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Soziales: Zwischen Distanz und Empathie

Soziales : Zwischen Distanz und Empathie

Timm Berg ist Jugendschöffe. Sein Einsatz als Laienrichter endet nun.  Dieses Ehrenamt wird ihm fehlen.

Die drei Minuten in der Gefängniszelle haben ihm persönlich schon gereicht. Timm Berg war froh, als sich die Zellentür der Jugendstrafanstalt Wittlich (JSA) wieder öffnete und er seine Freiheit wiederhatte. „Das war kein gutes Gefühl“, sagt Berg, der für diese Stippvisite in der JSA besondere Gründe hatte. Berg ist nämlich kein Verurteilter sondern er sitzt als Jugendschöffe beim Amtsgericht Bitburg auf der Seite des Gesetzes – und das schon seit 2013. Und während der Schulung zum Laienrichter stand auch der Besuch im „Knast“ an.

„Es war mir wichtig zu erfahren, welche Auswirkungen meine Entscheidung für Jugendliche und junge Erwachsene und ihr weiteres Leben haben“, sagt der 35-Jährige im TV-Gespräch. Deshalb hat er sich mal kurz einschließen lassen - aber wirklich nur kurz. Dass die Jugendstrafanstalt  keine Endstation ist, sondern dass dort pädagogisch sinnvoll mit den jungen Verurteilten gearbeitet wird, davon ist der Jugendschöffe überzeugt.  Und: „Sie können gestärkt die Anstalt nach Verbüßen der Strafe verlassen“, glaubt Berg, der ohnehin ein positiv denkender Mensch ist.

Der Ausflug in den Strafvollzug gehörte zur Einführung und Schulung, die er als Schöffe bekommen hat. Denn der Zwei-Meter-Mann aus Waxweiler ist kein Jurist, trifft aber beim Jugendschöffengericht zusammen mit dem Richter und anderen Schöffen mitunter weitreichende Entscheidungen. Dass Schöffen keine gesonderte juristische Ausbildung brauchen, hat seine Gründe.  „Wir  vertreten die Bevölkerung/Bürger, um die Legitimation für die Gerichtsbarkeit herzustellen.“  Das Jugendschöffengericht solle kein abgehobenes System von Fachjuristen sein, auch menschliche Faktoren würden eine Rolle spielen. Deshalb würden Schöffen gebraucht.

Wie Timm Berg zum Amtsgericht Bitburg kam, das ist schnell erzählt. Zunächst fand er eine Infobroschüre ohne Anschreiben zum Thema Schöffendienst in  seinem Briefkasten. Zwei Wochen später folgte eine persönliche  Einladung zum Seminar für Schöffen in Wittlich und die offizielle Bestellung . Und Berg nimmt das Ehrenamt gerne an.

Dass er vorgeschlagen wurde,  erklärt sich leicht, wenn man seinen beruflichen Werdegang betrachtet. Nach dem Abitur in Prüm hat er Soziologie  an der Universität Trier studiert mit dem Schwerpunkt Arbeit, Personal und  Organisation. Bereits während des Studiums hat  er bei der Awo Bitburg-Prüm gearbeitet. Später war er Leiter des Ambulanten Betreuungsdienstes, Personalleiter einer Jugendhilfeeinrichtung in Luxemburg, Geschäftsführer der gemeinnützigen Gesellschaft für  Jugend- und Flüchtlingshilfe „ Muggelstein“ und ist Unternehmensberater für gemeinnützige Unternehmen. Die Arbeit mit jungen Menschen gehört zu seinem Lebenslauf. Dass er  mit jungen Leuten umgehen  und in sich in sie reinversetzen kann,  zeigt  eine Begebenheit nach Bergs erstem Einsatz vorm Gericht. „ Abends klingelte es an meiner Tür. Und dort standen die Jugendlichen, die wegen Drogendelikten  vor dem Schöffengericht gelandet waren.“ Sie wollten sich bei Berg für ihr Fehlverhalten entschuldigen, und sie wollten wissen, was im Prozess noch auf sie zukommen können. Da konnte er  nicht weiterhelfen. Die Geschichte fand er kurios. „Das waren im Grunde nette junge Leute“, sagt er und lacht.

Andere Fälle, die vor Gericht verhandelt werden, können einem Schöffen natürlich auch zusetzen.  „Fälle von Kindesmissbrauch sind immer sehr belastend, wenn vor Gericht die Taten bis ins Detail dargestellt werden“, sagt der Laienrichter. Bei Sexualdelikten sei die Urteilsfindung sehr schwierig, oft stünde Aussage gegen Aussage. Zudem würden Bürger oft drakonische Strafen erwarten. Das Gericht müsse aber auch für den Angeklagten entlastende Punkte bewerten. Die Schöffen haben vor der Verhandlung keine schriftlichen Informationen oder Akteneinsicht über den Fall. So können sie  unvoreingenommmen an den Fall rangehen.

Der Richter gibt vor der Verhandlung eine grobe Einschätzung. Und der Richter war im Fall der sechsjährigen Schöffentätigkeit von Berg immer Udo May. Wenn sich das Gericht zur Urteilsfindung und Beratung zurückzieht, dann  „wird sehr offen und auf Augenhöhe diskutiert“, sagt Berg. „Der Richter hat uns Schöffen komplett miteinbezogen“. Und überhaupt ist er voll des Lobes für den Richter des Schöffengerichts: May schafft die Gratwanderung zwischen Distanz und  hoher Empathie sehr gut, dafür bewundere ich ihn“, sagt  Berg.

Der 35-Jährige kann die Schöffentätigkeit nur weiterempfehlen.   „Es ist komplex, spannend und auch emotional“. Und: es fühlt sich gut an, ein ordentliches Urteil gefunden zu haben, das  die Angeklagten weiterbringt“.

Das wird er vermissen und die Zugehörigkeit zum familiären System Amtsgericht. Er hofft, nach einer Pause wieder in die Schöffentätigkeit einsteigen zu können.