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Abschied vom Überfluss

 Knöpfe über Knöpfe erhält Christine Schumann nach einem Aufruf im TV. Sie wird von Spenden nahezu überrollt. Insgesamt haben die Nähutensilien sechs Umzugskisten gefüllt. TV-Fotos (23)/Ilse Rosenschild (20)/Klaus Kimmling (3)
Knöpfe über Knöpfe erhält Christine Schumann nach einem Aufruf im TV. Sie wird von Spenden nahezu überrollt. Insgesamt haben die Nähutensilien sechs Umzugskisten gefüllt. TV-Fotos (23)/Ilse Rosenschild (20)/Klaus Kimmling (3) FOTO: klaus kimmling (m_wil )
Was haben eine Gitarre, ein Paar Langlaufskier und ein Spargeltopf gemeinsam? Die drei Gegenstände gehörten mir zwar, aber ich habe sie nicht benötigt. Das heißt: Sie lagen sinnlos bei mir zuhause herum.

Und andere hätten sich womöglich gefreut, wenn sie sie hätten nutzen können. Das hat mich lange gewurmt.
Vor knapp zwei Jahren hatte ich dann die zündende Idee: Wenn ich jede Woche ein Teil verschenke, dann reduziere ich auf die Dauer die Zahl der nicht gebrauchten Dinge in meinem Besitz. 88-mal habe ich jede Woche mindestens einen Gegenstand, meist mehrere, an Privatpersonen oder an Hilfsorganisationen verschenkt. Trotzdem wurde ich reicher - an Erfahrungen. Ich habe in dieser Zeit viel gelernt, weil ich Ihnen, liebe Leser, zu jedem Präsent eine Geschichte erzählt habe. Ich habe zudem viele nette Menschen kennengelernt.
Eines war für mich immer wieder überraschend. "Was bekommen Sie denn dafür", lautete eine häufig gestellte Frage. Dass sie etwas tatsächlich geschenkt bekommen - ohne Gegenleistung -, mochten viele nicht glauben. Und dennoch war es so. Viele mussten erst einmal lernen, etwas "einfach so" anzunehmen. Eine Art von Geschenkkultur, die bei uns offenbar wenig verbreitet ist.
Wie großzügig TV-Leser dagegen sind, wenn es ums Beschenken geht, macht eine Geschichte deutlich. Um meine Knopfsammlung bewarben sich gleich zwei Frauen. Das war zunächst nichts Ungewöhnliches. Manchmal waren es sogar sieben oder acht wie bei dem Katzenbriefkasten oder dem - bis dato ungeöffneten - Handgepäck, das ich ausnahmsweise am Flughafen Hahn bei einer Versteigerung erwarb. Normalerweise kein Problem. Da musste eben das Los entscheiden. Aber in diesem Fall? Die eine Frau aus der Eifel, schwer krank, die sich mit Handarbeiten den Alltag verschönte, die andere, Christine Schumann, die sich die Knopfsammlung gern für ihre Schwiegertochter Mehmuna in Bamako, Mali, wünschte, denn diese entwirft dort Kleider und bietet einheimischen Schneidern eine Perspektive. Kurzerhand bat ich unsere Leser, Knöpfe für Mali zu verschenken, die vorhandenen bekam die Dame aus der Eifel.
Ein kleines Wunder geschah. In den ersten Tagen meldeten sich 130 Männer und Frauen, die gerne Knöpfe für Mali spenden wollten. Und Nähgarn. Und Reißverschlüsse. Und sogar Nähmaschinen. Christine Schumann wurde mit Nähutensilien geradezu überschüttet. So mancher Knopf aus Eifel, Mosel und Hunsrück ziert inzwischen ein afrikanisches Gewand. Und mit den Nähmaschinen will die Mali-Hilfe eine Nähschule gründen (der TV berichtet noch).
Sie, liebe Leser, begleiteten mich beim Kennenlernen zahlreicher Projekte von Free Your Stuff (auf Deutsch etwa: Befreie deine Dinge), über Repair-Cafés, in denen Menschen lernen, Gegenstände zu reparieren, bis zum Bookcrossing, wo Männer und Frauen ihre Bücher auf die Reise schicken. Und auch diese Berichte fielen auf fruchtbaren Boden. Zufall oder nicht? Wochen nach der Berichterstattung eröffnet - möglicherweise zufällig - ein Repair-Café in Wittlich. Und ein Café im Hunsrück schickt - in dem Fall tatsächlich inspiriert durch meinen Bericht - selbst Bücher auf die Reise.
Die Aktion Wert-Sachen hat aber - auch dank vieler ermutigender Leserreaktionen - vor allem mich inspiriert. Ich habe gemerkt, wie befreiend es ist, sich von Dingen zu trennen, die man nicht braucht. Wie erfreulich zu merken, wie viele Menschen nach dem Motto "Weniger ist mehr" leben. Und wie überraschend, wenn man merkt, dass der Weg das Ziel ist. Denn das Thema lässt mich nicht mehr los. Ich werde weitermachen, in meinem Blog, allerdings ohne das Geschenk der Woche. iro
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