Soziales: Zwischen Radieschen und Luftpumpen

Soziales : Zwischen Radieschen und Luftpumpen

Wer nicht gerne alleine sät und erntet, der ist beim Gartenprojekt von Alibi und DRK richtig. Was dabei genau passiert und warum es nebenan jetzt noch eine Fahrradwerkstatt gibt, erfährt man am Samstag beim Tag der offenen Tür.

Auf dem Holztisch türmt sich die Blumenerde, links und rechts ragen Stapel mit Plastiktöpfen in die Höhe, kleine Schaufeln, Stäbe liegen kreuz und quer auf dem Tisch. Ramadan Ali, genannt Jo, reibt sich mit der Hand den Schweiß von der Stirn. Es ist warm im Gewächshaus in der Else-Kallmann-Straße in Bitburg. Jedenfalls wärmer als draußen, wo aber schon fast T-Shirt-Wetter herrscht.

Das heißt für Ramadan Ali und seine etwa 30 Helfer: Gas geben für die neue Gartensaison. Und so wird im Glasbau auf dem Kasernengelände fleißig pikiert, umgetopft, gegossen und gesät. „Jetzt ist Hochsaison“, sagt Dorothea Klaes, die das Gartenprojekt für Alibi-Eifelservice mitbetreut. Mehr als 20 Langzeitarbeitslose und acht Menschen, die in einer sogenannten Arbeitsgelegenheit tätig sind (Ein-Euro-Jobber), machen bei dem Gartenprojekt mit, das Anfang 2015 ins Leben gerufen wurde und in das 2017 auch das DRK eingestiegen ist. Gefördert wird es von den beiden Trägern und, je nach Maßnahme, vom Europäischen Sozialfonds Rheinland-Pfalz, dem Land und dem Jobcenter (Langzeitarbeitslose) sowie dem ausschließlich vom Job-.Center (Ein-Euro-Jobber). Inzwischen werden neben dem alten Gewächshaus, das die Amerikaner zurückgelassen haben und die Stadt Bitburg kostenlos zur Verfügung stellt, zwei Gärten, die im Besitzer der Stadt sind, bewirtschaftet - einer in Mötsch und einer im Bereich Schleifmühle. Angebaut werden heimische Gemüse, Obstsorten und Kräuter. Froh ist Klaes über die Unterstützung von Firmen und Privatleuten, die kostenlos alte Töpfe und Arbeitsmaterial zur Verfügung stellen. Ziel ist es, Menschen, die lange arbeitslos waren, aber auch Menschen mit Fluchthintergrund eine Beschäftigung zu geben und aus der Isolation zu holen sowie den Austausch untereinander zu fördern. Und nicht zuletzt sich mit guten Lebensmitteln zu versorgen, die auch gemeinsam verkocht und verspeist werden. Die Ziele seien so vielfältig wie die Menschen und ihre Schicksale, sagt Klaes. Bei manchen gehe es um eine Erhöhung der Beschäftigungsfähigkeit, bei anderen seien die psychischen oder physischen Beeinträchtigungen absehbar so hoch, dass eine Rückkehr ins Arbeitsleben  unwahrscheinlich sei. „Für diese Menschen geht es eher darum, eine Tagesstruktur zu schaffen, soziale Kontakte aufzubauen, die gesamte Lebenssituation zu verbessern“, sagt Klaes.

Dabei helfen die Mitarbeiter von Alibi und DRK. Was das Fachliche im Garten abgeht, haben Johannes Schon, ausgebildeter Landwirt, und seit letztem Jahr auch Ramadan Ali das Sagen. Ali, der mit seiner Familie aus Syrien geflüchtet ist,  hat einen 450-Euro-Job beim Gartenprojekt und ist glücklich. Umrahmt von Hunderten Töpfen mit jungen Kohlrabi-Pflanzen, daumenhohen Radieschen-Keimlingen, Lavendel, Rosmarin und Petersilie fühlt er sich pudelwohl. So wohl, dass er bereitwillig für Fotos posiert, während er Rosen umtopft. Das Lächeln muss er gar nicht erst aufsetzen, er lacht ohnehin  den ganzen Tag. Eigentlich müsste er nur einen Tag in der Woche hier sein. Dennoch kommt er fast jeden Tag. „Es macht mir Spaß“, sagt er und schippt die verstreute Erde zu einem Haufen zusammen.

