Wohnen im Werk in Speicher

Investor für Plewa-Industriebrache gefunden : Wohnen im Werk in Speicher

Das Plewa-Werk 1 steht seit 40 Jahren leer. Nun hat sich ein Investor für die Industriebrache in Speicher gefunden.

Meterhoch ragen die Werksgebäude in die Höhe und werfen ihre Schatten auf den Merscheider Weg. Doch mächtig wirken die Bauten lange nicht mehr. 40 Jahre ist es her, dass hier Keramik gefertigt wurde. Seitdem hat der Zahn der Zeit am Gemäuer des Plein-Wagner-Werks 1 genagt – und so manchen Riss in der schmutzig-braunen Fassade hinterlassen. Die Milch-Glas-Fenster sind zerbrochen und legen den Blick ins marode Innere der Industriebrache frei.

Es braucht viel Fantasie, um sich diese Ruine als Zuhause für irgendjemanden vorzustellen – außer vielleicht für Fledermäuse. „Manch einer würde die Anlage als Schrott bezeichnen“, gibt Jan Eitel  im Stadtrat Speicher zu: „Aber für uns hat dieser Schrott einen Wert.“ Mit „uns“ meint der Geschäftsmann die Firma „Quartiersmanufaktur“, deren Gesellschafter er ist.

„Für uns hat dieser Schrott einen Wert“: Das Plewa-Werk wird bald saniert. Foto: TV/Christian Altmayer

Das Unternehmen ist spezialisiert auf Konversionsprojekte (siehe Info), erweckt also mit viel Geld leerstehende Brachen zu neuem Leben. Und das haben Eitel und sein Team auch mit dem Plewa-Werk 1 vor. Aus dem Werksgelände will die Firma in den nächsten Jahren ein Wohnquartier machen. 120 bis 140 Mieteinheiten könnten auf dem Gelände entstehen, sagt Eitel. Die Zielgruppe: vor allem junge Paare, Singles und Senioren.

Plewa-Werk 1 Speicher Quartiersmanufaktur Wohnwerk. Foto: TV/Christian Altmayer

Denn all diese Leute würden vielleicht gerne im ländlichen Raum wohnen bleiben, glaubt Eitel, würden dort aber nicht das passende Angebot finden. Das „Wohnwerk Speicher“ aber soll so einen besonderen Charakter bekommen, dass es eine Nachfrage erzeugt. Hohe Decken, alte Gemäuer, große Räume  – das unterscheide sich vom Drei-Zimmer-Küche-Bad-Schema. „Wo finden Sie sowas noch mitten in der Innenstadt? Das Projekt ist eine Riesenchance für die Gemeinde“, wirbt Eitel.

Für ihn sei das Projekt aber auch ein Wagnis, sagt er. Die Entwickler hätten vor dem Kauf der Immobilie lange mit der Familie Plein und der Stadt verhandelt. Erst nach vielen Monaten habe man sich durchringen können, das 20 Hektar große Gelände für eine sechsstellige Summe zu kaufen.

Doch damit beginnen die Kosten für die frisch gegründete „Wohnwerk Speicher GmbH“, eine Tochtergesellschaft der „Quartiersmanufaktur“, erst. „Nach der Vermarktung der ersten 30 Wohnungen haben Sie immer noch keinen Cent an dem Projekt verdient“, erklärt Eitel. Denn die geschätzte Investitionssumme ist massiv. Rund 30 Millionen Euro werden nach Angaben Eitels wohl nötig sein, um das Gelände in Wohnraum zu verwandeln.

Denn ein Großteil der Gebäude ist verfallen. Nur ein Drittel des Werks, nämlich die großen Bauten an der Kapellenstraße und am Merscheider Weg, kann die „Wohnwerk Speicher GmbH“ daher stehen lassen. Der Rest ist reif für die Abrissbirne. Die freiwerdende Fläche will Eitel für Parkplätze und Neubauten nutzen.

Dass so ein Quartier nicht in einem Tag entsteht, ist klar. Fünf bis zehn Jahre Zeit will sich die Firma mit der Konversion lassen und danach auch die Vermarktung selbst bestreiten. „Wir werden hier womöglich ein Jahrzehnt vor Ort bleiben“, verspricht Eitel: „Ich will auch in ein paar Jahren noch durch Speicher gehen können, ohne mit Tomaten beworfen zu werden.“

Zuerst gilt es aber, Baurecht zu schaffen. Dazu müssten noch einige Untersuchungen gemacht werden – zum Beispiel müssen Gutachter nach Altlasten und seltenen Tierarten auf dem Gelände suchen. Schließlich könnte es tatsächlich sein, dass geschützte Fledermäuse im Werksbau hausen. „Bevor auf dem Areal wirklich etwas passiert“, sagt Eitel: „wird es daher wohl Herbst 2020 werden.“

Der Stadtrat zeigt sich von den Plänen begeistert. Eric Mathey (CDU) sagt: „Hier wird genau das realisiert, was die Bevölkerung will: Wohnraum mit einer hohen Qualität. Das ist für die Stadt auch eine Chance, den Marktplatz zu beleben.“ Einzig Oswald Krumeich (SPD) stört sich daran, dass in der Fabrik kein sozialer Wohnungsbau realisiert wird. Eitel erklärt aber, warum es damit nichts werden kann: Das Mietniveau in Speicher sei nicht hoch genug, um Landesförderung zu erhalten.

Schließlich stimmt das Gremium dem Entwurf einstimmig zu, was VG-Bürgermeister Manfred Rodens sehr begrüßt: „Ich bin davon überzeugt, dass das Projekt ein Quantensprung für Speicher ist.“

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