Wie Märchen das Leben bereichern

Wie Märchen das Leben bereichern

Sie kann mehr als einfach nur vorlesen: Ursel Hirtz aus Malbergweich ist ausgebildete Märchenerzählerin. Um die Symbole, die in den Geschichten gebraucht werden, zu deuten, ist eine fundierte Ausbildung nötig. Im Laufe der Jahrhunderte ist viel Wissen verloren gegangen.

Malbergweich. Eine Märchenerzählerin hat es heute nicht leicht in einer Gesellschaft, die so wissenschafts- und konsumorientiert ist wie unsere. Mit Märchen wissen viele Menschen nämlich nur noch wenig anzufangen. Dabei erzählen die Geschichten von den großen Lebensthemen: von Geburt und Sterben, davon, wie wir unser Elternhaus verlassen und unseren Charakter ausbilden. Themen, die immer aktuell sind.
Als ihre beiden Kinder schon fast erwachsen waren, hat sich Ursel Hirtz intensiver mit Märchen auseinandergesetzt. Immer schon hat sie gerne Geschichten vorgelesen, hat sich mit der Psychologie von C. G. Jung beschäftigt und ist im Internet auf die Ausbildung zur Märchenerzählerin aufmerksam geworden. "Da haben verschiedene Sachen zusammengespielt, bis ich für mich festgestellt habe, dass das für mich das Richtige ist", sagt Ursel Hirtz, die in Malbergeich lebt. Drei Jahre hat die Ausbildung gedauert, inzwischen ist sie sogar Märchentherapeutin: Sie ermöglicht Menschen mit Hilfe der Märchen innere Bilder deuten zu lernen. In verschiedenen Gruppen hat sie das schon angewendet.
Märchen erzählt sie in Büchereien oder bei Lesungen. Diese Woche kommt sie nach Bitburg, um dort von einem Helden zu erzählen. Bis es aber soweit ist, dass sie ein Märchen an andere weitergeben kann, ist einiges an Arbeit nötig.
"Ich frage die Veranstalter immer, welches Thema die Geschichte haben soll. Wenn es beispielsweise ums Loslassen geht, suche ich mir eine entsprechende Geschichte heraus und erzähle sie mir selbst laut. Oft gehe ich dabei im Wohnzimmer auf und ab und irgendwann merke ich, dass ich die Geschichte in mich aufgenommen habe und sie bei mir etwas auslöst. Dann kann ich sie auch anderen erzählen."
Meist arbeitet sie mit Märchen aus anderen Kulturen, beispielsweise aus Russland oder China. "Die Märchen ähneln sich von ihrem Aufbau, egal woher sie kommen", sagt Ursel Hirtz. "Gerade wenn die Geschichten unbekannt sind, lässt man sich unvoreingenommener auf sie ein."
Sie, die Germanistik und Soziologie studiert hat, mag heute das russische Märchen von "der schönen Wassilissa" sehr gern. Es handelt von einem Mädchen, das durch die Hexe Baba Yaga in altes Wissen eingeweiht wird. Als Kind war "des Kaisers neue Kleider" ihr Lieblingsmärchen.
Für sie macht ein gutes Märchen vor allem aus, dass es ohne den erhobenen Zeigefinger auskommt und keine pädagogischen Ziele verfolgt. Aus der neueren Literatur gehören Astrid Lindgrens "Mio, mein Mio" genauso für sie dazu wie Michael Endes "Momo".
Freuen würde sie sich, wenn die Menschen wieder sensibler werden würden für das Spirituelle und die Mythen, "dann würden die Seelen wieder mehr Nahrung bekommen und das Leben deutlich reicher", sagt Ursel Hirtz. Auch deshalb macht sie weiter. Und hofft, dass die Menschen die Märchen wieder näher an sich heranlassen.
Ursel Hirtz erzählt "von einem Helden" am Freitag, 11. März, 19.30 Uhr, im Ballettsaal des Beda-Instituts, Karenweg 6, in Bitburg. Um Anmeldung wird unter 06563/8753 gebeten. Der Eintritt ist frei.
Extra

In Märchen gibt es Figuren, die, immer wieder missverstanden, im Laufe der Zeit einen grausamen Charakter erhalten haben. Ein Beispiel hierfür ist die böse Stiefmutter: Sie will in Hänsel und Gretel die Kinder im Wald aussetzen, ist heute also sehr negativ besetzt. Dabei steht sie allgemein dafür, dass sie die Kinder hinaus in die Welt schickt - und das ist eine Erfahrung, die alle Kinder einmal machen müssen. Eine andere Figur ist die Hexe - eigentlich eine Weisheitsträgerin, weil sie die Geheimnisse des Lebens kennt. Heute wird sie jedoch als bösartige Frau gesehen, die den Kindern etwas antun möchte. chb

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