Wo Selbstverwirklichung endet

Wo Selbstverwirklichung endet

Männer haben nichts gegen den beruflichen Wiedereinstieg von Frauen. Doch sie sind in der Regel nicht dazu bereit, selbst im Job kürzerzutreten. Das war die Quintessenz eines Vortrags von Uta Meier-Gräwe, Professorin für Familienwissenschaften, im Haus Beda.

Bitburg. Zunächst ein paar Ergebnisse von bundesweiten Untersuchungen und Befragungen der vergangenen Jahre: In jeder fünften Familie ist nur noch ein Elternteil vorhanden. 70 Prozent der Niedriglohn-Jobs werden von Frauen ausgeübt. 90 Prozent der jungen Frauen wünschen sich Kinder. Von den 96 Milliarden Stunden unbezahlter Arbeit in Deutschland fallen allein 76 Prozent auf die Tätigkeiten im Haushalt. 77 Prozent aller weiblichen Führungskräfte sind kinderlos. Und: Im Jahr 2025 wird der Anteil der Ein- und Zwei-Personen-Haushalte bei 37 Prozent liegen.
"Das Problem ist, dass Familienbildungsprozesse vor allem dort nicht zustande kommen, wo der akademische Grad am höchsten ist", sagt Uta Meier-Gräwe, die als Professorin für Familienwissenschaften dieser akademischen Elite zweifelsohne angehört. Als Mutter und dreifache Oma ist sie jedoch ein Beleg dafür, dass sich berufliche Verwirklichung und Familie nicht ausschließen müssen. Auch dann nicht, wenn man eine Frau ist. Wobei das wiederum der Unterstützung des Staates, vor allem aber auch des männlichen Partners bedarf. Und genau da scheint es zu hapern.
Familie und Volksfreund


So hätten viele Männer zwar nichts gegen einen beruflichen Wiedereinstieg ihrer Frauen, doch seien sie in der Regel nicht dazu bereit, dafür im eigenen Job kürzerzutreten, erklärt Meier-Gräwe. Mit anderen Worten: Wenn die Frau es schafft, Beruf, Haushalt und Kinder unter einen Hut zu bekommen, dann darf sie arbeiten.
Dass diese "Retraditionalisierung von Geschlechterrollen", wie es im Wissenschaftsdeutsch heißt, vielen Männern möglicherweise gar nicht bewusst ist, spiegelt auch die Zusammensetzung der Teilnehmer wider. So werden beim Fachtag Familie, den die DRK-Familienbildungsstätte in Kooperation mit dem Jugendamt des Eifelkreises und dem rheinland-pfälzischen Familienministerium im Haus Beda veranstaltet, zwar insgesamt 170 Teilnehmer gezählt, doch sind darunter nur wenige Männer.
Einer dieser wenigen ist Joachim Streit, der als Landrat des Eifelkreises die Grußworte spricht und dabei betont, dass von den rund 100 Millionen Euro, die der Kreis jedes Jahr ausgebe, rund 60 Prozent für Jugend und Soziales investiert würden. "Vom Geld her gesehen sind wir also eine soziale Gesellschaft", sagt Streit, "doch sind wir es auch von der Gesellschaft her?"

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