Westeifel-Werkstätten: Mehr als nur ein Arbeitsplatz

Kostenpflichtiger Inhalt: Westeifel-Werke in Hermesdorf : Westeifel-Werkstätten: Viel mehr als nur ein Arbeitsplatz

Die Lebenshilfen Bitburg, Daun und Prüm gründeten vor 40 Jahren die Westeifel-Werke. Zum Standort Hermesdorf fahren täglich 200 Beeinträchtigte. Sie finden dort nicht nur Arbeit, sondern auch begleitende Angebote und manchmal die große Liebe.

Katja Spoden und Uschi Conrady arbeiten bei den Westeifel-Werken in Hermesdorf. Jeden Morgen fahren die beiden beeinträchtigten Frauen mit dem Bus zu ihrem Arbeitsplatz. Während Katja Spoden noch zu Hause bei ihren Eltern wohnt, lebt Uschi Conrady im Wohnheim der Lebenshilfe Bitburg. Der Verein kümmert sich seit 50 Jahren um Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Familien.

Vor 40 Jahren wurde die gemeinnützige Westeifel-Werke GmbH in Gerolstein gegründet. Ein Standort der Werke befindet sich in Hermesdorf. Dort gibt es eine Luftballondruckerei. Außerdem werden Lohnfertigungsarbeiten erledigt, unter anderem für Prüm Türenwerk, Stihl und TechniSat. Zudem stellt das Werk Einwegpaletten her. Etwa 11♦000 Paletten werden dort pro Jahr produziert. Allein mit diesem Zweig wird in Hermesdorf ein Umsatz von etwa 400♦000 Euro im Jahr gemacht.

Katja Spoden arbeitet in der Ballondruckerei. Sie verpackt unter anderem Luftballons. Uschi Conrady montiert Radios oder schraubt Material zusammen. „Wenn Firmen bereit sind, Arbeiten für die Produktion an unsere Werkstätten auszulagern, ist das ein Gewinn für beide Seiten“, sagt Hans-Joachim Kurth, Vorsitzender der Lebenshilfe Bitburg.

Im Hermesdorfer Werk arbeiten rund 200 Beeinträchtigte und 60 hauptamtlich Beschäftigte. 18 Buslinien bringen die Behinderten zu den Werken. Außerdem gibt es drei Fördergruppen mit je zwölf Menschen, die schwerst- und mehrfach behindert sind. Dass Fertigung und Fördergruppen quasi Wand an Wand an einem Standort zusammengeführt sind, sei einzigartig in Rheinland-Pfalz, sagt Kurth. „So können Menschen, die nicht fähig sind zu arbeiten, Tür an Tür mit den anderen betreut werden.“

In der Fördergruppe eins ist es gerade sehr still. Eine Frau liegt im Pflegebett, eine andere ruht auf einem Sofa. Ein junger Mann sitzt vor einem Holzspielzeug. „Die Leute, um die wir uns hier kümmern, haben das Entwicklungsniveau eines Menschen zwischen null und drei Jahren“, sagt Michaela Schwinnen, Gruppenleiterin der Fördergruppe.

Auch für die Senioren gibt es ein spezielles Angebot. Da viele betreute Mitarbeiter ins Rentenalter kommen, müssen die Werkstätten eine neue Situation bewältigen. In Entlastungsgruppen werden die Mitarbeiter, die nicht mehr voll eingesetzt werden können, anders beschäftigt, zum Beispiel mit speziellen Alltagstrainings.

Das Herzstück des Hermesdorfer Werks ist die Ballondruckerei. Seit 40 Jahren beschriften die Westeifel-Werke Ballons aus zu 100 Prozent biologisch abbaubarem Naturlatex. „Die Maschinen werden als Halbzeuge gekauft und auf die Bedürfnisse unserer Mitarbeiter von uns speziell umgerüstet“, sagt Rudolf Klein, Abteilungsleiter Ballons.

