Zeitzeugin, Pazifistin, Gelehrte

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Inge Jens hat am Freitag vor 330 Zuhörern im ausverkauften Haus Beda aus ihren "Unvollständigen Erinnerungen" gelesen. Die Schriftstellerin nahm aus Bitburg eine revidierte Meinung über den Skandal um den Soldatenfriedhof mit.

Bitburg. (sys) Seit 60 Jahren mit Walter Jens verheiratet, ist sie eine Frau im Schatten eines berühmten Mannes. In ihren Memoiren "Unvollständige Erinnerungen" erzählt Inge Jens in sachlichem Ton und nüchterner Sprache erstmals über ihr eigenes Leben. Für ihre Zuhörer im Rahmen des Eifel-Literatur-Festivals pickte sie sich drei Stationen heraus. Dazu gehörte ihre erste Begegnung mit Katia Mann, der "kleinen, energischen" Ehefrau Thomas Manns, die sie kennenlernte, als sie an der Edition des Briefwechsels Thomas Manns mit dem Germanisten Ernst Bertram arbeitete. Die Manns ließen sie nicht mehr los. Ihre gemeinsamen mit Walter Jens verfassten Werke über Katia Mann und deren Mutter sowie die Herausgabe der Tagebücher Thomas Manns machten Inge Jens berühmt.

In Bitburg trat die 83-jährige große schlanke Frau mit den kurzen grauen Haaren als "Spiegel der Menschlichkeit" auf, wie Festivalleiter Josef Zierden sie nannte. Seit ihrer Begegnung mit Walter Jens in Tübingen, wo das Ehepaar seit 60 Jahren lebt, pflegte Inge Jens in der Nachkriegszeit Kontakt zu Emigranten und NS-Opfern, später dann trat sie der Friedensbewegung bei, gehörte zur "Gruppe 47", gab Dokumente aus dem Kreis der Widerstandsbewegung "Die weiße Rose" heraus und traf die geistigen Größen der Bundesrepublik.

Besonders geprägt hätten sie die Begegnungen mit Richard von Weizsäcker, dem Literaturwissenschaftler Hans Mayer, der Architektin und Publizistin Karola Bloch und die Freundschaft mit Golo Mann, erzählt sie im Gespräch mit dem Publikum. Sie spricht auch über ihren an Demenz erkrankten Mann, der stets ihr wichtigster Gesprächspartner gewesen sei. Nur weil die Erkrankung ihn ihr als solchen geraubt habe, seien ihre Memoiren entstanden. Inge Jens die eine couragierte Kämpferin für den Frieden wurde, berichtet auch ganz uneitel und selbstkritisch aus ihrer Jugend in der NS-Zeit, in der sie unreflektiert eine "klassische Mitläuferin" gewesen sei. Ihre damalige Unwissenheit mache sie bis heute ratlos. Ihre Reise nach Bitburg habe sie genutzt, um sich ein eigenes Bild von dem als Skandal gewerteten Besuch Helmut Kohls auf dem Soldatenfriedhof, wo auch Angehörige der Waffen-SS beerdigt sind, zu machen. "Ich habe keine auffälligen SS-Gräber gefunden", sagte sie. "Ich verstehe die Aufregung nicht. Für mich ist das einer der anrührendsten Friedhöfe, die ich kenne. Im Tod seien alle Menschen gleich. Der Besuch habe sie wieder darin bestärkt, sich immer ein eigenes Urteil zu verschaffen. "Ich werde davon erzählen", versicherte Inge Jens.

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