteinfegerhandwerk einsteigen will, sagt Bezirksschornsteinfegermeister Uwe Schneider aus Neroth, „denn das hat viel mit Energieberatung zu tun und längst nicht nur damit, Kamine zu reinigen“. Der Personalengpass in seiner Branche werde zusehends drängender, so dass man nun auch in Schulen gehe und Kampagnen starte, um über den Beruf zu informieren.

Gerade angesichts der Innovationen im Energiesektor und des immer wichtigeren Ressourcenschutzes werde Nachwuchs händeringend gesucht und habe hervorragende Perspektiven in puncto Arbeitsplatzsicherheit. „Ohne Prüfung durch uns dürfen zum Beispiel ganz neue oder erneuerte Heizungen gar nicht in Betrieb gehen. Was macht man, wenn es Winter wird und es ist niemand mehr da für die Abnahme der Heizung?“

Ohne Handwerk, so viel steht fest, kann es sehr ungemütlich werden für alle.

Die Handwerkskammer Trier bestätigt: „Der Fachkräftemangel betrifft das gesamte Handwerk“, so Pressesprecherin Constanze Knaack-Schweigstill. Schwerpunkte jedoch macht sie in den Bau- und Ausbaugewerken aus, die etwa die Hälfte aller Handwerksbetriebe ausmachen. „Dort ist jede 15. Stelle unbesetzt. Im sonstigen Handwerk ist es jede 19. Stelle.“

Normale Fachkräfte mit abgeschlossener Berufsausbildung, aber auch Experten und Spezialisten werden gebraucht und vielfach nicht mehr gefunden. Die besonders betroffenen Berufe kennzeichnen das Spektrum der Lücken, die sich für die Verbraucher allmählich im gesamten Alltag bemerkbar machen:

Im Lebensmittelbereich fehlt vor allem Fachverkaufspersonal, in der Herstellung fehlen Fleischer und Bäcker. Rund ums Haus sind Elektrotechniker, Glaser, Gebäudereiniger, Poliere und Meister im Hoch- und Tiefbau, Elektrotechniker sowie Sanitär-, Heizung- und Klimafachleute Mangelware. Auch bei ganz persönlichen Dingen wird es eng: Frisörmeister und Hörgeräteakustiker sind mittlerweile rar. „Verstärkt wird das Problem durch alternde Belegschaften.“

Die HWK sieht bei den Ausbildungsmarktzahlen mit einem Plus von 1,3 Prozent (2018) bei neu abgeschlossenen Lehrverhältnissen einen kleinen Silberstreif am Horizont: „Nach 2017 mit plus 1,29 Prozent war es das zweite Jahr hintereinander mit positiven Zahlen“, so Knaack-Schweigstill. „Die Ausbildungszahlen im Bestand sind über alle Lehrjahre hinweg jedoch nach wie vor negativ. Seit 2007 ist die Gesamtzahl der Lehrverhältnisse um dreißig Prozent zurückgegangen.“