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Zwei Jahre Jugendstrafe für Messerattacke in Bitburg

Justiz : Zwei Jahre Jugendstrafe für Messerattacke in Bitburg

Eine blutige Tat am Kreisel in der Mötscher Straße im August 2020, ein Tatverdächtiger, der leugnet, mit einem Messer zugestochen zu haben, und Zeugen, die sich kaum erinnern können. Schwerstarbeit für das Amtsgericht Bitburg.

Zu Beginn der Gerichtsverhandlung entschuldigt sich der 20-jährige, sichtlich geknickte Angeklagte für die Tat - beim 39-jährigen Opfer, aber auch bei der Öffentlichkeit. Er wisse nicht genau, was geschehen sei, er habe in dieser Nacht sehr viel Alkohol getrunken. Er sei nicht nach Deutschland gekommen, um hier Ärger zu machen, sagt der afghanische Staatsbürger. Doch dann lässt er diesen einen Satz von der Dolmetscherin übersetzen, der ihm am Ende zu Last gelegt wird: „Ich habe kein Messer bei mir getragen, ich weiß nichts von einem Messer“, gibt er zu Protokoll.

Und doch: Einer der vier Männer, die sich in der Nacht vom 12. auf den 13. August am Kreisverkehr in der Mötscher Straße zufällig über den Weg laufen, liegt kurz vor 3 Uhr früh mit einer Stichverletzung im Hals auf dem Boden. „Der Schnitt war zwei bis drei Zentimeter lang, zwei Zentimeter tief und nur einen halben Zentimeter von der Halsschlagader entfernt“, sagt der Vorsitzende Richter Udo May. Laut der Einschätzung eines Sanitäters, der als Erster vor Ort war, um Hilfe zu leisten, wäre das Opfer höchst wahrscheinlich verblutet, wenn das Messer die Ader getroffen hätte.

Doch was war im Vorfeld passiert? Weder der Angeklagte noch der Geschädigte und auch nicht die zwei weiteren in der Tatnacht anwesenden Zeugen können den Verlauf des Streits, der mit der offensichtlichen Stichverletzung endete, schlüssig schildern. Alle hatten reichlich Alkohol im Blut, und weitere Zeugen der Tat gab es in dieser Nacht nicht. Warum überhaupt ein Streit zwischen dem Angeklagten und dem Geschädigten ausbrach, bleibt im Dunkeln. Ebenso können sich ihre beiden Begleiter nicht mehr so recht entsinnen, was sie der Polizei kurz nach der Tat zu Protokoll gaben. Den inzwischen mehrfach auch in unserer Zeitung zitierten angeblichen Ausruf des Beschuldigten: „Ich hol ein Messer und stech dich ab!“ kann - Stand 21. Dezember -  selbst der Zeuge nicht mehr bestätigen, der ihn in der Tatnacht gehört haben will. „Das weiß ich nicht mehr. Kann sein, dass er das gesagt hat oder auch nicht.“

Auf jeden Fall habe keiner der am Streit Beteiligten ein Messer gesehen. Nur ein Zeuge erinnert sich daran, dass der Angeklagte eine ausholende Bewegung in Richtung des Opfers getätigt habe. „Ob er dabei einen Gegenstand in der Hand hatte, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall sind vorher zwei Faustschläge gefallen, von beiden Seiten.“

Die Polizeibeamten, die in der besagten Nacht Dienst taten und die die Beteiligten vernahmen, sind ebenfalls als Zeugen geladen. Ihrer Einschätzung nach waren alle Beteiligten mittelschwer oder schwer alkoholisiert, die Schwere der Tat hätte aber ihre sofortige Befragung erfordert. „Auch den mutmaßlichen Täter haben wir vor Ort aufgefunden, doch eine Kommunikation mit ihm war nicht möglich“, erinnert sich ein Beamter. „Wir haben ihn vorläufig festgenommen.“

Aufgrund der Stichverletzung sei noch in der Nacht nach dem Tatwerkzeug gesucht worden. „Doch ohne Ergebnis. Erst am folgenden Tag hat ein Diensthund ein Messer in unmittelbarer Nähe in einem Gebüsch aufgespürt.“ Das Klappmesser mit einer acht Zentimeter langen Klinge habe zu einer Hülle gepasst, die im Brustbeutel des Angeklagten gefunden wurde. Offensichtlich hatte er eine Gelegenheit gefunden, es wegzuwerfen, bevor er an den Tatort zurückkehrte. Überdies, zitiert Richter Udo May eine DNA-Analyse der Uni Mainz, stimmten auf der Klinge gefundene Gewebeproben mit denen des Opfers überein.

Damit sprechen die Indizien klar gegen den Beschuldigten, der seit August in der Jugendjustizanstalt Wittlich in Untersuchungshaft sitzt. Hans Werner Nehren, beim Prozess als Vertreter der Jugendgerichtshilfe anwesend, sieht aufgrund des Alters und der Schwere des Vergehens das Jugendstrafrecht ausgesetzt und darüber hinaus auch eine negative Sozialprognose für den Angeklagten.

Die Staatsanwaltschaft fordert zwei Jahre und zehn Monate Haft nach allgemeinem Recht, die Verteidigung zwei Jahre Jugendstrafe auf Bewährung. Nach einer kurzen Beratung steht das Urteil: „Zwei Jahre Jugendstrafe wegen schwerer Körperverletzung und Bedrohung, die Untersuchungshaft wird angerechnet“, verkündet Richter May. „Unserer Ansicht nach hat der Angeklagte bisher nicht die nötige Reife erreicht, um nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt zu werden.“

Eine Bewährung komme aufgrund der Schwere der Tat nicht in Frage: „Obwohl er sich sofort nach der Tat noch entschuldigt hat und keine Vorstrafen vorliegen, wiegt solch eine brutale und sinnlose Tat schwer.“ Während seiner Haft könne der Angeklagte, der vor fünf Jahren als unbegleiteter minderjähriger nach Deutschland gekommen ist, einiges dafür tun, eine bessere Sozialprognose zu erlangen. „Dafür sind die Jugendstrafanstalten gut gerüstet“ sagt May. Eine wie auch immer geartete Bewährungshilfe könne diese erhebliche erzieherische Leistung nicht erbringen.