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Wichtige Wege aus der Sprachlosigkeit

Wichtige Wege aus der Sprachlosigkeit

Welche Drogen gibt es in der Eifel, wer nimmt sie und warum? Und was hat die Gesellschaft damit zu tun? Darüber haben ein Suchtberater und ein Polizeikommissar bei "Drogen im ‚Augen’-Blick" informiert.

Neuerburg "Viele denken, im ländlichen Raum ist alles schön, aber Drogen sind ein Thema in der Eifel", sagt Hubert Lenz von der Polizeidirektion Wittlich. Er ist einer der Referenten der Info-Veranstaltung "Drogen im ‚Augen'-Blick", zu der der Regionale Arbeitskreis Sucht- und Gewaltprävention Bitburg-Prüm Ehrenamtliche und Verantwortliche aus der Jugendarbeit eingeladen hat. Organisiert wurde sie von den Fachkräften für Jugendarbeit der Verbandsgemeinden Südeifel und Arzfeld, Holger Stodulka und Marc Spiekermann.
Anhand von Bildern gibt Lenz einen Überblick über Cannabis, Amphetamine, Pilze, LSD, Ecstasy und weitere Drogen. Der Polizeihauptkommissar erklärt, woraus sie sind, wie die Stoffe gewonnen oder hergestellt werden und wie sie aussehen. Bei Pilzen fragt einer der Zuhörer nach: "Und die findet man hier im Wald?" - "Ja", sagt Lenz, "früher wäre ich damit vorsichtiger umgegangen, aber im heutigen Zeitalter des Internets kommt jeder, der sich dafür interessiert, an diese Informationen."
Lenz, der seit mehr als 20 Jahren beruflich mit Drogen zu tun hat, warnt besonders vor neuen Erscheinungsformen. 2016 habe es in der Region sieben Tote wegen Drogen gegeben, vier davon wegen so genannter Legal Highs. Das sind Kräutermischungen, denen synthetische hochpotente Wirkstoffe zugesetzt werden. "Das Problem ist, dass man bei Legal Highs nie weiß, wie hoch die Dosierung ist", warnt Lenz. Erfreulich sei, dass es seit vier Monaten ein Gesetz für neue psychoaktive Stoffe gebe, worunter eben auch die Legal Highs fallen. Demnach dürften Polizisten diese nun sicherstellen, verwahren und vernichten, was sie vorher nicht durften. Allerdings sei im Gegensatz zu anderen Stoffen der reine Besitz nicht strafbar, kritisiert Lenz. Aber das Gesetz könne sich ja noch entwickeln.
Josef Fuchs vom Caritasverband Westeifel hat nach eigener Aussage den Kontakt zu den Menschen, nicht zu den Drogen. Der Sucht- und Drogenberater lädt dazu ein, das Thema aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. "Es ist wichtig, Drogen nicht zu verteufeln", sagt er, "wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass sie da sind." Über Sex und Alkohol werde inzwischen relativ offen gesprochen, Drogen hingegen seien ein gesellschaftliches Tabu-Thema. Junge Leute fühlten sich seiner Erfahrung nach häufig sogar ungerecht behandelt, weil sie Alkohol für gefährlicher hielten als Drogen. Viele Jugendliche wollten sich abgrenzen. "Die sagen dann, in der Eifel wird ja so viel gesoffen, deshalb nehme ich Drogen", erzählt Fuchs.
Er wirbt um Verständnis für Suchtkranke: Man müsse vorsichtig sein mit einer Verurteilung. So erreiche man die Menschen nicht, weil sie noch mehr stigmatisiert würden. "Hinter jeder Sucht steckt eine ganz persönliche Geschichte", sagt Fuchs. Er rate Eltern immer: Fragt nach! Wie kommt es dazu, dass du Drogen nimmst? "Es ist wichtig, dass wir aus dieser Sprachlosigkeit rauskommen, dass man lernt, sich über seinen Drogenkonsum auszutauschen", appelliert er.
Warum nehmen Menschen Drogen? Manche suchten Spaß, Bewusstseinserweiterung, Schmerzvermeidung oder den Sinn des Lebens. Andere flüchteten vor Stress, Angst, Druck und Überforderung. "Das ist alles sehr, sehr menschlich", sagt Fuchs.
Nach den Vorträgen diskutieren die Zuhörer darüber, wie sie in der Praxis mit Drogen umgehen. Viele äußern ihre Unsicherheit und Ängste, Jugendliche auf das Thema anzusprechen: "Ist es nicht so, dass man manchmal die Wahrheit gar nicht sagen will? Dass man drum herumredet?", fragt ein Lehrer. Andere erzählen, dass sie vom Umfeld des Betroffenen als Lügner dargestellt wurden, wenn sie das Thema ansprachen. Wieder andere äußern die Befürchtung, jemandem zu nahe zu treten. "Ich kann niemanden zwingen, mir was zu erzählen. Aber ich kann es anbieten: ‚Wenn was ist, kannst du zu mir kommen.' - mehr kann ich nicht tun", stellt eine Zuhörerin fest. Ehrliches Interesse sei wichtig und ein gutes Verhältnis zu dem Betroffenen, sagt ein anderer. Viele Fragen werden an dem Abend beantwortet, andere bleiben offen. "Wir können bei solchen Veranstaltungen nicht alle Probleme lösen", sagt Fuchs, "aber wir können anstoßen, anregen, irritieren und auch provozieren."STATISTIK ZUM DROGENKONSUM


Extra

Das Einstiegsalter für den Drogenkonsum liegt laut Hubert Lenz von der Polizeidirektion Wittlich bei zwölf Jahren. Dementsprechend früh müsse Prävention ansetzen. Jugendliche zwischen 18 und 21 Jahren konsumieren laut Lenz am häufigsten Drogen. Danach setze häufig die berufliche und familiäre Bindung ein. "In dem Moment schaffen viele den Ausstieg", sagt der Polizeihauptkommissar. Männer konsumierten häufiger illegale Drogen als Frauen.