Wildschweine entmachteten Franzosen

Wildschweine entmachteten Franzosen

Dorfgeschichte: Wie die Isleker mithilfe der Wildschwein-Plage die Franzosen entmachteten und was "Hännes" Johann Wirtz dazu beigetragen hat, erzählt die folgende Geschichte über Abschreibung und Schmuggel von Wild.

Herzfeld/Leidenborn. (red) In geselliger Runde war er gefordert: Johann Wirtz, Hännes genannt, und eifelweit als Landtagsabgeordneter engagiert und schon früh, das heißt direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, kommunalpolitisch im Einsatz. Er musste dann erzählen, wie es 1946 in der ersten Sitzung des neuen Kreistages in Prüm zuging.

Neben Landrat Schaefgen saß der französische Kreiskommandant und hatte die Zügel bezüglich Tagesordnung und Zeitbudget fest in der Hand. Am Schluss der Sitzung ließ er zwei Fragen aus dem Tagesgeschehen zu. Sofort hatte Hännes Wirtz die Hand oben und trug anschaulich und mit der ihm eigenen Festigkeit vor, wie die Wildschweinplage die sowieso vorhandene Notlage der Bevölkerung vergrößere. Der Fleiß der Menschen werde im Islek, der von Bodengüte und Klima keineswegs begünstigt sei, vom Borstenvieh zunichtegemacht. Ohne Schusswaffen könne man jedoch nichts ausrichten.

Fleiß durch Borstenvieh zunichtegemacht



Beim Stichwort Schusswaffen wusste Hännes Wirtz um die Gefährlichkeit seines brisanten Antrages und fügte vorsichtshalber hinzu, dass es ihm nicht darum gehe, Deutsche mit Gewehren auszustatten. Zustimmung wurde signalisiert, fast wäre ein anerkennender Applaus gefolgt, doch man verstand die bremsende Gestik.

Sichtlich beeindruckt war der Kommandant, durch sein flottes Siegel als Kreiskommissar und Leiter des französischen Sicherheitsdienstes im Cercle Prüm ausgewiesen, und er ließ auf der Stelle ein Abschusskommando zusammenstellen, das seine Arbeit - es war Ende Oktober - unverzüglich aufnahm.

In den ersten Monaten gingen einheimische Landwirte sowie jagdbeflissene und zudem ortskundige Bewohner als Lotsen und Treiber mit auf die Jagd. Sie machten sich unentbehrlich und sorgten dafür, dass die Ergiebigkeit der Strecken wuchs.

Die Franzosen schätzten die Art und Weise, wie alles funktionierte. Sie sprachen von professionellen Jagdexperten und es kam zu gelockertem Einvernehmen.

Bald durften die Isleker die Gewehre tragen, laden und anlegen - und auch schon einmal Vollzug melden. Wehe, das wäre in der Zentrale Trier oder in Metz oder gar in Paris gemeldet worden.

Und wer das Völkchen in der Westeifel, oft heimgesucht und geprüft, kennt, kann erahnen, wie sich die gemeinsame Jagdausübung ausdehnte. Man wurde immer kecker und ließ auch viele Portionen des Wildes per Täuschung "abschreiben". Beste Stücke landeten im Abfalleimer, wo sie nicht lange liegen blieben und in hungrige Hände kamen.

Die französischen Freunde, später bei Wiedersehenstreffen befragt, gaben zu, vieles bemerkt zu haben. Es sei ihnen leichter gefallen, "mitzuspielen" als strafend einzuschreiten.

So mancher Schmuggel-Transfer glückte nicht nur wegen der Schlitzohrigkeit der Isleker; die französischen Besatzungsleute machten Dienst nach Vorschrift und dazu gehörten Pausen, Feiertage, Prozessionen und die Kirmes. Hännes Wirtz wurde noch einmal zum Sprecher der Bevölkerung; es ging um die Ernteschätz-Kommission. Er lenkte den Blick auf realistische Boden- und Ertragsverhältnisse und führte die Obleute zu durchschnittlichen Böden.

Mit Schmunzeln fügte er hinzu: "Die haben ein unwahrscheinliches Gespür, immer nur die besten Felder zu entdecken und dann zu bewerten. Wir müssen Testflächen anbieten, nach unserer Façon."

Der am 20. Mai 2003 gestorbene Ökonomierat Johann Wirtz schloss seine Rückblenden seitdem immer mit der Formel: Auf unseren Feldern nicht zu bewerten sind der Fleiß der Isleker und der Segen von oben - und der ist nicht abgabe- und steuerpflichtig.