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"Wir brauchen eine Willkommenskultur"

"Wir brauchen eine Willkommenskultur"

Seit einem Jahr ist Gunda Gercke-Stolzenbach die Integrationsbeauftragte für die Verbandsgemeinde Irrel. Sie bietet regelmäßig Sprechstunden an und übersetzt Mitteilungen der Verwaltung. Den größten Teil ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit nimmt die Einzelfallhilfe ein.

Die Familie aus dem Libanon hatte sich gut in Irrel integriert. Da es aber juristisch keine Chance für ein dauerhaftes Bleiberecht gab, musste sie zurück in die alte Heimat. "Der 16-jährige Sohn hätte das Zeug dafür gehabt, in Deutschland sein Abitur zu machen. Ein Jammer, dass die Familie gehen musste", sagt Gunda Gercke-Stolzenbach, Integrationsbeauftragte der Verbandsgemeinde (VG) Irrel."Das sind die Kinder und Jugendlichen, die wir in Deutschland eigentlich brauchen könnten."

Sie kämpft sich für Migranten durch den Behördendschungel, gibt ihnen eine Stimme, wo keiner sie hört und sorgt dafür, dass sie gut behandelt werden: Gunda Gercke-Stolzenbach ist seit einem Jahr die Integrationsbeauftragte in der Verbandsgemeinde (VG) Irrel. VG-Bürgermeister Moritz Petry hatte sie angesprochen, ob sie das Ehrenamt übernehmen könne.

Da sie die erste Integrationsbeauftragte der VG ist, hat sich die pensionierte Lehrerin zuallererst ein eigenes Konzept gemacht. So hält sie regelmäßige Sprechstunden ab, erstellt mehrsprachige Handzettel und arbeitet mit den Schulen und Kindergärten der Region zusammen. Den größten Anteil ihrer Arbeit aber nehmen die Einzelfälle ein.
Begleitung bei Behördengängen


In der Regel rufen Freunde der Ratsuchenden oder Nachbarn bei ihr an. Das Aufgabenspektrum, das sich ihr stellt, ist vielschichtig. Sie begleitet Hilfesuchende bei Behördengängen, hilft beim Asylverfahren oder übersetzt Gespräche. Dadurch erlebt sie die einzelnen Schicksale hautnah. Aktuell beschäftigt sie das einer Familie aus Bollendorf, die zurück in den Kosovo geschickt werden soll. Die Familie war aus der Heimat geflohen, da die Organmafia ihren damals dreijährigen Sohn entführt hatte. Die Polizei konnte das Kind vor dem Eingriff retten. Die Familie hat sich sehr gut in Bollendorf eingelebt. Im Ort kümmert sich Agathe Hunewald, hilft bei Integration und Erlernen der deutschen Sprache. Der Familienvater hätte sogar die Aussicht auf einen Arbeitsplatz, vorausgesetzt, er bekommt ein Aufenthaltsrecht. Letzte Chance: Mehrere Bollendorfer, darunter auch der Ortsbürgermeister, haben sich beim Bürgerbeauftragten für die Familie eingesetzt.

"Asylbewerber und Menschen, die hier leben wollen, sind zu Beginn ihres Aufenthaltes bereit, sich zu integrieren. Auch der Wille, die deutsche Sprache zu lernen, ist vorhanden. Die Bedingungen auf den Dörfern sind allerdings schlecht, da die Kurse in Bitburg nur schwer erreichbar sind", beobachtet die Integrationsbeauftragte.

Am erfolgreichsten sei Integrationsarbeit, wenn es im Dorf einen Ansprechpartner gibt, der gezielt auf die Menschen zugehe. Bollendorf sei da absolut nachahmenswert, sagt sie. Gunda Gercke-Stolzenbach versucht zu koordinieren. Sie ist auf Mithelfer in den einzelnen Orten angewiesen.

Eine weitere große Herausforderung ist die Integration der Menschen, die bisher in Luxemburg gelebt haben und sich in Deutschland nur ihre "Schlafstätten einrichten", doch weiterhin in Luxemburg die Infrastruktur, wie Kindergärten, Schulen, Verein nutzen. "Sie kommen in der Vorstellung, alles bleibt wie bisher, nur das Wohnen wird preiswerter", sagt die 62-Jährige. Diese Einstellung zu verändern würde sie alleine überfordern, sagt sie. Damit sich etwas ändert, müsse eine Willkommenskultur entwickelt werden. So könnte es jährliche Einladungen mit Kaffee und Kuchen geben, in denen man Neubürgern etwas zum Dorf, seinen Aktivitäten und Vereinen erzählt, aber auch zu Regeln, wie kehren und Schnee schaufeln, regt sie an und hofft dabei auf die Unterstützung von Ortsbürgermeistern und Gemeinderäten.
Extra

Gunda Gercke-Stolzenbach lebt in Holsthum. Seit 2012 ist sie die Integrationsbeauftragte der Verbandsgemeinde Irrel. Zuvor hat sie in Bitburg den Arbeitskreis Asyl aufgebaut und war dort 15 Jahre lang Sprecherin. Die ehemalige Gesamtschullehrerin spricht Englisch, Französisch und ein bisschen Türkisch. snExtra

In der Verbandsgemeinde Irrel leben 9718 Menschen. Davon stammen 1677 aus anderen Ländern. Den größten Anteil stellen die Luxemburger Staatsbürger mit 924. Diese hohe Zahl spiegelt sich nicht in den Einrichtungen wider. So besuchen beispielsweise nur sieben Kinder mit luxemburgischer Staatsangehörigkeit die Grundschule in Bollendorf. Insgesamt gehen 104 Kinder dort zur Schule. sn