„Wir werden überrollt“

Soziales : „Wir werden überrollt“ - Tierschützer im Eifelkreis schlagen Alarm

Der Verein Tierhilfe Eifelkreis ist Geschichte. Doch wer kümmert sich nun um Streuner und Fundtiere? Tierschützer fühlen sich überfordert.

Um 19.30 Uhr klingelt es bei Rainer Kordel. Ein Mann steht vor der Haustür des Altricher Tierheimchefs. Er habe bei einer Schutzhütte  Katzenbabies entdeckt, erzählt er. Sie kletterten in den Bäumen. Gegen 21 Uhr haben Kordel und Helfer die elf Kitten gefangen. Der Leiter des Eifeltierheims mutmaßt, dass sie von der Fahrerin eines Wagens mit Bitburger Kennzeichen ausgesetzt wurden.  Es ist offenbar kein Einzelfall. Ständig komme es vor, dass Halter ihre Schützlinge zurückließen. Wenn Tierschützer sie nicht aufnehmen, verhungerten sie meist. Haustiere sind das Leben in der Wildnis nicht gewohnt.

Die Lage: In Altrich kommen Vierbeiner aus der ganzen Region unter. Derzeit häuften sich laut Kordel Anfragen aus dem Eifelkreis. Meldungen kämen im Stundentakt rein, die Zimmer im Heim seien „längst überfüllt“. „Wir werden derzeit überrollt“, meint Kordel. Und zu allem Überfluss habe das Tierheim Trier, das einzige andere in der Region, derzeit einen Aufnahmestopp verhängt. Auch die Pflegestellen, die der Förderverein des Eifeltierheims vorhält, seien belegt, wie Sylvia Gabricevic sagt. Die Tierschützerin lebt in der Eifel und sagt: „Die Population der Katzen explodiert.“

Dazu muss man wissen: Hierzulande werden viele Katzen auf Bauernhöfen gehalten. Meistens seien sie nicht kastriert, vermehrten sich unkontrolliert. Laut Kordel gibt es hunderte solcher Höfe und somit tausende herrenlose Katzen. Gabricevic fährt täglich zu landwirtschaftlichen Betrieben raus, auch nachts. An einem Tag fängt sie in Ammeldingen an der Our, am nächsten schon in Winkel in der Vulkaneifel. Der Förderverein fühle sich allein gelassen.  Und das ohne Pflegestellen rund um Bitburg und Prüm und mit wenigen Mitgliedern, die hauptsächlich in der Wittlicher Gegend lebten: „Viele haben hingeworfen.“

Die Tierschützer: Hat auch die „Tierhilfe Eifelkreis“ aufgegeben? Die Telefonleitung der Gruppe ist seit Tagen tot, die Facebook-Seite verschwunden. Wer die Homepage anklickt, findet eine Fehlermeldung. Auf TV-Anfrage bestätigt der ehemalige Schriftführer Klaus Wagner: „Wir haben den Verein auflösen müssen – mangels Aktiver.“ Als sich nicht einmal Freiwillige für den Vorstand fanden, habe man keinen anderen Ausweg gesehen. Aufgegeben habe man aber nicht, weil es zu wenig Arbeit gegeben hätte, sondern zu viel: „Die Tierhilfe in der Eifel ist ein Vollzeitjob und ehrenamtlich kaum zu stemmen.“

Auch bei den „Tierfreunden Südeifel“ ist niemand zu erreichen. Anrufe kommen nicht durch, die Website ist offline. Auf der Facebook-Seite wurde seit Februar nichts gepostet. Seit Monaten habe man von der Gruppe nichts gehört, bestätigen Gabricevic und Kordel. Aktiv seien ihrer Ansicht nach nur der Förderverein und die Stiftung „Atlantis“. Gabricevic befürchtet, dass auch bei ihrem Verein die Lichter ausgehen könnten – zumindest dann, wenn es weiterhin kaum Unterstützung von den Kommunen gebe: „Die glauben: Tierschutz ist Luxus.“

Die Kommunen: Zumindest bewerten die Verbandsgemeindespitzen die Lage anders als die Tierschützer. Der Südeifeler Bürgermeister Moritz Petry geht von „seltenen Fällen“ aus. Sein Kollege Andreas Kruppert aus Arzfeld meint, dass „absolut nicht von einem Problem“ gesprochen werden könne. Auch der Sprecher der Stadt Bitburg hält die Population der Katzen für „überschaubar“. Im Bitburger und im Prümer Land, so die Rückmeldung aus den Verwaltungen, gebe es keinen Anstieg.  Dem pflichtet der Speicherer VG-Chef Manfred Rodens bei: Eine steigenden Anzahl von Streuner- oder Fundtieren sei nicht feststellbar.

Und wer kein Problem sieht, der sieht offenbar auch keinen Handlungsbedarf. Verpflichtet zu handeln, seien die Verbandsgemeinden nur, wenn „die öffentliche Ordnung durch Tiere gefährdet werde.“

Probleme und Lösungen: Das sei längst der Fall, meint Kordel. Zur Erklärung schildert er einen Fall: Eine Frau aus einem Bitburger Ortsteil rief im Tierheim an. In der Nähe ihres Hauses gebe es einen Spielplatz und in den Büschen rund um die Anlage lebten herrenlose Katzen. Die verrichteten ihre Notdurft zwischen Sandkasten und Schaukeln. Ob das gefährlich für Kleinkinder sei, wollte sie von Kordel wissen. Und ob, sagte der: Denn in dem Kot können Giardien leben. Diese Parasiten befallen auch Menschen, rufen Übelkeit und Durchfall hervor. Verschmutzungen öffentlicher Anlagen gebe es häufiger, so Kordel. Die VG-Chefs wollen davon nichts gehört haben, sprechen von „seltenen Fällen.“ „Sie verschließen die Augen vor dem Problem“, sagt der Tierheimchef: „Denn es zu lösen, würde Geld kosten.“

Wer kann sich vorstellen – wenn auch nur für wenige Wochen – Katzen aufzunehmen? Der Förderverein des Eifeltierheims sucht weiterhin nach Pflegestellen unter Telefon 06592 3725.

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