Wunder der stillen Nacht

Vor genau 70 Jahren stürzte die Salvatorkirche an Heiligabend unerwartet zusammen. Dabei war die heutige Basilika zum Kriegsende eines der wenigen noch stehenden Gebäude in der Abteistadt. Das Unglück kam überraschend: Nur eine Stunde später und viele Hundert Menschen wären ums Leben gekommen.

Prüm. Die Stadt liegt in Trümmern, allein die Salvatorkirche ragt trutzig aus dem Schutt hervor. 80 Prozent aller Gebäude in der Abteistadt wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört, nur die barocke Kirche scheint den Gefechten standgehalten zu haben. Zwar klaffen Hunderte Löcher im Dach, Mauerteile sind von Granateinschlägen beschädigt, im Kirchenschiff muss sogar eine Holzbaracke als Notkirche dienen, doch wie durch ein Wunder steht Sankt-Salvator. Was niemand in den ersten Nachkriegsmonaten ahnt: Das eigentliche Wunder sollte sich erst noch ereignen.
Während sich am 24. Dezember 1945 die Gläubigen auf die Christmette vorbereiten, brandet um 21 Uhr ein Tosen und Donnern über Prüm auf, gefolgt von Stille und der schlimmen Gewissheit, dass es nun doch passiert ist: Sankt Salvator ist eingestürzt.
"Mein Vater hat bis zum frühen Abend auf dem Dach der Kirche gearbeitet", erinnert sich Valentin Dietzen (85). Man hatte schon in den ersten Nachkriegswochen damit begonnen, beschädigte Säulen zu sichern, das Dach, so gut es ging, mit einfachen Mitteln zu schützen. Als Vater Peter Dietzen in die damalige Wohnung seiner Schwester heimgekommen sei, habe er noch berichtet, "dass es so komisch knistert." Man habe sich erst nichts dabei gedacht, als dann aber dieses Grollen zu hören gewesen sei, habe der Vater gleich gesagt: "Jetzt ist die Kirche eingefallen." Ein Blick aus dem Haus in der Ritzstraße zeigte, dass er recht haben sollte: "In Richtung Kirche, wir sahen sie von dort aus sehr gut, erhob sich eine große Staubwolke".
Der damals 15-Jährige begleitet den Dachdeckermeister als einer der Ersten gleich zur Unglücksstelle. "Dachgebälk, Tuffsteingewölbe und auch ein großer Teil der Außenmauern waren eingestürzt. Die Holzbaracke war platt. Sie wurde vollkommen unter dem Schutt begraben. Ein Glück, dass niemand in der Kirche war."
Tatsächlich, es gab keine Verletzten beim Einsturz: Nur eine Stunde später und aus der Katastrophe wäre wohl ein Inferno geworden. "Nicht auszudenken, wie viele Menschen am Heiligen Abend verletzt oder getötet worden wären, wenn das Unglück nur etwas später passiert wäre", sagt die Basilikaführerin Monika Rolef. Untersuchungen zeigten später den Grund für den Einsturz: Die Bombenteppiche hatten die Kirche zwar nicht direkt getroffen, ihre Fundamente wurden aber von den Vibrationen so stark beschädigt, dass die gesamte Statik, die wegen Baumängeln ohnehin geschwächt war, nicht mehr halten konnte
Bilanz der Zerstörung: Drei Pfeiler und der Dachstuhl über dem rechten Seitenschiff, Teile der Außenmauern sowie das gesamte Gewölbe des Langhauses waren eingestürzt. Die linke Langhauswand stand zwar noch, musste aber, um weitere Einstürze zu verhindern, niedergelegt und neu aufgebaut werden. Von der Inneneinrichtung blieb kaum etwas erhalten.
Doch noch am ersten Weihnachtstag begann man mit den Aufräumarbeiten, die Prümer verzagten nicht. Der damalige Dechant Jakob Kleusch gab die Devise vor: "Es blieb keine Wahl, als das Werk zu retten, um die Ruine nicht vollständig zerfallen zu lassen." Fünf Jahre nach dem Einsturz war das Werk vollbracht. "St. Salvator wieder erstanden", titelte der Trierische Volksfreund am 22. Mai 1950. Stadt, Region und viele Ehrengäste feierten die Einsegnung der wiederaufgebauten Kirche. 396 000 Mark hatte ihre Rettung gekostet. Prüm war zurecht stolz. Und einen Monat später kam - auch als eine Art des Danks - eine frohe Botschaft aus Rom: Papst Pius XII. hatte die St.-Salvator-Kirche in den Stand einer Basilica Minor erhoben. Um die Bedeutung des Kirchenbaus für den Glauben und die Menschen der Region zu verdeutlichen, aber auch zum Dank. Die Urkunde zur Erhebung lobt: "Den Bürgern der Stadt standen nicht genug Mittel zur Verfügung, um die Halbruine in ihrem alten Glanz wieder erstehen zu lassen. Aber durch die Zusammenarbeit der Gläubigen, der Diözese und der Behörden wurden trotz der Nachkriegsnot so viele Mittel aufgebracht, dass die wiederaufgebaute Kirche wieder festlicher Raum heiligen Dienstes werden konnte."Extra

Basilica Minor ist ein Ehrentitel, der seit dem 18. Jahrhundert vom amtierenden Papst einem bedeutenden Kirchengebäude verliehen werden kann. Der Titel soll die Bedeutung des Baus für den Glauben im Umland herausstellen und die Bindung der Kirche an den römischen Bischof hervorheben. Weltweit gibt es etwa 1700 mit diesem Titel. In Deutschland tragen ihn 76 Kirchen - in Trier die Liebfrauenkirche, die Paulinkirche und St. Matthias, in Bonn das Münster sowie sechs der zwölf romanischen Kirchen Kölns. Sie sind an einem päpstlichen Wappen zu erkennen. Mit dem Titel Basilica Maior wiederum werden nur die sechs ranghöchsten römisch-katholischen Gotteshäuser bezeichnet: Vier von ihnen stehen in Rom, zwei in Assisi. aff