"Wir haben alle schnelle Autos"

"Wir haben alle schnelle Autos"

Das Amtsgericht Prüm hat einen 28-jährigen Eifeler zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung und zu einer Geldstrafe verurteilt. Er hatte im August bei Irrhausen einen Unfall verursacht, bei dem ein Mitfahrer schwerste Verletzungen erlitt.

Sein Freund wartet auf die nächste Operation: Dann soll ein Teil seiner Schädeldecke rekonstruiert werden. Der 23-Jährige muss neu sprechen lernen, er leidet unter einer Lähmung, unter geistigen Beeinträchtigungen, sein Immunsystem ist erheblich geschwächt. Arbeiten oder ein selbstständiges Leben führen kann er wahrscheinlich nie mehr.
Er wird, so sagt der Vorsitzende Richter Felix Heinemann, "für sein Leben an den Folgen zu tragen haben - und zwar schwer zu tragen".
Diese Folgen sind das Resultat eines Unfalls im August 2012: Vier Eifeler Jungs fahren nachts von einer Party in Dahnen auf der B 410 in Richtung Arzfeld. In einer Kurve hinter Irrhausen passiert das Unglück: Der BMW des Angeklagten fliegt von der Straße, weil er zu schnell war. Er schleudert über einen Parkplatz und kommt erst in einem angrenzenden Waldstück zum Stehen.

Alle vier Insassen werden verletzt, der 23-Jährige lebensgefährlich. Der 28-jährige Fahrer steht nun vor Gericht - und lässt gleich zu Beginn der Verhandlung in Prüm über seinen Anwalt Matthias François mitteilen, dass er sich dazu bekennt, den Wagen gefahren und den Unfall fahrlässig verschuldet zu haben. Und dass er Abbitte leiste gegenüber der Familie seines Freundes. Die genannten Punkte sind unstrittig. Allerdings steht noch ein Vorwurf im Raum: Der Fahrer habe sich nach dem Unfall aus dem Staub gemacht - das heißt: Fahrerflucht und unterlassene Hilfeleistung.

An dieser Stelle wird die Verhandlung besonders interessant: Denn die Zeugen - zwei Mitfahrer und ein Dritter, der im Wagen dahinter saß - wollen sich nicht mehr daran erinnern können, wie der Angeklagte von der Unfallstelle weggekommen sei und sich damit auch eine Begegnung mit der Polizei erspart habe. Der Verdacht, dass sie ihren Freund in diesem Punkt nicht belasten wollen, ist mit Händen zu greifen: Weder Richter Heinemann noch Staatsanwältin Elke Schmitten und Andreas Ammer, der den schwerverletzten 23-Jährigen vertritt, wollen ihnen glauben. "Sie sagen immer, wenn\'s drauf ankommt, ,keine Ahnung\'", wirft ihnen Heinemann vor.
In anderen Punkten sind die Zeugen deutlich bekenntnisfreudiger: Er habe "20 Asbach-Cola" getrunken, sagt einer von ihnen. "Das passiert halt schon mal." - "Wir haben alle schnelle Autos", sagt ein anderer. Man fahre eben "gerne zügig". Das gelte für alle Beteiligten - egal, wer gerade als Fahrer ausgeguckt worden sei.
Reue bringt Milde


Alle - von den Anklägern bis zum Verteidiger, reden zum Schluss auch den beteiligten Freunden ins Gewissen: Jeder von ihnen hätte heute auf der Anklagebank sitzen können - oder mit schweren Verletzungen im Krankenhaus liegen.
Es gebe da so eine Haltung, sagt Andreas Ammer, dass das schnelle Fahren "nicht so schlimm" sei. "Aber es ist schlimm. Die Rennerei und die Sauferei - die sind nicht cool." Er könne zwar verstehen, dass man einen angeklagten Freund schützen wolle. "Aber angesichts einer solchen Tat muss es um Solidarität mit dem Opfer gehen." Und auch darum, wie die Gruppe in Zukunft mit dem verletzten und behinderten Freund umgehe - ob sie ihn isoliere, über ihn lache oder ob sie ihn wieder aufnehme.
Am Ende lassen die Ankläger den Vorwurf der Unfallflucht und der unterlassenen Hilfeleistung fallen, da die Situation am Unfallort nicht eindeutig geklärt werden kann.
Für die Körperverletzung wird der 28-Jährige zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Seinen Führerschein darf er erst in acht Monaten zurückhaben. Und er muss 3000 Euro zahlen.
"Es tut mir leid", sagt er am Ende unter Tränen. Und dass er dem Unfallopfer helfen wolle. Er bereut offensichtlich - was strafmildernd zur Kenntnis genommen wurde. Und er akzeptiert das Urteil, das damit rechtskräftig wird.
Meinung

Leider uncool
"Ungeeignet zum Führen von Kraftfahrzeugen" - für einen PS-Fetischisten gibt es vielleicht kein härteres Urteil. Es trifft ihn vermutlich härter als jede Freiheits- oder Geldstrafe. Denn es heißt ja so viel wie: "Kann nicht Auto fahren." Oder: "Beherrscht die 300 PS seines Wagens nicht." Verkehrsregeln einhalten? Pfft. Die sind für manche Autofahrer so lästig wie die Fliegen, die auf ihrer Windschutzscheibe verenden. Egal, die wischt man eben weg. Man fahre gern "zügig", heißt es dann. Aber zügig fahren ist in vielen Fällen nichts anderes als verantwortungsloses Rasen. Es ist natürlich uncool, Rasen als uncool zu bezeichnen. Es ist auch uncool, das Rasen als Rasen zu bezeichnen. Aber genau das ist es. Und lebensgefährlich - leider nicht nur für den Raser. fp.linden@volksfreund.de