"Zömisch Kättchen"

PRÜM. Viele ältere Prümer haben sie noch persönlich gekannt. Andere kennen sie aus Erzählungen und Veröffentlichungen, wie beispielsweise dem vom Geschichtsverein "Prümer Land" herausgegebenen Buch "Menschen zwischen Trümmern und Wiederaufbau" Die Rede ist von der "Jungfrau"

Katharina Zimmer, von jedermann in der Abteistadt "Zömisch Kättchen" genannt. Obwohl die freundliche und stets gesprächige Frau als Sonderling galt, war sie bei ihren Mitmenschen beliebt und erlangte in Prüm sogar eine traurige Berühmtheit. Bei der Zwangsevakuierung im September 1944 weigerte Kättchen sich härtnäckig, einen Transportzug zu besteigen, um ihre Geburtsstadt zu verlassen. "Hier sieht es aber schlimm aus"

Die Nazis, die allgemein den Räumungsbefehl ohne langes Federlesen durchsetzten, hielten Kättchen für eine harmlose Geistesgestörte und ließen sie in der Stadt. So war sie die einzige Zivilperson, die in Prüm verblieb und den über fünfmonatigen Artilleriebeschuss und die Luftangriffe 1944/45 ohne Verwundung überlebte. In ihrer Wohnung in der Pfannstraße wurde Kättchen verschüttet, konnte sich aber wieder befreien. Bei der Sprengung des Bischöflichen Konvikts durch ein deutsches Kommando auf dem Rückzug, befand die alte Frau sich im Keller des Gebäudes. Nach der gewaltigen Detonation kam Kättchen unversehrt aus den Trümmern herausgekrochen und meinte: "Hier sieht es aber schlimm aus". Während der monatelangen Kämpfe hatten deutschen Soldaten der armen, verwirrten Frau immer wieder etwas zum Essen gegeben. Auch die später einrückenden Amerikaner taten ihr kein Leid an. Sie wurde von den Amis verpflegt und medizinisch versorgt. Kättchen überlebte auch die folgenden Notjahre nach Kriegsende. In dieser Zeit sprach sie oft davon, dass sie einmal vom Bischof und im Beisein vieler hoher Herren begraben würde. Diese von den Prümern belächelte Prophezeiung erfüllte sich, als die Opfer der Explosionskatastrophe vom 15. Juli 1949 mit einem Staatsbegräbnis beigesetzt wurden, unter ihnen auch "Zömisch Kättchen". Nach dem ersten Weltkrieg lebte Katharina Zimmer mit ihrer Mutter zusammen. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich als Dienstmädchen und gelegentlich auch als Waschfrau. Berichtet wird, dass die nicht erwiderte Zuneigung zu einem Konviktoristen bei Kättchen "geistige Defekte" hervorrief, die sie sozusagen "berufsunfähig" machten. Von Jahr zu Jahr entwickelte Kättchen sich mehr und mehr zum Sonderling. Vor allem fiel sie durch ihre originelle Kleidung auf, die im Sommer wie im Winter immer dieselbe war. Kättchen schien ständig zu frieren, denn außer ihrem ständig geröteten Apfelgesicht war keine Stelle ihres Körpers unbedeckt. Sie trug eine altertümliche gestrickte Haube aus schwarzer Wolle und einen gleichartigen Umhang. Die Hände steckten meist in einem Muff. Dicke schwarze Wollstrümpfe, Filzpantoffeln und gestrickte Gamaschen schützten Beine und Füße gegen die Unbilden jeglicher Witterung. Kättchen kannte nur eine Devise: "Was gut ist gegen die Kälte, hilft auch bei sommerlicher Hitze". Trotz ihrer vielen Auffälligkeiten führte Kättchen nach außen hin ein geregeltes Leben, das mit dem morgendlichen Kirchgang begann. Häufig traf man sie am Hahnplatz und am Altenmarkt, oder sie promenierte entlang der ehemaligen Abtei. "Zömisch Kättchen" hat einen festen Platz in der Chronik der Originale von Alt-Prüm.