Zankapfelbäume: Ärger um Streuobstwiese in Speicher

Biologe will Bäume retten, Gemeinde will Häuser bauen : Zankapfelbäume: Ärger um Streuobstwiese in Speicher

Zehn alte Apfel- und Birnbäume wachsen zwischen Speicher und Philippsheim. Der Biotopbetreuer des Eifelkreises würde die Bäume gerne erhalten. Die Stadt plant allerdings, dort ein Neubaugebiet zu entwickeln.

Alte Wurzeln graben sich durch die Erde. Sehr alte Wurzeln. Gut Hundert Jahre haben auf den Wachstumsringen der Obstbäume am Speicherer Ortseingang ihre Spuren hinterlassen. Bei guter Pflege haben sie vielleicht noch weitere 20 vor sich.

Ob sie solange noch leben dürfen, ist allerdings unklar. Denn die Stadt plant, dass die Apfel- und Birnbäume einmal Platz für Häuser machen sollen. Und das ist der Grund eines Streits zwischen der Gemeindeverwaltung und dem Biologen Andreas Weidner.

Vorerst dürfen sie leben: Die Obstbäume am Speicherer Ortseingang. Foto: TV/Christian Altmayer

Der Kalenborner (Landkreis Ahrweiler) ist der Biotopbetreuer des Eifelkreises. Weidner kümmert sich also um ökologisch bedeutsame Gebiete rund um Bitburg und Prüm. Und damit vor allem um: Streuobstwiesen. „Diese Biotope sind für die Südeifel“, sagt Weidner, „was für Niedersachsen die Lüneburger Heide ist.“

Leider seien die charakteristischen Wiesen in den vergangenen Jahren vielerorts verschwunden.

Das bestätigt auch die Untere Naturschutzbehörde bei der Kreisverwaltung. Sowohl die Zahl der Streuobstwiesen als auch die Zahl der Obstbäume hätten in den vergangenen 20 Jahren „deutlich abgenommen“, schreibt ein Sprecher.

Und die Riesen bei Speicher drohten ebenfalls zu fallen. Um die Bäume vor der Abholzung zu retten, entschied sich Weidner zum Kauf des etwa 2000 Quadratmeter großen Grundstücks. Doch die Stadt machte ihm die Stadt einen Strich durch die Rechnung, noch ehe der Kalenborner seine Unterschrift unter den Vertrag setzen konnte. Denn der Stadtrat hat Ende Juni beschlossen, dass die Gemeinde von ihrem sogenannten Vorkaufsrecht Gebrauch machen soll.

Dieser im Baugesetzbuch festgehaltene Anspruch, erlaubt es einer Kommune, in einen Grundstückskauf einzugreifen. Um sich vorzudrängeln, braucht sie allerdings einen trifftigen Grund.

In diesem Fall hat die Stadt das Gelände bereits per Bebauungsplan zum künftigen Neubaugebiet erklärt. Dort, wo die Weinstraße in einen Wirtschaftsweg übergeht, sollen einmal 100 Häuser entstehen. Und deshalb darf Weidner die Wiese nicht haben.

Das ärgert den Biotopbetreuer: „Es gibt doch ein öffentliches Interesse daran, Grünflächen wie diese zu erhalten.“ Nicht nur Baugebiete dienten dem Allgemeinwohl, sondern auch Streuobstwiesen. Davon hat Weidner in einer Anhörung auch versucht, die Stadtverwaltung zu überzeugen.

An Bauamtsleiter Edmund Weimann prallen seine Argumente allerdings ab: „Wegen einer Parzelle können wir nicht die ganze Planung verwerfen.“ Dass die Stadt ihr Vorkaufsrecht nutzt, sei Routine, sagt Weimann, der die Aufregung um die 2000 Quadratmeter nicht versteht: „Das haben wir schon Hundertmal gemacht. Und das passiert bei Dutzenden anderen Neubaugebieten jeden Tag.“

Zudem habe niemand vor, die Bäume bald zu fällen: „Wir lassen erstmal alles, wie es ist.“ Bis im Neubaugebiet „Weinstraße“ die ersten Bagger rollen, werden laut Weimann gut zehn bis fünfzehn Jahre ins Land gehen. Schließlich habe die Stadt noch etliche Baustellen auf dem Gelände „Lermesbrück“ frei. Irgendwann, so Weimann, werden sie aber wohl weichen müssen.

Ein Einzelfall? Der TV fragt bei der den Naturschutzbehörden bei der Kreisverwaltung und der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord nach. Bei  beiden Behörden ist man sich einig: Ja, die Eifeler Streuobstwiesen sind in Gefahr. Aber nein, die Ausweisung von Neubaugebieten habe nur einen „relativ geringen Anteil am tatsächlichen Schwund dieses Biotoptyps“.

In der Vergangenheit mussten Planer  stets Ausgleichsflächen für zerstörte Streuobstwiesen anlegen. Inzwischen sei es zwar möglich Bebauungspläne nach Baugesetzbuch Paragraph 13b im „beschleunigten Verfahren“ auf den Weg zu bringen. Und das heißt: ohne Umweltverträglichkeitsprüfung und Ausgleich. Dennoch sei nicht zu erwarten, dass bald alle Streuobstwiesen versiegelt würden.

Dass Apfel- und Birnbäume verschwinden oder sterben, habe meist andere Gründe, sagt auch Holger Tülp vom Streuobstbüro der Naturparke Süd- und Nordeifel in Irrel: „Das Problem ist, dass die Besitzer der Bäume, diese nicht ausreichend pflegen und keine neuen Bestände pflanzen.“

Auch die alten Speicherer Bäume haben Pflege nötig. Denn sie werden wohl noch ein paar Jahre stehen.

Das ist den Erben des Grundstücks zu verdanken. Nachdem die Besitzer der Streuobstwiesen von den Plänen der Stadt erfuhr, legten sie den Verkauf auf Eis. Stattdessen wollen sie nun für die Gewächse sorgen.

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