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Zweite Runde für mehr Nachhaltigkeit

Zweite Runde für mehr Nachhaltigkeit

Zehn Jahre lang nachhaltige Entwicklung in der ehemaligen Verbandsgemeinde Neuerburg - was hat das gebracht? Dieser Frage ist der unabhängige Gutachter Bernward Causemann vom Büro FAKT aus Stuttgart nachgegangen. Seine kritische Erfolgsüberprüfung hat er in Weidingen vorgestellt.

Weidingen. Eine Beweihräucherung der erbrachten Leistung soll es an diesem Abend nicht geben, beruhigt Norbert Schneider, erster Beigeordneter der Verbandsgemeinde (VG) Südeifel, die 50 Gäste im Gemeindehaus in Weidingen. Diese waren gekommen, um sich den Evaluierungsbericht über den Nachhaltigkeitsprozess der ehemaligen VG Neuerburg anzuhören. Das zukunftsweisende Management der VG Neuerburg nach Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit in den Bereichen Ökologie, Soziales und Ökonomie ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden (der TV berichtete). Doch was verbirgt sich hinter diesen Wortmonstern? Für Christian Calonec-Rauchfuß von der Verwaltung der VG Südeifel und eines der Mitglieder des Nachhaltigkeits-Teams, hätte Evaluierung die Chance, Unwort des Jahres zu werden und Nachhaltigkeit sei "auch so ein Gummi-Wort", unter dem sich so recht keiner was vorstellen könne. Doch zum Glück gibt es ja die Experten, die dem Fach-Chinesisch Leben einhauchen. Vor Ort ist Bernward Causemann, unabhängiger Gutachter des Instituts FAKT aus Stuttgart, der die Bemühungen der Alt-VG Neuerburg in Sachen Nachhaltigkeit geprüft und bewertet hat.Als Pilotgemeinde gestartet

Vor zehn Jahren hat sich die VG Neuerburg als Pilotgemeinde mit dem landesgeförderten "Projekt21" auf den Weg gemacht, die Probleme anzugehen. Energiewende, Grund- und Gesundheitsvorsorge, Gewerbeleerstand, Betriebsnachfolge - die Liste der Sorgen ist lang, zudem droht ein Aussterben der Dörfer. Aus diesem Grund haben VG-Rat, Verwaltung und ein extra gebildetes Nachhaltigkeits-Team zusammen mit Bürgern in Planungswerkstätten Projekte auf den Weg gebracht, die die ökologische, wirtschaftliche und soziale Nachhaltigkeit sowie die Handlungsfähigkeit der Gemeinden betreffen. Wo gab es Erfolge, welche Projekte sind gescheitert und warum? Diesen Fragen ist Causemann in den vergangenen Monaten nachgegangen. Sein Fazit: Insgesamt war der Nachhaltigkeitsprozess erfolgreich. Manches sei zu zögerlich angegangen worden, weil die VG oder die Ortsgemeinden (OG)"auf die Bremse traten". Unter anderem kommt er zu folgenden Erkenntnissen: Ökologische Nachhaltigkeit. Positiv: Versiegelte Flächen wurden verringert, dafür der Leerstand von Wohn- und Gewerbeimmobilien minimiert. Die Ortskerne wurden verstärkt genutzt, dadurch wurde das Leben dort attraktiver. Erneuerbare Energien wurden erfolgreich propagiert. Biogas, Holz, Fotovoltaik und Windenergie für die Stromerzeugung haben deutlich zugenommen. Die VG hat ihre Gebäude energetisch saniert und die OG unterstützt, das Gleiche zu tun.Negativ: Die Förderung umweltverträglicher Mobilität war kaum erfolgreich. Wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Positiv: Es gab mehr Neuzugänge in den Gemeinden als erwartet wegen der Nähe zu Luxemburg. Grundstücks- und Gebäudebörse wurden gut angenommen. Negativ: Wenig Erfolg bei grenzüberschreitender Gewinnung von hoch qualifizierten Mitarbeitern. Tourismusbranche klagt, dass VG und OG wenig investieren, um touristische Attraktivität zu erhöhen. Soziale Nachhaltigkeit. Positiv: Es gibt seit 2013 einen Integrationsbeauftragten, der sich um benachteiligte Menschen kümmert. Negativ: Eine Jugendvertretung in der VG zu installieren, misslang. Dafür war das Patenprojekt für Schüler mit problematischer Vermittlungsperspektive an der ehemaligen Hauptschule in Neuerburg sehr erfolgreich. Weitere Empfehlungen: Die VG sollte verstärkt auf Nahwärmenetze setzen. Auch das bewährte Zukunftsdiplom für Kinder sollte wieder neu aufgelegt werden. Im Tourismus sieht er großes Potenzial. Da sei im Bereich Irrel schon viel passiert. Davon solle jetzt auch Neuerburg profitieren. Causemann empfiehlt den Nachhaltigkeitsprozess auf die VG Südeifel auszuweiten, was auch Norbert Schneider begrüßen würde. Auch für Bürgermeister Moritz Petry ist das ein "Muss". "Es ist unsere Pflicht, uns jeden Tag zu sensibilisieren und die Infrastruktur zu erhalten für die junge Generation. Sonst können wir die hier nicht halten." Erneuerbare Energien seien ein wesentlicher Bestandteil des Prozesses, ebenso wie der Tourismus und das Gewerbe. "Am besten wäre, wenn über jedem Beschluss stehen würde: Was tut ihr damit der jungen Generation an, ist das auch nachhaltig so?", fordert Petry. Extra

