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Wo Olympioniken an der Werkbank sitzen

Wo Olympioniken an der Werkbank sitzen

Die Westeifelwerke Wißmannsdorf-Hermesdorf sind ein besonderes Unternehmen. Hier arbeiten überwiegend Menschen mit Behinderung. Sie arbeiten dort aber nicht nur. Was genau hinter den Kulissen der Werke passiert, können Besucher am Sonntag am Tag der offenen Tür erleben.

Hermesdorf. My Toys, Würth, Mammut oder das Deutsche Rote Kreuz gehören genauso wie Hochzeitspaare zu ihren besten Kunden. Besonders vor Wahlkämpfen haben sie viel zu tun. Ob dann "Atomkraft? Nein danke" auf einem gelben oder grünen Ballon stehen oder andere Wahlslogans auf roten oder schwarzen Ballons, ist ihnen egal.
Sie, das sind die Ballondrucker der Westeifelwerke in Hermesdorf. Jede Woche werden hier Ballons von Menschen mit Behinderung bedruckt, geprüft, sortiert, gewogen und verpackt. Am Standort Hermesdorf tun sie das seit 25 Jahren. So lange gibt es die Westeifelwerke dort schon - das muss gefeiert werden. Mit einem Tag der offenen Tür, am Sonntag, 28. Juni. Ferdinand Niesen ist der Geschäftsführer. Er rechnet mit mehreren Tausend Besuchern. Auf dem Programm stehen neben Werksführungen, Musik und Spielen auch drei Heißluftballonfahrten (siehe Extra). Die Ballondruckerei ist das wichtigste Standbein der Westeifelwerke. Im Siebdruckverfahren werden an selbst gebauten, behindertengerechten Maschinen bis zu einer halben Million Ballons in der Woche bedruckt.
Die Westeifelwerke Trier sind ein besonderes Unternehmen, keines wie jedes andere. Hier sucht niemand die Mitarbeiter nach Kompetenz und Erfahrung aus. Hier gibt es auch keine Vorstellungsgespräche. Vielmehr wird die Arbeit flexibel an die Mitarbeiter angepasst. "Es kann sein, dass wir einen Auftrag nicht annehmen können, weil uns dazu die Kapazitäten und die nötigen Arbeitskräfte fehlen", sagt Geschäftsführer Niesen. Nach drei Monaten Praktikum und zwei Jahren Berufsausbildung entscheidet sich je nach Art und Grad der Behinderung und je nach Neigung und Begabung, wer in welchem Bereich eingesetzt wird. Denn auf dem riesigen Firmengelände werden nicht nur Ballons bedruckt, in Werkstätten werden auch Produkte verschiedener Firmen weiterverarbeitet. Beispielsweise von Andrea Thielen. "Sie mag die regelmäßigen, immer gleichbleibenden Abläufe am Band", sagt Sozialpädagoge Richard Kläsges.
Thielen spricht nicht, vor ihr liegt ein Sudoku-Heft mit kleinen Bildern, das sie nebenbei ausfüllt und bemalt. Auch Udo Lehnertz malt gerne. In seiner Pause besucht er den Malkurs von Walter Wilde. Überhaupt wird bei den Westeifelwerken nicht einfach nur gearbeitet. Die Kunst- und Sportangebote sind sehr beliebt. Seit den 1990er Jahren treten die Werke bei den Special Olympics an. Wolli Smolko ist einer ihrer besten Golfer. Jede Menge Medaillen und Pokale hat er schon bei Special Olympics und Weltspielen gesammelt. "In North Carolina, Irland und München hat es mir bis jetzt am besten gefallen", erzählt er stolz.
Mitarbeiter wie Wolli Smolko, Andrea Thielen und Udo Lehnertz können anpacken. Das können nicht alle. In sogenannten Fördergruppen werden Menschen betreut, die so schwer behindert sind, dass sie nicht arbeiten können. Die Zahl dieser Menschen steigt. "In Zukunft wird es mehr Menschen mit schwerster Behinderung geben. Für die WEW wird es eine Herausforderung sein, sich auf diesen Personenkreis auszurichten," sagt Niesen. Das liege daran, dass die Medizin so weit entwickelt sei, dass sie immer mehr frühgeborene Kinder retten könne, die dann oft mit schweren Behinderungen zur Welt kommen. Auf der anderen Seite gebe es immer weniger Menschen mit leichter Behinderung.
Programm: Los geht\'s beim Tag der offenen Tür in Hermesdorf am Sonntag um 10.45 Uhr mit einem Gottesdienst in der Turnhalle. Von 12 bis 18 Uhr folgen in der Festhalle Auftritte von Musik- und Tanzgruppen sowie Spiele für Kinder. Zudem gibt es Werkstattführungen, Pferdekutschfahrten sowie Essen und Trinken. Höhepunkt sind drei Heißluftballonfahrten, die um 18.45 Uhr beginnen und verlost werden.
Extra

Wo Olympioniken an der Werkbank sitzen
Foto: (e_eifel )
Wo Olympioniken an der Werkbank sitzen
Foto: (e_eifel )
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Foto: (e_eifel )

Die Westeifelwerke (WEW) haben vier Standorte, in Wißmannsdorf-Hermesdorf, Weinsheim, Neuerburg und Gerolstein. 547 Menschen mit Behinderung und 250 Hauptamtliche arbeiten hier. Die WEW sind ein gemeinnütziges Non-Profit-Unternehmen. Ihre Einnahmen beziehen sie aus zwei Quellen: den Pflegesätzen und dem Produktverkauf. Insgesamt machen die WEW einen Jahresumsatz von etwa 22 Millionen Euro. müs