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Wirtschaft
„Nicht jede Innenstadt wird attraktiv bleiben“

Prof. Dr. Bernhard Swoboda lehrt und forscht an der Universität Trier.
Prof. Dr. Bernhard Swoboda lehrt und forscht an der Universität Trier. FOTO: Universität Trier
Trier. Prof. Dr. Bernhard Swoboda unterrichtet Betriebswirtschaftslehre (BWL) an der Universität Trier. Er erklärt, welche Branchen sich besonders vor dem Online-Handel fürchten müssen und wie Städte das System Müllabfuhr zum Wohle der lokalen Wirtschaft kopieren könnten. Von Nathalie Hartl
Nathalie Hartl

Marketing und Handel sind die Spezialgebiete von Prof. Dr. Bernhard Swoboda, der an der Universität Trier lehrt und forscht. Das Thema Online-Handel ist aus der Betriebswirtschaftslehre nicht mehr wegzudenken. In dem Buch „Handelsmanagement. Offline-, Online- und Omnichannel-Handel“ (siehe Bild), das der Wissenschaftler mit zwei Kollegen geschrieben hat, beschäftigt er sich ausführlich damit.

Welche Waren kaufen Kunden verstärkt im Internet? Und was wird lieber vor Ort gekauft?

Prof. Dr. Bernhard Swoboda: Gut die Hälfte des Umsatzes im klassischen deutschen Einzelhandel (ohne Apotheken und PKWs) wird von Lebensmitteleinzelhandelsunternehmen erzielt. Die meisten Kunden kaufen diese in Läden in ihrer Nähe ein. Nur ein Prozent des Umsatzes im Lebensmittelbereich wird derzeit im Internet erzielt. Prognosen gehen davon aus, dass der Anteil auch 2025 unter fünf Prozent liegen wird. Viele Kunden möchten sich nicht schon morgens dafür entscheiden, was sie abends essen möchten, sondern zum Beispiel spontan nach der Arbeit im Supermarkt vorbeifahren und das kaufen, worauf sie dann Lust haben. Das ist ein Nachteil für den Online-Handel. Zudem ist der Wettbewerb enorm und die Preise sind mit die niedrigsten in Europa. Es ist zudem schwierig, das Ganze rentabel zu gestalten bei den geringen Margen im Lebensmittelbereich.

Eine relativ starke Online-Bedeutung liegt in den Handelsbranchen Unterhaltungselektronik, Sport und Freizeit sowie Fashion/Schuhe vor. Auch die Branchen Heimwerken und Garten sowie Einrichten und Wohnen verzeichnen steigende Online-Marktanteile, wobei das weniger relevant für die Entwicklung der Innenstädte ist, da sich Baumärkte und Möbelhäuser in der Regel außerhalb der Stadtzentren befinden.

Was glauben Sie, wie die Städte in der Region 2030 aussehen?

Swoboda: (lacht) Ich habe keine Kristallkugel – das ist schwer vorauszusagen, weil vor allem die Modebranche sehr komplex ist.

Die Umsätze im Online-Handel steigen dynamisch und wir sind noch nicht richtig im Internetzeitalter angekommen. Meine Generation geht noch in die Innenstadt shoppen, aber das wird sich mit den Millennials  – jungen Käufern, die mit dem Internet groß wurden und gerade in das Alter hereinwachsen, in dem sehr viel konsumiert wird – fundamental ändern.
Diese Verbraucher haben es nicht mehr gelernt, nur im stationären Einzelhandel einzukaufen. Sie nutzen den Kanal, auf den sie gerade Lust haben und der verfügbar ist.

Was bedeutet das zum Beispiel für Trier?

Swoboda: In Trier ist das Zentralitätsniveau der Innenstadt so hoch wie nirgendwo anders in Deutschland. Das heißt, dass hier wesentlich mehr Menschen einkaufen als in der Stadt leben und viele von außerhalb kommen. Neben den Geschäften punktet die Stadt mit historischen Gebäuden und Restaurants, was ein zusätzlicher Anziehungspunkt ist. Das bietet das Internet natürlich nicht. Dafür können Online-Händler ein größeres Sortiment und in der Regel niedrigere Preise anbieten, weil ihre Ladenfläche nicht begrenzt ist und die meisten Käufe im Internet heute geplant und preisorientiert sind.
Vor Trier werden die meisten anderen Städte Probleme bekommen. Nicht jede Innenstadt wird attraktiv bleiben können, weil der Offline-Umsatzkuchen schrumpfen wird.

Was können Stadtzentren und Geschäftsleute denn machen, um weiterhin Kunden anzulocken?

Swoboda: Es wird viel davon gesprochen, dass Geschäfte und Städte versuchen sollen, Erlebnisse zu schaffen, aber nur über Einkaufserlebnisse alleine wird es nicht gehen. Zudem kostet Erlebnis Geld, was sich in den Preisen niederschlägt. Schon in der heutigen virtuellen Welt können Sie schon während des Besuchs in der Innenstadt schauen, ob das Produkt online nicht günstiger ist. Der Durchschnittsdeutsche ist enorm preissensibel, nicht zuletzt deswegen sind wird Discountweltmeister. Ein klarer Vorteil der bisherigen Offline-Händler könnte sich durch Omnichannel ergeben, also wenn verschiedene Kanäle genutzt werden und Offline- und Online-Handel verzahnt werden. Kunden können Waren dann zum Beispiel bei einem lokalen Geschäft bestellen und direkt abholen oder sich liefern lassen. Der stationäre Handel könnte hierbei durch Geschwindigkeit punkten, denn Online-Bestellung dauert noch einen halben Tag und wenn ich ein in der Innenstadt verfügbares Produkt sofort haben möchte, ist das ein Vorteil. Omnichannel ist aber schwer umzusetzen – vor allem für familiengeführte Unternehmen, da es nicht nur synchronisierte Kanäle, sondern auch eine effiziente Logistik voraussetzt.

Haben Sie da eine Idee?

Swoboda: Trier könnte und müsste eine Städtelogistik organisieren. Wie bei der Müllabholung würden Lieferwagen systematisch durch die Straßen fahren und bei den Kunden verschiedener lokaler Geschäfte Stopps einlegen. Gebündelte Lieferungen sind nicht nur effizienter sondern vor allem besser für die Umwelt, was Emissionen betrifft. Das ist eine Vision, denn das können reine Online-Händler, sogenannte Pure Player, nicht.

Interview: Nathalie Hartl

Die neue und inzwischen vierte Auflage des Fachbuchs „Handelsmanagement“.
Die neue und inzwischen vierte Auflage des Fachbuchs „Handelsmanagement“. FOTO: Vahlen