Eifel-Kulturtage: Winnetou vergessen? Geht nicht!

Eifel-Kulturtage : Winnetou vergessen? Geht nicht!

Mit einer „wilden Lesung mit Musik“ gastierte Ilja Richter im Rahmen der Eifel Kulturtage im ausverkauften Rengener Bürgersaal: ein Leckerbissen nicht nur für Karl-May-Fans.

Zweifellos gehören beide auf ihre Weise zu den Größen der Popkultur: Karl May, dessen Bücher mehr als 200 Millionen mal verkauft wurden und der damit als erfolgreichster deutschsprachiger Schriftsteller gilt, und Ilja Richter, der mit seiner damals neuartigen ZDF-Musiksendung „Disco“ in den 1970er Jahren die Baby Boomer prägte. Ganz ohne den berühmten Spruch „Licht aus! Whoom! Spot an! Jaaa!“ ging es auch jetzt im Rengener Bürgersaal nicht.

Und doch: Mit leicht konsumierbaren Hits hatte dieser Event der Eifel Kulturtage trotz gesanglicher und musikalischer Einlagen, die Multitalent Richter auf die Bühne brachte, nichts zu tun. Schon eher mit den selbst getexteten und komponierten Musik-Sketchen, die er einst zwischen die Auftritte der Stars packte und deren sanfte Subversion – etwa eine kleine Satire über Korruption im Freistaat Bayern – vielen erst im Nachhinein auf YouTube auffällt.

Nun also Karl May als Thema eines mehr als anderthalbstündigen Parforce-Ritts durch die von Brüchen gekennzeichnete Biografie des ewigen Erfolgsautors, durch die wilhelminische Kulturgeschichte und deren Folgen von Nazi-Deutschland bis heute. Richter schaffte es, mit dem Bühnenprogramm „Ver­gesst Winnetou!“ humorvoll Dinge ins Licht der Spots zu tragen, bei denen bisweilen das Lachen im Halse stecken blieb. Und so gab es beim Publikum kaum laute Schenkelklopfer, sondern viel eher ein dauerhaftes Schmunzeln. Zwar geisterte Winnetou natürlich im Raum wie der rosa Elefant, an den man nicht denken soll. Doch präsentiert wurde die Lebensgeschichte eines aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Sachsen, der früh mit elterlicher Gewalt konfrontiert war, der sich in Lügen und Kleinkriminalität verstrickte, der seine Seele mit rund 6000 literarischen Fantasiewelten („die ersten fake news“) zu retten versuchte und der nach seinem Tod 1912 von so unterschiedlichen Menschen wie Adolf Hitler und der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner einerseits geliebt, aber auch missverstanden wurde.

Ilja Richters „wilde Lesung mit Musik“, so der Untertitel des Bühnenprogramms, war ein revueartiges Kaleidoskop von Anekdoten, gespickt mit gesicherten literaturwissenschaftlichen Erkenntnissen ebenso wie mit Schilderungen vom damaligen Hörensagen. Und nicht zuletzt mit eigenen Kommentaren aus seiner Sicht des Heutigen, die angereichert waren mit Seitenhieben gegen Rechtspopulisten und Rassisten, gegen Umweltfrevler und falsche Helden. Die in den siebziger Jahren in flotten Sprüchen verborgene Gesellschaftskritik seiner Sketche ist bei Richter nun unüberhörbar und satirischer geworden.

Dass er Karl May zum aktuellen Thema wählte, dürfte kein Zufall und auch keine bloße Hommage an einen Lieblingsautor von Millionen Lesern sein. Denn mit den Auswirkungen von Diktaturen auf das unmittelbare Leben hat seine Familie eigene leidvolle Erfahrungen. Richters Vater war Kommunist und überlebte das Naziregime im KZ, seine jüdische Mutter mit einer gefälschten „arischen“ Identität. Später bekam die in Ostberlin lebende Familie politische Schwierigkeiten und siedelte nach Köln und später Westberlin über, wo Richter als Neunjähriger seine sprecherische und schauspielerische Karriere beim Sender Freies Berlin begann.

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