| 21:07 Uhr

20 tote Soldaten am Gartenzaun

Fast hat der Panzer die "Tafel" erreicht. Dieser Ortsteil von Prüm war am 10. Februar 1945 nach heftigem Häuserkampf von den Amerikanern besetzt worden. Ein deutscher Gegenangriff, der von der Stadt aus geführt wurde, scheiterte.Foto: Archiv Monika Rolef
Fast hat der Panzer die "Tafel" erreicht. Dieser Ortsteil von Prüm war am 10. Februar 1945 nach heftigem Häuserkampf von den Amerikanern besetzt worden. Ein deutscher Gegenangriff, der von der Stadt aus geführt wurde, scheiterte.Foto: Archiv Monika Rolef
Es war Krieg und, so schlimm das auch klingen mag, der Krieg war für uns schon so etwas wie Alltag geworden. Unsere Familie, das waren meine Mutter, die Oma, meine jüngeren Geschwister Wolfgang und Ernemarie und ich (neun Jahre alt) mussten an Heiligabend aus Gerolstein flüchten. Mein Vater war an der Front. Wir hatten schon lange keine Nachricht von ihm.Am Heiligen Abend gingen - wie fast jeden Tag - schon früh morgens die Sirenen. Das hieß für uns Fliegeralarm. Schnell griffen wir unsere gepackten Rucksäcke und machten uns eiligst auf den Weg Richtung Bunker. Dieser befand sich unterhalb des Aubergs in Gerolstein. Wir stapften durch den Schnee den Hügel hinauf. Von allen Seiten kamen nun auch die Nachbarn zum Bunker. Der Bunker, das war ein ins Erdreich des Hügellandes getriebener Stollen, der mit Baumstämmen von innen abgestützt wurde. Er war in U-Form gebaut und hatte einen Eingang und einen Notausgang. Im Inneren befand sich ein Ofen. Das war gut, denn der Winter 1944 war sehr kalt. Unser Platz war nah am Notausgang. Kaum hatten wir alle unseren Unterstand erreicht, da ging es auch schon los. Die Fliegerverbände kamen und ließen über Gerolstein ihre Bomben fallen. Es war ein ohrenbetäubender Lärm. Hinzu kam noch die Flugabwehr, die überall in den Wäldern rund um den Ort stationiert war. Die "Flak" schoss, was ihre Kanonen hergaben. Man hatte das Gefühl, der ganze Berg bebe. Im Bunker fingen einige Frauen an zu beten, und wir Kinder schmiegten uns immer enger an unsere Mutter. Plötzlich kam zum Lärm noch eine gewaltige Druckwelle, und das Erdreich am Notausgang mitsamt den Baumstämmen stürzte ein. Alle schrien durcheinander. Wir hatten einen Einschlag. Sofort begannen einige Leute von innen zu graben. Gleichzeitig waren auch die deutschen "Flaksoldaten" zur Stelle und gruben von außen ein Loch in den Stollen. Wir Kinder wurden als erste durch die Öffnung geschoben und von den Soldaten in Empfang genommen. Kaum waren meine Schwester und ich draußen, da kamen die Bomber zurück und der zweite Angriff folgte. Die Soldaten riefen: "Lauft!", und das habe ich getan. Meine kleine Schwester an der Hand rannte ich durch den Wald. In letzter Verzweiflung haben wir uns in einen frischen Bombentrichter gekauert. Die Steinbrocken fielen über uns. Die Angst ist nicht zu beschreiben. Nach einer Stunde etwa drehten die Flugzeuge ab, und es wurde still im Wald. Trotzdem dauerte es noch eine Zeit, bis ich mich zu bewegen traute. Wir beide, meine Schwester und ich, fielen uns in die Arme, und erst jetzt konnte ich weinen. Vorsichtig kletterten wir aus dem Bombentrichter und liefen zurück zum Bunker. Meine Mutter kam uns schon entgegen und schloss uns überglücklich in die Arme. Wie durch ein Wunder hatte niemand in "unserem Bunker" größeren Schaden erlitten.Langsam kamen nun alle zum Vorschein. Von hier oben sahen wir, dass der ganze Ort in Rauchwolken gehüllt war. Am späten Nachmittag kehrten wir dann in die Sarresdorfer Straße zurück. Schon von Weitem sahen wir, dass die Berufsschule, unser direktes Nachbargebäude, total ausgebombt war. Dort war ein Militärverpflegungslager eingerichtet worden, das zum Ziel der alliierten Bomber wurde. Unser Haus kam mit leichten Schäden davon, so dass wir wenigstens fürs Erste wieder ein Dach über dem Kopf hatten. Beim Näherkommen sahen wir das ganze Ausmaß. Entlang unserem Gartenzaun hatte man 20 Soldaten im Schnee aufgebahrt. Diese hatten ihr meist junges Leben am Heiligen Abend in der Schule neben unserem Haus verloren. In unserer Küche lagen die Schwerverletzten. Meine Mutter hatte schon am Vorabend einen Weihnachtsbaum im Wohnzimmer aufgestellt und wie jedes Jahr die Tür abgeschlossen. Wir haben den Baum mit dem Weihnachtsschmuck hinaus in den Garten getragen und zwischen die toten Soldaten in den Schnee gesetzt. Gemeinsam haben wir ein Gebet gesprochen. Sehr müde, doch innerlich furchtbar aufgewühlt, haben wir uns alle in Mutters Ehebett gekuschelt und waren dankbar, dass wir diesen Heiligen Abend fast "heil" überstanden hatten. STV-Leserin Hedi Weber lebt heute in Bitburg. Von unserer Leserin <br>HEDI WEBER