1. Region
  2. Bitburg & Prüm

Wo steckt sie bloß, die Weihnacht?

Brauchtum : Wo steckt sie bloß, die Weihnacht?

Ein Reporter streift durch die Eifel und sucht eine Antwort.

Josef und Maria, damit wollen wir anfangen. So sollte jede Weihnachtsgeschichte beginnen. Unsere Erzählung führt aber nicht ins Gelobte Land, sondern in eine Gegend namens Eifel. Und unser Paar ist auch nicht „von Nazareth“, sondern von Idenheim. Doch von Anfang an: Es blieben nur wenige Stunden bis zum Festtag. Und doch wollte sich keine Flocke am Himmel zeigen. Stattdessen schüttete es, als ob jemand da oben eine gewaltige Gießkanne auskippen würde. Der Wind peitschte den Eifelern den Regen ins Gesicht.  Und so langsam begannen sie sich zu fragen, wo sie denn blieb, die Weihnacht. Ob man sie nicht so langsam suchen gehen sollte. Und wenn ja: Wo damit anzufangen sei.

Die Weisen waren sich dieser Tage uneinig. „Jedenfalls nicht am Boden einer Glühweintasse“, moserte der Gelehrte aus Prüm im Norden. „Bestimmt nicht im Konsumterror“, nöhlte die weise Frau aus dem Süden. Jeder wusste, die Weihnacht riecht nach Zimt, hört sich an wie leises Glockenspiel (aber nicht das in der Bitburger Fußgängerzone) und fühlt sich an wie eine flauschige Decke. Aber wo hielt sie sich versteckt?

 Der Glühwein gehört in der Vorweihnachtszeit dazu, finden diese Damen, die sich das Getränk am Prümer Hahnplatz schmecken lassen.
Der Glühwein gehört in der Vorweihnachtszeit dazu, finden diese Damen, die sich das Getränk am Prümer Hahnplatz schmecken lassen. Foto: TV/Christian Altmayer

In Idenheim vielleicht. In diesem Dörfchen stand das Haus von Josef und Maria Junk. Und immerhin hatten ihre Namensvettern diese ganze Christkindsgeschichte ja ins Rollen gebracht. Zwei spitze Kirchtürme ragten aus dem Ort empor, der in einem Bett aus Feldern lag. Josef Junk erholte sich gerade von seinen Pflichten als Bürgermeister des Bitburger Landes, als das Telefon schrillte. Am Apparat war euer ergebener Erzähler. Was denn für ihn die Weihnacht ausmache, fragte der den Junk, der nicht weiter überlegen musste. Die zwei „F“s, so einfach war das für ihn: „Familie und Frieden“. Und danach müsse er nicht lange suchen. Die Junks feierten mit den Kindern zuhause. Und wenn es sich einrichten lasse, was meistens der Fall war, dann würden sie den  Gottesdienst besuchen. Steckte die Weihnacht also in der Kirche, vor den Altären, zwischen den Bänken, unter der Orgel?

 „Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend“ – davon können Besucher der „ArsKrippana“ in Losheim einige finden.
„Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend“ – davon können Besucher der „ArsKrippana“ in Losheim einige finden. Foto: TV/Christian Altmayer

Einstmals suchten dort einige nach ihr. Die Bänke in den Kirchen landauf, landab füllten sich wie man es heute von Popkonzerten kennt. Oma, Opa, Mutter, Vater Kind, sie alle beteten und sangen, dass es dem Herrn eine wahre Freude war. Der schaute mit Wohgelfallen auf seine katholische Eifel hinab. Die Welt, so schien es zumindest ihrem Schöpfer, war hier noch in Ordnung.

 Viele suchen die Weihnacht an den Festtagen in der Kirche – wie hier beim Adventskonzert in Kyllburg.
Viele suchen die Weihnacht an den Festtagen in der Kirche – wie hier beim Adventskonzert in Kyllburg. Foto: Rudolf Höser

Aber zu Zeiten unserer Geschichte war dies  vorbei, wie Johannes Eiswirth wusste. „Schaut man sich die letzten zehn Jahre an, sind heute weniger Menschen in der Messe als damals“, sagte der Referent des Dekanats St. Willibrord Westeifel. Doch viele fänden die Besinnlichkeit noch in der Messe. „An den Festtagen sind die Gottesdienste weiterhin gut besucht“, frohlockte Eiswirt. Dennoch gingen auch viele andernorts auf die Suche, stellte er nicht ohne Missfallen fest: „Sie wollen das Gefühl, die Atmosphäre des Heiligen Abends in den Advent vorverlegen.“

Am Prümer Hahnplatz, nur ein paar Meilen entfernt, donnerte es aus den Lautsprechern: „All I want for Christmas is you“. Nebenan bemühte sich die Kirchglocke der Basilika nach Kräften zu bimmeln. Doch gegen Mariah Carey war kein Kraut gewachsen. Sodass Brüderchen und Schwesterchen kaum Notiz nahmen vom Läuten, als sie Hand in Hand über die Eisbahn schlitterten. Eine Gruppe junger Damen schaute ihnen von einer Holzbude aus zu. Während jene Frauen da so klatschten und tratschten, zogen sie ihre Schultern hoch und wärmten sich an den Tassen, aus denen der Dampf emporstieg. „Ein bisschen Weihnacht“ hatten sie hier gefunden, sagten sie. Und der Glühwein gehöre dazu, „als Vorbereitung auf das Fest.“ Dass sie gekommen waren, freute auch Salah el Zein. Der Gastronom betrieb die Buden im Schatten der Basilika und sagte nicht ohne zu Lächeln: „Die Resonanz ist gut, gerade kurz vor Weihnachten.“

Glück hatte er, dass andernorts die Weintanks leer waren, die Buden geschlossen. Weihnachtsmärkte suchte man nach dem dritten Advent vergebens in der Eifel. Denn die meisten öffneten bereits in den ersten Dezemberwochen. Und schlossen bald wieder.

