"Wir haben gesündigt in der Kirche"

"Wir haben gesündigt in der Kirche"

Mit seinem Vortrag zum Jahr des Glaubens hat der luxemburgische Erzbischof im Bürgerhaus von Waxweiler rund 50 Zuhörer beeindruckt. Dabei hat Jean-Claude Hollerich vor allem die Bedeutung von Beziehungen und der Liebe zu Gott und den Menschen gesprochen.

Waxweiler. Es ist kühl im Bürgerhaus in Waxweiler. Nicht nur die Temperaturen, auch der Mangel an Dekoration machen es eher ungemütlich. Dennoch füllen sich die Stuhlreihen allmählich, doch längst nicht alle Plätze sind besetzt. Der Erzbischof Jean-Claude Hollerich betritt den Raum mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht. Er trägt eine schwarze Soutane mit einer violetten Schärpe und einem ebensolchen Käppchen. Er spricht kurz mit den Damen von der Presse und nimmt dann in der ersten Reihe Platz.
Begrüßt wird er zunächst vom Prümtal-Chor aus Waxweiler. Auch die Sänger tragen Schwarz und haben sich mit ihren Schals und Krawatten farblich dem Erzbischof angepasst.
"Was bringt uns der Glaube?"


Nachdem der Chor gesungen und danach im Publikum Platz genommen hat, stellt Michael Fischer von der Katholischen Erwachsenenbildung den Erzbischof vor. Als dieser dann die Bühne betritt, wird es ganz leise. Hollerich spricht langsam, mit deutlichem luxemburgischen Akzent. "Was bringt uns der Glaube?" Diese Frage habe ihm einmal ein Firmling gestellt. Eine gute Frage wie er findet. "Der Glaube bedeutet die Beziehung zum dreifaltigen Gott und auch zum Menschen." Das könne man nicht trennen. Viele Menschen würden unter Beziehungslosigkeit leiden. Dabei nennt er als Beispiel Menschen, die geschieden sind. Dabei betont Hollerich, dass er auf gar keinen Fall den moralischen Zeigefinger heben will. "Wie kann ich als Mensch darüber richten? Das wäre unchristlich."
Auch sonst schlägt Hollerich Töne an, die nicht selbstverständlich sind für einen katholischen Kirchenmann. "Wir haben gesündigt in der Kirche", sagt er. Damit meint er, dass der Glaube nur noch als Tradition empfunden werde. Dann verschwinde Gott vom Horizont und der Kirchgang verkomme zum Ritus.
Er appelliert an die Zuhörer, sich Zeit zu nehmen für das Gebet und auch für die Mitmenschen. Auf lange Sicht sei das eine Investition, die sich auszahle. Hollerich spricht frei, ganz ohne Manuskript. Auch nach mehr als einer halben Stunde Redezeit lauschen die Zuhörer noch gebannt. Der Erzbischof hat auch ohne Stichwortzettel seinen Vortrag klar strukturiert. Er spricht auch davon, dass der Glaube ein realistisches ehrliches Glück bringt. Eines, das auch schlechte Zeiten mit Krankheit, Leid und Tod übersteht. "Man kann nicht glücklich sein, wenn man sich verstellen muss", ist Hollerich überzeugt. Gott liebe jeden Menschen, so wie er ist. Er appelliert an die Zuhörer, das Leben zu genießen. "Ich lebe sehr gerne, das sieht man auch an meinem Gewicht", scherzt er, und das Publikum lacht.
Intensive Gespräche


Als Hollerich seinen Vortrag beendet hat, kommt er von der Bühne und geht zu seinem Publikum. Er schüttelt Hände und unterhält sich intensiv mit den Menschen. Die sind zufrieden. Gabi Heger, ehemalige Bürgermeisterin aus Vianden, kennt den Erzbischof schon seit langer Zeit. "Er ist so freundlich geblieben, wie er immer war", urteilt sie. Marianne Fischer aus Waxweiler ist gläubig, aber nicht immer ein Freund der Kirche. "Er hat zum Nachdenken angeregt", sagt sie. Karl Michaels aus Altscheid ist von der Ausstrahlung des Erzbischofs begeistert. "Er macht das sehr authentisch", sagt er. "Er hat es auf den Punkt gebracht", findet Paul Heinisch aus Plütscheid. Von der kühlen Atmosphäre im Bürgerhaus ist nichts mehr zu spüren.

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