Derweil gießt Samir Abouzeidan  mit Spritze die Rosen, die in Reihen auf den Tischen stehen. Er kam vor knapp drei Jahren aus Syrien nach Deutschland, arbeitet seit einem Monat hier. Gärtnern sei sein Hobby, sagt er. Auch zuhause habe er einen Garten, der aber nicht so groß sei wie die beiden Projektgärten mit rund 2000 Quadratmetern. Also genug Arbeit für alle, die Lust am gemeinsamen Gärtnern, Essen und Werkeln haben. „Das ist ein integratives Projekt“, sagt Susanne Schöpges vom DRK. Sie wünscht sich, dass noch mehr Menschen daran teilnehmen, egal welcher Herkunft, welchen Alters oder welches sozialen Status’. Als Lohn gibt es kostenlose Pflanzen, Gemüse und Kartoffeln zum Kochen – und, nicht zuletzt, den gemeinsamen Austausch.

Den gibt es auch nebenan, wo das DRK mit Unterstützung des Landes seine neue Fahrradwerkstatt eröffnet hat. George Abou Zeidan betreut sie seit 1. Januar im Rahmen eines 450-Euro-Jobs und hat jede Menge zu tun: Räder, Helme und sonstiges Zubehör stapeln sich in der Hütte, die rechtzeitig zum Tag der offenen Tür am 5. Mai fertig geworden ist. Schon seit die AfA und damit auch die angegliederte Fahrradwerkstatt auf dem Flugplatz Bitburg geschlossen wurde, befindet sich die Werkstatt in der Else-Kallmann-Straße. Aber erst jetzt gibt es mit dem Holzhaus einen separaten Bereich, in dem gebrauchte Räder, die abgegeben wurden, repariert werden. Das Angebot, sich dort ein Rad auszusuchen und selbst auf Vordermann zu bringen, richtet sich an Flüchtlinge, aber auch an andere Menschen, die nachweislich wenig Einkommen haben. Schöpges hofft, dass das Angebot gut angenommen wird, denn es dient in zweiter Linie auch als Treffpunkt für „Alt-Eifeler“ und  Neu-Eifeler.  Nun etwas fehlt noch zum Glück: mehr Velos. „Wer also sein altes Rad abgeben will, kann das gerne tun.“

Der Tag der offenen Tür findet am Samstag, 5. Mai, von 10 bis 16 Uhr in und um das Gewächshaus auf dem Gelände der Alten Kaserne  in der Else-Kallmann-.Straße statt. Neben der Eröffnung der DRK-Fahrrad-Werkstatt mit Fahrradchecks, Kinderanimation und Glücksrad werden Kaffee und Kuchen angeboten. Zudem werden im Gewächshaus Gemüse-, Salat- und Blumensetzlinge, Kräuter, Stauden sowie Dekoideen für drinnen und draußen angeboten. Im Kochbus werden gesunde Häppchen angeboten. Außerdem ist dort ein  Kochkurs.

Ramadan Ali liebt es, im Garten und im Gewächshaus zu arbeiten. Foto: tv/Ulrike Löhnertz
Abou Zeidan leitet die neue Fahrradwerkstatt. Foto: tv/Ulrike Löhnertz

Die Fahrradwerkstatt hat jeden Donnerstag von 9 bis 12 Uhr geöffnet, das Gewächshaus derzeit montags bis donnerstags von 9 bis 12 Uhr. Wer gebrauchte Fahrräder abgeben will, kann das donnerstags tun oder beim DRK unter Telefon 06561/60200 einen Termin vereinbaren.

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