… Bernward Causemann, unabhängiger Gutachter des Büros FAKT aus Stuttgart. Warum hat es Ihrer Meinung nach Sinn, den Nachhaltigkeitsprozess der VG Neuerburg zu evaluieren - also quasi seinen jetzigen Zustand auszuwerten? Causemann: Das gab allen Beteiligten die Chance, über das nachzudenken, was in den letzten zehn Jahren geschehen ist, was gut lief, was nicht und was erreicht wurde. Dazu kam mein Blick von außen, der zu einem Gesamtüberblick beitragen und neue Anregungen geben kann. Alles zusammen ergibt Sinn, weil die Verbandsgemeinde den Nachhaltigkeitsprozess neu starten kann. Im Fall der VG Neuerburg war es besonders sinnvoll wegen des Zusammenschlusses mit der VG Irrel. So bekamen auch die Irreler gleich einen unabhängigen Gesamtüberblick und können sich überlegen, was sie in ihren Ortsgemeinden anwenden wollen. Aber auch ohne die Kommunalreform ist eine solche Evaluierung sinnvoll. Gab es für Sie eine überraschende Erkenntnis beim Schreiben des Berichts? Causemann: Es gab viele überraschende Erkenntnisse, zum Beispiel wie sehr der Nachhaltigkeitsprozess davon abhängt, dass Ehrenamtliche und Ortsbürgermeister in den Ortsgemeinden sich engagieren und etwas daraus machen oder wie viele Potenziale es in der VG Neuerburg gibt, von denen nur ein kleiner Teil genutzt wird. Neuerburg war Pilotkommune. Nun soll der Prozess auf die VG Südeifel ausgeweitet werden. Welchen Tipp geben Sie dem Team für die Fortführung der Untersuchung, was könnte man besser machen? Causemann: Ich empfehle, die Ortsbürgermeister, Gemeinderäte und Verbände noch stärker einzubeziehen und einmal im Jahr gemeinsam zu überlegen, wo die Gemeinden in Sachen Nachhaltigkeit stehen, was noch getan werden sollte und wo korrigiert werden sollte. Dabei sollte es zu viel Austausch zwischen den alten Neuerburgern und den alten Irrelern kommen, damit die beiden Verbandsgemeinden zu einer zusammenwachsen. sn