Wie europäisch ist die Kommunalwahl an der Mosel und in der Eifel?

Die Wahl im Kreis : Wie europäisch ist die Kommunalwahl an der Mosel und in der Eifel?

Der große Wahlsonntag in der Eifel-Mosel-Region und damit auch der Beginn einer Suche – wie viel Europa findet man bei uns?

Offene Grenzen, (fast) überall kann mit dem Euro bezahlt werden, aber auch EU-Verordnungen, die auf den ersten Blick nur wenig Sinn machen. Man denke nur an (den inzwischen abgeschafften) Krümmungsgrad von Gurken. Das verbinden wohl die meisten mit der Europäischen Union (EU), deren Parlament gemeinsam mit den Kommunalwahlen am Sonntag gewählt wurde. Mit dem großen Rechtsruck, der derzeit den gesamten Kontinent beherrscht, dem Hick-Hack um den Brexit und vielem mehr hat es aber auch einen oft negativen Beigeschmack.

Der Wahlsonntag ist damit dieGelegenheit, sich auf die Suche zu machen. Wenn man hier bei uns, im Herzen Europas, über das Land fährt – wie viel EU findet man dann? Was schätzt man an der Mosel und in der Eifel an der Union? Was müsste besser werden?

Mein Weg führt mich zunächst an der Mosel entlang. Durch Weinberge, vorbei an Campingplätzen, auf denen zwischendurch niederländische Flaggen durch die Bäume blitzen. Vor dem Wahllokal in Wintrich herrscht reger Andrang. Schon im Vorfeld gab es im Ort große Diskussionen um den Bürgermeisterkandidaten Werner Marginet, der früher in der rechten belgischen Partei Vlaams Blok war. Europa ist hier also direkt in der Wahl mit involviert.  Für den 35-jährigen Johannes Friedrich, der hier aufgewachsen ist und hier mit seinem Sohn lebt, ist die EU mit Positivem verbunden, auch wenn noch Luft nach oben ist. „Es wäre wichtig, dass die Zahnräder aller Institutionen ineinander greifen und reibungsloser funktionieren“, sagt er und hofft darauf, dass sich die EU weiter verbessert. Auf Grenzkontrollen mit bewaffneten Soldaten wie früher auf dem Weg in den Urlaub könne er auch in Zukunft gerne verzichten.

Wie viel Europa steckt in den Kommunen in den Landkreisen Bernkastel-Wittlich, Bitburg-Prüm und der Vulkaneifel? Foto: Julia Nemesheimer

Der Weg führt weiter nach Wittlich. Hier wehen die Deutschland-Flagge und die der Europäischen Union direkt nebeneinander vor dem Stadthaus. Das Bild ähnlich wie in fast allen Stationen meiner Reise: Es herrscht ein stetes Kommen und Gehen. „Europa ist unser Zuhause“, erzählt ein Paar, das aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert ist. „Die EU muss selbstständig sein und realistische Politik für uns und unsere Kinder machen“, sagen die beiden. Auch wenn nur Teile der Ex-UdSSR heute zu Europa gehören, lassen solche Sätze doch viel Hoffnung mitschwingen auf eine gemeinsame Zukunft.

Aus der Stadt hinaus aufs Land. Genauer: In den zweitkleinsten Ort Deutschlands, nach Dierfeld. Hier gäbe es gleichzeitig den größten Ausländeranteil der Bundesrepublik mit 30 Prozent, wie man mir erzählt. Zehn Menschen wohnen in der Gemeinde, davon kommen drei aus Polen. Roderich von Greve-Dierfeld ist erster Beigeordneter des sechsköpfigen Gemeinderates. „Wir glauben daran, dass man in der Gemeinschaft stärker ist als allein“, sagt der 38-Jährige. Hier wirken alle tiefenentspannt und vor allem so, als würde die Gemeinschaft verschiedener Europäer sehr gut funktionieren. Fast möchte man in dem gepflegten Innenhof des Gutshauses den Rest des Tages verbringen.

Doch die Reise geht weiter. In die Vulkaneifel nach Hillesheim. Hier kandidiert der Belgier Edwin Kreitz für den Stadtrat. Die Liebe habe ihn 2008 hierher verschlagen. Für ihn biete ein vereintes Europa vor allem auch die Möglichkeit, in einem anderen europäischen Land leben und sich in diesem auch politisch engagieren zu können. „Deutschland ist meine neue Heimat geworden. Das ist, was wir alle brauchen: ein Zuhause, egal woher man kommt“, sagt der Grünen-Politiker. Er hoffe darauf, dass mit dieser Europawahl der soziale Gedanke Europas gestärkt und die EU reformiert wird. Einen großen Fehler der EU sieht er im Wettbewerb, der „sozialen Unfrieden“ mit sich brächte. „Das macht rechte Parteien stark“, sagt Edwin Kreitz.

In Roth bei Gerolstein treffe ich die 18-jährige Gina-Marie-Lenzen. Sie ist Erstwählerin und hat geschlossene Grenzen nie erlebt. Vorstellen kann sie es sich aber dennoch und ist daher dankbar für den Luxus, den ein vereintes Europa mit sich bringt. Was sie sich für die Zukunft wünschen würde? „Mehr Kommunikation zwischen den Ländern und eine gestärkte Einheit Europas ohne dass die Vielfalt darunter leidet.“

Ich verlasse die Vulkaneifel und fahre in den Eifelkreis Bitburg-Prüm. Hier ist man direkt in der Grenzregion, Belgien und Luxemburg sind in unmittelbarer Nähe. In Arzfeld wohnt allerdings ein EU-Bürger aus dem Osten: Ilija Kozulovic hat die kroatische Staatsbürgerschaft. In der Eifel lebt er heute, weil er hier seine Frau gefunden und mit ihr eine Familie gegründet hat. In der Gemeinde habe er schnell Fuß gefasst, er trainiere unter anderm die Bambinis des Fußballvereins. „Ich will nicht nur ein Teil von Arzfeld sein, sondern mit entscheiden und vor allem anpacken“, sagt er. Deshalb stehe er auf der Liste der CDU für den Gemeinderat. Er sieht die EU sehr positiv, die Europäer profitierten von offenen Grenzen und EU-Bürger müssen weniger Amtsgänge erledigen, wenn sie in einem anderen Land leben.

Ein letzter Abstecher, weiter weg von der Grenze: Gransdorf ist knapp eine Stunde von Luxemburg entfernt. Dennoch leben auch hier viele EU-Bürger. „Bei uns leben Kroaten, Belgier, Niederländer, Briten und Luxemburger“, erzählt Bürgermeister Friedebert Spode. Durch die Nähe zu Spangdahlem gibt es zudem viele US-amerikanische Haushalte. Die Vielfalt durch die EU wisse man hier zu schätzen, schließlich sei es auch besser für die Touristen, die hier Urlaub machen. Und die Zugezogenen integrieren sich in den Ort, sagt der Bürgermeister.

Am Ende meiner Reise habe ich in der Eifel jede Menge Integration gefunden. Bürger vieler verschiedener Nationalitäten bilden einen Mix, der das vereinte Europa nicht zu einem reinen Ideengebilde macht. Die wichtigsten Punkte für viele sind die offenen Grenzen, der große Luxus, überall hinreisen zu können, und seinen Lebensmittelpunkt auch in einem „fremden“ Land zu finden. Für die Menschen hier ist das etwas, das sie unmittelbar zu spüren bekommen und gemeinsam mit Leben füllen.

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