Für unseren Dekanatsreferenten aber ward dies „ein Widerspruch in sich“. „Die Leute verwechseln den Nikolaus mit dem Weihnachtsmann und die Weihnachtszeit mit dem Advent“, erklärte Eiswirth. Die Vorweihnachtszeit solle traditionell eher dunkel und ruhig verlaufen, damit der Christbaum am Heiligabend umso leuchtender strahle. Von Märkten im Advent, von Spekulatius und Lebkuchen im September hielt er daher wenig.  Weihnachten sollte an Weihnachten sein, und nur an Weihnachten. Da kannte er kein Pardon. Ward es für alle anderen also aussichtslos, vor den Festtagen die Augen offenzuhalten?

Die Suche eures ergebenen Erzählers endete jedenfalls noch nicht. Sie führte ihn nach Bitburg, in die Stadt der Bierbrauer. Doch kurz vor Weihnachten schien sich kaum einer die Zeit zu nehmen, gemütlich ein Pils zu trinken. Im Gegenteil: Der Ort war von einer Hektik gepackt, die ihm sonst fremd war. Selbstredend waren die Straßen in allerlei Lichter gekleidet. Mit Leuchtketten behängte Tannen säumten die Wege, in den Schaufenstern der Geschäfte hingen glitzernde Sterne. Vom Weihnachtsgeist aber war keine Spur.

Fluchend schleppte eine Frau einen Karton über den Gehweg, der größer schien als sie selbst. Ein Mann kam ganz schön ins Schwitzen, mit einem halben Dutzend Geschenke unter den Armen. Aus dem Postgebäude heraus wand sich eine Menschenschlange. Alle wollten Pakete abholen oder abschicken. Und wer sich dort nicht die Füße plattstand, der wartete an der Supermarktkasse, während Weihnachtsgans, Raclette-Käse und allerlei Leckereien übers Band rollten. Gestresste Verkäufer huschten von hier nach dort, um diesem Kunden noch etwas aus dem Lager zu holen und jenes Regal noch einzuräumen. Hatten sie denn alle die zwei F’s vergessen? Nein, hier würden wir den Weihnachtsgeist sicher nicht finden. Nichts wie weg. Sodann setzte sich euer Erzähler ins Auto und fuhr, so weit ihn die Reifen trugen.

 Der Weg führte durch einen Nadelwald, der wunderbar weihnachtlich dahergekommen wäre, wenn sich nur ein wenig Schnee blicken gelassen hätte. Fast droben in Belgien kam der Wagen zum Stehen. Einige hatten hier bei einem Anwesen in Losheim ihre Gefährte abgestellt. Auch drinnen war einiges los.

Der Grund ward die „ArsKrippana“, eine Ausstellung, die Krippen aus aller Herren Länder zeigte. In der Luft lag der Geruch von Räucherstäbchen. Harfenklänge säuselten durch das Dämmerlicht. Die Menschen, die von Vitrine zu Vitrine bummelten, unterhielten sich im Flüsterton, als wären sie in einer Kathedrale. Hinter den Glasfenstern fanden sie Handwerkskunst aus Holz, Ton, Stein, Glas und Plüsch. Die Krippen stammten Deutschland, Italien, Spanien, Singapur, Polen. Aus manchen lugten Kamele hervor, aus anderen Esel. Die Heiligen Drei Könige ließen sich ihren Tee schmecken und Maria beugte sich stolz über ihr Neugeborenes – die „von Nazareth“ versteht sich, nicht die aus Idenheim. Ob das Dekanatsreferent Eiswirth gefallen hätte? Hier hatte jemand doch ganz offenbar „die Weihnachtszeit vorverlegt“ – denn die Ausstellung war das ganze Jahr zu sehen. Bei den Besuchern aber fand sie Anklang – gerade in der Adventszeit. „Das ist eine schöne Einstimmung aufs Fest“, befand der eine. „Die Stimmung hier ist ganz wundervoll“, schwärmte die andere. Doch nicht alle waren wegen der Krippen gekommen.

Manche erledigten die letzten Einkäufe in dem angrenzenden Geschäft. So auch eine Dame, die durch den Laden flanierte. Warum sie noch nicht alles beisammen hatte? „Wir legen keinen großen Wert auf Geschenke“, sagte sie. Ihre kleine blonde Tochter nickte eifrig: „Das wichtigste ist die Familie.“ „Und die Geschenke?“ „Die sind ein bisschen wichtig.“ Aber eben nur ein bisschen.

Auch ein älteres Ehepaar aus Olzheim schlenderte durchs Geschäft. Im Korb trug der Mann ein Räuchermännchen, ein Spielzeug aus dem Erzgebirge. „Der hatte früher eine Hellebarde“, erklärte der Herr: „Doch das Mordinstrument hat uns nicht mehr gefallen, schon gar nicht an Weihnachten.“ Also hatten die beiden einen Hirtenstab für das Männchen gekauft, einige Schaffiguren und grünen Filz, auf dem die Plastiktiere grasen sollten. So würde die Szene auf dem Wohnzimmertisch friedlicher aussehen, fanden die beiden.

Und endlich klingelte es auch bei eurem Erzähler: Die beiden F’s, Frieden und Familie. Darin verbarg sich die Weihnacht also, nicht im leckersten Glühwein, im schönsten Tannenbaum, in den teuersten Geschenken, in einer Ausstellung, vielleicht nicht mal in der Kirche, sondern in jedem von uns.

Christian Altmayer