Zöllner, Schmuggler und die Kunst

Zöllner, Schmuggler und die Kunst

Im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres ist im Ourtal das Kunstprojekt "hArt an der Grenze" eröffnet worden (der TV berichtete). Für die Menschen am Grenzfluss sind die sieben Kunstwerke mehr als nur kulturelle Attraktion. Denn sie spiegeln ihre (Grenz-)Erfahrungen wider, wie ein Beispiel aus Dasburg zeigt.

Dasburg. Dasburg ist seit dem Wiener Kongress Grenzgebiet. Im Jahr 1846 wurde dort eine Brücke über die Our ins luxemburgische Rodershausen errichtet, die im zweiten Weltkrieg zerstört und erst 1953 wieder aufgebaut wurde. "Eigentlich sollen Brücken ja verbinden, doch mit ihnen kamen auch die Zollhäuser, die Grenzkontrolle und das Schmuggeln", sagt Dasburgs Bürgermeister Christian Nosbusch zu Umständen, die das Leben der Menschen am Grenzfluss nachhaltig bis dramatisch prägten. "Tagsüber waren sie Freunde, nachts wurden sie zu Jägern und Gejagten." So wie Jean Stockemer und Werner Relles. Der eine war luxemburgischer Zöllner, der andere deutscher Schmuggler, beide sind in einem Kunstwerk verewigt. Der in Esch/Alzette geborene Künstler Jerry Frantz hat für das interregionale Kulturhauptstadtprojekt "hArt an der Grenze" alte Schwarz-Weiß-Fotos dieser und anderer Menschen mit vom Grenzübergang geprägten Leben durch Farbaufnahmen von deren Nachfahren in großen Collagen kontrastiert. An der Fassade der ehemaligen Zöllnerwohnung in Rodershausen prangen so Jean Stockemer mit seinem Vater, der wie er 22 Jahre Zöllner war, sowie ein aktuelles Porträt seines Enkels. Am Haus Thommes in Dasburg sind der ehemalige Schmuggler Werner Relles und sein Enkel zu sehen, Relles als junger Mann mit Gewehr. "Das habe ich auch geschmuggelt", sagt er heute nicht ohne Stolz. "Er hat es dolle getrieben, bis zur Verfolgungsjagd mit Sprung in die winterliche Our", erzählt Hausbesitzer Dieter Thommes. Kirmes lockt Luxemburger an

Relles ist in einer Mühle aufgewachsen, die, weil man in Korn und Mehl vieles verstecken konnte, zum Umschlagplatz wurde. Schmuggelgut wie Kaffee hat er selbst in Säcken auf dem Rücken über den Fluss transportiert. "Dabei hat mich einmal nachts der Vater von Jean Stockemer, der damals noch Zöllner war, mit dem Fahrrad angefahren", schmunzelt der Ex-Schmuggler. Passiert sei aber nichts, auch nicht, nachdem man sich später gegenseitig wiedererkannt habe. Denn, obwohl die Grenze und ihre Formalitäten offiziell trennten, waren die Nachbarn diesseits und jenseits durch familiäre und wirtschaftliche Beziehungen stark verwachsen. So beschreibt es jedenfalls ein von Christian Nosbusch zitierter Artikel der "Welt" von 1950. Darin heißt es, Dasburg sei die einzige Gemeinde, die ihren jenseits der Our gelegenen Grundbesitz bewirtschaften dürfe und locke mit ihrer Kirmes die luxemburgischen Nachbarn in hellen Scharen an. Werner Relles erzählt aus dieser Zeit: "Damals, als die Brücke noch nicht wieder aufgebaut war, habe ich viele deutsche Mädelchen durch die Our getragen, zur Arbeit in Luxemburg." Grenzüberschreitung zu diesem Zweck ist heute - ohne Sprung ins Wasser - selbstverständlich. "Sie auch auf kulturellem Gebiet und so eindrucksvoll wie das Kunstprojekt "hArt an der Grenze fortzuführen", erhofft sich Patrick Schnieder, Bürgermeister der VG Arzfeld. Und so ist der Händedruck zwischen dem ehemaligen Zöllner, dem ehemaligen Schmuggler und dem Künstler, der ihre Geschichte umgesetzt hat, nicht nur ein freundschaftlicher, sondern auch ein zukunftsweisender.Informationen über "hArt an der Grenze" und seine Stationen im Internet unter der Adresse www.hartandergrenze.eu.