Bei der Entwicklung der Maschinen werden auch Anregungen der Mitarbeiter umgesetzt. Mit den Maschinen sind die Werke in der Lage, hochwertige Aufdrucke mit bis zu acht verschiedenen Druckstationen und -farben herzustellen. Produziert werden 100-Stück-Kleinauflagen für Privatleute bis hin zur Millionenauflage für Werbekunden. Und das in bester Qualität: „Reklamationen gehen gegen null“, sagt Klein.

„Unsere Leute fühlen sich gebraucht, und wir brauchen sie auch“, sagt Katja Göbels, Abteilungsleiterin Sozialer Dienst. Nach dem Besuch einer Förderschule wird im sogenannten Berufsbildungsbereich geguckt, wo die individuellen Talente, Neigungen und Fähigkeiten der Schützlinge liegen. „Dazu absolvieren sie in verschiedenen Bereichen Praktika. Die Interessen der Leute sind uns ganz wichtig“, sagt Katja Göbels. „Viele finden bei uns ihren Lebensinhalt. Es werden Freundschaften geschlossen. Einige haben hier auch ihre Partner kennengelernt“, sagt Rudolf Klein.

Die Beeinträchtigten sind von 8.15 Uhr bis 16.30 Uhr, freitags bis 15.15 Uhr in den Werkstätten. Doch sie brauchen auch einen Ausgleich zur Tätigkeit in der Produktion. Die Fachleute nennen es „begleitende Maßnahmen“.

Hinter diesem Wortungetüm steckt ein breites Angebot an Aktivitäten, von denen die Mitarbeiter bis zu drei auswählen können. Uschi Conrady nutzt die Zeit, um Sport zu treiben, wie zum Beispiel Herz-Kreislauftraining auf dem Fitnessrad.

Katja Spoden bastelt und tanzt gerne. Man kann aber auch gärtnern, malen, im Chor singen oder Theater spielen. Oder ein Musikinstrument erlernen. Seit den 1990er Jahren gibt es die Westeifel Kräckers – eine Band, die bei internen Feiern spielt. Denn gemeinsam feiern, wie an Karneval, am Fetten Donnerstag, beim Oktoberfest oder auch bei der Weihnachtsfeier, hat in den Werkstätten Tradition. Und Urlaub gibt es natürlich auch.

Im Sommer macht das Werk drei Wochen Betriebsferien. „Für einige Mitarbeiter ist das die Höchststrafe“, sagt Klein und lacht. Denn die meisten kämen sehr gerne zur Arbeit. „Wir haben sehr motivierte Mitarbeiter“, sagt er. „Morgens werden wir immer fröhlich empfangen“, sagt Katja Göbels. „Ich komme selbst gerne zur Arbeit, weil die Menschen alle so gute Laune haben.“ Und Klein gefällt es, dass er innovativ sein und auch Dinge voranbringen kann.

Blick in die Produktion: Im Westeifel-Werk in Hermesdorf werden Ballons bedruckt. Foto: TV/Stefanie Glandien
Zeit für eine Trainingseinheit. Feste in die Pedalen treten: (von links) Uschi Conrady, Richard Weimann, Eckhard Schmitz und Günther Dimmer. Foto: TV/Stefanie Glandien
Katja Spoden arbeitet im Westeifel Werk in Hermesdorf in der Ballonproduktion. Foto: TV/Stefanie Glandien

Uschi Conrady mag ihre Arbeit, aber die Ferien findet sie auch schön. „Dann besuche ich meine Schwester“, erzählt sie. Oder macht einen Ausflug. In diesem Sommer war sie auf einer von den Betreuern des Wohnheims organisieren Städtetour in Mainz. Und Katja Spoden hat noch einen anderen Grund, warum sie gerne zur Arbeit kommt: „Weil ich dann meinen Freund sehe. Den habe ich hier kennengelernt.“

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