Zwei Länder, ein Park, tausend Geschichten
Echternach/Irrel · 1964 haben Luxemburger und Rheinland-Pfälzer den ersten internationalen Naturpark Westeuropas gegründet. Er sollte nicht bloß die schönen Landschaften dies- und jenseits der Grenze schützen, sondern die Menschen nach dem Krieg einander wieder näher bringen. Jetzt feierten die Erben des Parks, dass beides geglückt ist.
Echternach/Irrel. Von Anfang an ging es um mehr, als um Blümchen. Und das, obwohl diese alleine schon ein sehr guter Grund gewesen wären, die mediterran anmutenden Wiesen, Wälder und Felsen des deutsch-luxemburgischen Grenzgebiets unter Schutz zu stellen. Wachsen hier doch mehr als 30 der rund 60 in Deutschland vorkommenden, wilden Orchideenarten.
So wertvoll diese Orchideen und die vielen anderen schützenswerten Pflanzen- und Tierarten der Grenzregion auch sind - als am 17. April 1964 der Staatsvertrag über die Einrichtung eines Deutsch-Luxemburgischen Naturparks unterzeichnet wurde, ging es um mehr.
Es wurden Brücken geschlagen
Es ging auch darum, die Wunden, die der zweite Weltkrieg geschlagen hatte, zu heilen und die Menschen, die dies- und jenseits der Grenzflüsse Our und Sauer leben, miteinander zu versöhnen.
50 Jahre nach der Unterzeichnung dieses Vertrages sind sich Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Premierminister Xavier Bettel einig, dass dies gelungen ist. "Brücken wurden geschlagen - bildlich wie real - über die Grenzflüsse hinweg und zugleich in den Köpfen der Menschen", heißt es im Grußwort Dreyers, die dabei war, als Deutsche und Luxemburger im Trifolion Echternach gemeinsam den 50. Geburtstag ihres Naturparks feierten.
Tatsächlich spielen die Brücken, darunter auch sechs Fußgängerbrücken, im Naturpark eine zentrale Rolle. Gebaut wurden sie, nachdem 1967 ein Abkommen zur Erleichterung des Grenzverkehrs in Kraft getreten war. Obwohl viele der Bauwerke die Grenzflüsse nun schon seit mehr als vier Jahrzehnten überspannen, sind sie besser in Schuss und häufiger in Gebrauch denn je. Der Naturpark hat sie sanieren lassen, als er den Naturwanderpark delux schuf, der im Sommer 2013 öffnete.
1,1 Millionen Euro hat er investiert, um neun deutsch-luxemburgische Wanderwege anzulegen, die sich bei Einheimischen und Touristen seitdem großer Beliebtheit erfreuen. "Es ist ganz wichtig, dass wir unser touristisches Angebot gemeinsam vermarkten", sagt Daniela Torgau, Geschäftsführerin des deutschen Teils. Das komme bei den Gästen sehr gut an.
An der Our wandern diese nun über einen Fluss, in den die internationalen Partner (darunter auch Belgien) 2,6 Millionen Euro investiert haben, um ihn naturnah zu gestalten und für Fische wieder durchgängig zu machen. Torgau freut sich, dass so viel erreicht wurde, hofft aber auch, dass der Park in Zukunft weiter unterstützt wird.
Neben der Vergangenheit, den Brücken, den vielen neuen Wanderwegen und den Investitionen des Naturparks hat in Echternach zum 50. Geburtstag auch seine landschaftliche Schönheit eine Rolle gespielt: die rauen Höhenzüge der von Schiefergestein geprägten Landschaften namens Islek und Ösling mit ihren ausgedehnten Wäldern, saftigen Kuhweiden und tief eingeschnittenen Tälern. Sowie die fruchtbaren Plateaus, sanften Hänge und verrückten Felsen weiter im Süden, wo im milden Klima mehr als 30 geschützte Orchideenarten gedeihen, die alleine schon Grund genug für ein großes Schutzgebiet gewesen wären.
Eines der Geburtstagsgeschenke, das der Park zum 50. erhalten hat, ist der zweisprachige Bildband "Ein Riese namens Heimat" von Christian Humberg. Auf 144 Seiten porträtieren stimmungsvolle Texte und Bilder den Deutsch-Luxemburgischen Naturpark.
Wussten Sie …?
… dass die Flüsse Our und Sauer (genau wie die Mosel) zu den wenigen verbliebenen Kondominien Europas gehören. Luxemburg und Deutschland üben ihre staatliche Herrschaft dort gemeinsam aus. Die drei Grenzflüsse sind zudem das einzige gemeindefreie Gebiet in Rheinland-Pfalz.
… dass die vom Aussterben bedrohte Flussperlmuschel, die in der Our vorkommt, ein Alter von bis zu 280 Jahren erreichen kann? Bis es so weit ist, ist sie allerdings auf die gute internationale Zusammenarbeit angewiesen. Denn in den ersten zehn Monaten lebt die Muschel parasitisch in den Kiemen der Bachforellen, die auf luxemburgischer Seite gezüchtet werden.
… dass die Orte Ober- undUntereisenbach (Luxemburg) mit Übereisenbach (Deutschland) noch immer ein gemeinsames Dorfleben gestalten, obwohl eine Grenze sie trennt. So werden die Übereisenbacher traditionell auf der luxemburgischen Seite begraben. Schwierig war dies während des Ersten Weltkriegs. Damals wurden Särge auf der Brücke in der Mitte der Our aufgebahrt, um das Totengebet zu sprechen. Nur die engsten Verwandten durften mit zum Friedhof.
… dass das Großherzogtum Luxemburg und die damals dazugehörige Südeifel zwischen 1714 und 1794 gemeinsam von Wien aus regiert wurden? Dies war eine Zeit, in der Frieden herrschte und es den Menschen rechts und links der Sauer so gut ging, dass selbst Bauern anfingen, ihre Häuser zu verzieren, als seien es Schlösschen.
… dass im Süden des Naturparks eine Meeresbucht lag? Der Luxemburger Sandstein, der die Felsen der Teufelsschlucht und der Luxemburger Schweiz bildet, ist vor 190 Millionen Jahren an einem Strand entstanden. kah
Extra
Der Deutsch-Luxemburgische Naturpark wurde am 17. April 1964 durch einen Staatsvertrag zwischen Rheinland-Pfalz und dem Großherzogtum Luxemburg gegründet. Es war der erste grenzüberschreitende Naturpark in Westeuropa. Er hat eine Fläche von 789 Quadratkilometern, von denen 432 Quadratkilometer auf deutscher Seite liegen. Dieser Teil ist identisch mit dem Naturpark Südeifel. Auf luxemburgischer Seite gehören unter anderem das Gebiet des Naturparks Our sowie die Felsen des Müllerthals dazu. kah