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Zwischen Fließband und Sozialarbeit

Zwischen Fließband und Sozialarbeit

Astrid Bohr-Haas, Rektorin der Ganztags-Grundschule Bleialf, geht am Donnerstag in den Ruhestand - aus gesundheitlichen Gründen und mit einer Träne im Auge. Im TV blickt sie zurück auf ereignisreiche Jahre, in denen die gebürtige Saarländerin zur Eifelerin wurde.

Bleialf. Ihre berufliche Karriere in der Eifel, erzählt die Bleialfer Schulleiterin Astrid Bohr-Haas, habe sozusagen am Fließband begonnen: Beim Stihl-Werk in Weinsheim. Dort hat sie nämlich ein halbes Jahr lang in der Pulverbeschichtung gearbeitet. "Im Schichtdienst. Wer das kennt, der weiß, was das bedeutet."
Das war 1977, sagt die 1954 im saarländischen St. Ingbert geborene Lehrerin. Denn ihr Mann Walter Haas war damals als Referendar an die Hauptschule Prüm gekommen - seine Frau zog mit und machte wiederum 1978 ihr zweites Staatsexamen nach dem Referendariat an der Grundschule in Fleringen.
Aber der zwischenzeitliche Übergangsjob bei Stihl sei eine wesentliche Erfahrung gewesen, nicht nur wegen der schweren, körperlichen Arbeit, sondern auch für den den Umgang mit Menschen. "Und ich habe dort Eifeler Platt gelernt."
Eine weitere besondere Erfahrung seien die anschließenden sieben Jahre an der Prümer Helen-Keller-Schule gewesen, wo sie als pädagogische Fachkraft mit geistig behinderten Kindern arbeitete: "Das war für mich sehr prägend", sagt sie, im Umgang mit behinderten Menschen habe sie ein viel größeres Verständnis für deren Belange entwickelt: "Ich möchte diese Jahre nicht missen."
Im November trat sie eine Stelle an der Grundschule Wallersheim an, blieb bis 1988 und bewarb sich dann in Bleialf, weil auch ihr Mann dort bereits an der damaligen Hauptschule arbeitete. Die beiden bauten ein Haus im Dorf - "und wir sind Bleialfer geworden".
Erst kommissarisch tätig


Als Schulleiter Manfred Kleis in den Ruhestand ging, bewarb sich Astrid Bohr-Haas auf den Posten, übernahm die Stelle 2002 kommissarisch und wurde im Jahr darauf ernannt. Was sie besonders unterstreicht, wenn man sie auf ihre Zeit als Chefin anspricht: "Wir sind ein Team von Kollegen, die sich gegenseitig unterstützen." Das sei nicht überall selbstverständlich. "Aber in Bleialf ist allen daran gelegen." Anders wäre auch vor zehn Jahren die Erweiterung zur Ganztagsschule nicht zu schaffen gewesen. "Das war etwas, das uns als Kollegen zusammengeschweißt hat."
Die Ganztagsschule: Noch immer hätten viele da ein falsches Bild, deshalb wünscht sich die scheidende Leiterin, "dass die Akzeptanz einfach größer wird. Aber da ist oft noch immer das Denken in den Köpfen, die Kinder würden abgeschoben."
Das aber sei bei einer gut gemachten Ganztagsschule mit ansprechendem Programm überhaupt nicht der Fall - und den Anspruch erfülle man in Bleialf, wie sie auch aus vielen Elternreaktionen weiß. Das zeigt sich auch in Zahlen: Mehr als ein Viertel der 177 Kinder nutzen das Ganztagsangebot.
Schwierig wird es aber auch an anderer Stelle: Denn die Grundschule müsse immer mehr "sozialpädagogische Reparaturaufgaben" übernehmen. Das heißt: Immer wieder gebe es Kinder, um die sich daheim nicht recht gekümmert werde und deren Eltern die Erziehung den Lehrern zu überlassen scheinen. Auch wenn das für die große Mehrheit nicht gelte - es sei eine schwierige Zusatzaufgabe, die vom Personal allein kaum noch gestemmt werden könne: "Da bräuchte man Sozialarbeiter. Da kämpfe ich seit Jahren drum, aber bisher erfolglos", sagt Astrid Bohr-Haas.
Trotzdem: Sie sei jeden Tag gern zur Schule gegangen, auch dank der großen Unterstützung von der Elternschaft und der Arbeit mit den Kindern. Warum die ihr so viel Spaß gemacht habe, sie kann es nicht genau sagen: "Es ist einfach so - es bereitet mir Freude."
Jetzt aber geht sie, "mit einer Träne im Auge", wie sie bekennt. Und freut sich auf Ruhestand und Familie, vor allem auf mehr Zeit mit Enkelkind Marla, 20 Monate alt. Deren Mutter Kristina macht übrigens zurzeit ihre Ausbildung in Prüm - als Fachlehrerin an der Berufsbildenden Schule.
Ins Saarland zurück geht es für Astrid Bohr-Haas und Walter Haas nicht mehr: "Wir sind beide Eifeler geworden - soweit man das zulässt", sagt Astrid Bohr-Haas und lacht. "Wir fühlen uns hier zu Hause."
Die offizielle Verabschiedung von Astrid Bohr-Haas ist am Donnerstag, 24. Juli, um 10 Uhr in der Grundschule.Meinung

Mehr Akzeptanz
Die Grundschule, man muss es leider immer wieder unterstreichen, ist deutlich mehr als Malen mit Fingerfarben und ein bisschen Ringelpietz, wie so oft herablassend gewitzelt wird. Und die Arbeit der Pädagogen wird immer schwerer, weil manche Eltern ihrem Nachwuchs, warum auch immer, keine Kinderstube mehr mitgeben. Eine herausfordernde Zusatzverantwortung für die Lehrer, die grundsätzlich weniger verdienen als ihre Kollegen an weiterführenden Schulen. Insofern sollte man den Pädagogen zumindest Respekt für ihre Arbeit zollen. Vor allem, wenn sie mit so viel Engagement geleistet wird wie in Bleialf. fp.linden@volksfreund.de