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Bitburg statt Bollywood

Stehen hier die Ronaldos aus Fernost? Bei einem Schnupperkurs konnten sich die indischen Fußballtalente die Sportschule schonmal ansehen. TV-Foto: Andreas Arens
Stehen hier die Ronaldos aus Fernost? Bei einem Schnupperkurs konnten sich die indischen Fußballtalente die Sportschule schonmal ansehen. TV-Foto: Andreas Arens FOTO: (e_bit )
Bitburg. Indiens Fußballtalente sollen in der Bitburger Sportschule auf dem Flugplatz trainieren. Dafür will ein asiatisches Unternehmen Millionen investieren. Die Geschichte eines Zufalls. Christian Altmayer

Bitburg Fußball bringt alle zusammen. So lautet eines der vielen Sprichworte über den liebsten Sport der Deutschen. Dass der Fußball ein indisches Millionen-Unternehmen und die Bitburger Sportschule zusammenführen könnte - damit hatte wohl niemand gerechnet. Ab nächstem Jahr sollen in der Einrichtung auf dem Flugplatz die 50 besten Nachwuchsspieler Indiens trainieren. Um zu verstehen, wie es dazu kommt, müssen wir weiter ausholen, um genau zu sein: fast 7000 Kilometer.Die Talentsuche: Wir schreiben das Jahr 2015. Ein Junge schnürt sich die Stollenschuhe. Dieser Tag könnte für ihn alles ändern. Wenn er nur schneller läuft als die anderen, öfter das Tor trifft. Doch er ist nicht der Einzige, der auf dem Spielfeld das Glück sucht. Er muss sich bei der Talentsuche des Unternehmens "U Sports" unter Tausenden beweisen. In einem Video, das die indische Firma auf dem Internetportal Youtube hochgeladen hat, kann man sich ein Bild von diesem Auswahlverfahren machen: Kinder in bunten Trikots rennen um die Wette, junge Stürmer schießen aufs Tor, Torwarte springen nach Bällen - alles unter den Augen der Talentsucher. In 50 Städten haben sie nach Spielern gesucht, jede Ecke des Landes durchkämmt. Aus 15 000 Bewerbern wurden die 50 viel versprechendsten jungen Fußballer des Subkontinents ausgesucht. Aber warum das alles? Die Kampagne: Obwohl in Indien mehr als 1,3 Milliarden Menschen leben, schaffen die Asiaten es seit Jahren nicht, starke Fußballteams aufzustellen. Aktuell belegt das Land in der Weltrangliste Platz 105. "U Sports" will das ändern. Das Unternehmen gehört zum Riesenkonzern "Tata Trust". Mit diesem finanziellen Hintergrund realisiert die Firma die millionenschwere Kampagne "U Dream". Die Idee: Indiens Nachwuchstalente sollen das Fußballspielen von den Deutschen lernen. Denn die sind auf dem Spielfeld so erfolgreich wie kaum ein zweites Land. Mit Borussia Dortmund als Kooperationspartner haben sich die Inder in der Bundesrepublik auf die Suche nach einem Trainingsort gemacht. Aber Deutschland ist groß. Wie kommen die Inder ausgerechnet auf Bitburg? Das ist die Geschichte eines glücklichen Zufalls. Der Standort: "U-Sports"-Chef Sen Supratik erzählt sie gerne: "2016 waren wir zunächst in Österreich und dann in Ostdeutschland unterwegs", sagt der Inder. Jemand habe ihnen dann aber von der Bitburger Sportschule erzählt. "Und wir dachten uns: warum nicht? Also haben wir Bitburg ins Navi eingegeben und sind losgefahren." Unverhofft haben sie auf dem Gelände des Flugplatzes dann einen Platz gefunden, der perfekte Bedingungen mitbringt. Es gibt hier allein acht Fußballplätze, zwei Sporthallen und einige Fitnessräume. Diese Ausstattung wissen auch Bundesligisten und Nationalteams zu schätzen. So einige Top-Teams haben schon auf dem Flugplatz trainiert. Man habe in Bitburg also alles auf einmal, sagt Supratik. So einfach ist das Ganze dann aber doch nicht. Die Schule: Bei einem Schnupperkurs haben die Nachwuchskicker ihren neuen Trainingsort schon kennengelernt. Damals waren sie als Touristen hier. Das Projekt sieht aber vor, dass sie drei bis vier Jahre bleiben. So lange wird kein Touristenvisum ausgestellt. Hinzu kommt, dass die Jungs minderjährig sind und damit in Deutschland auch schulpflichtig. Willi Käfer-Ewertz muss also neben seiner Sportschule noch eine richtige Schule bauen. Das Gebäude steht schon. Käfer-Ewertz hat dafür eine Million Euro ausgegeben. Wenn alles nach Plan läuft, wird sich die Investition lohnen. Denn die Inder lassen sich ihren Aufenthalt in Bitburg einiges kosten. Wie viel genau, darüber schweigt der 72-Jährige.Auch am Unterricht will der asiatische Konzern nicht sparen. Damit die Kicker nicht nur auf dem Spielfeld am Ball bleiben, sollen sie auch eine gute Ausbildung bekommen. Dafür werden ab nächstem Jahr die Lehrer der internationalen Schule Düsseldorf zuständig sein. Auf dem Bitburger Flugplatz wird eine Außenstelle des renommierten Privatgymnasiums entstehen. Das Interessante für die Stadt: In den sechs Klassenräumen sollen nicht nur indische Fußballspieler ihr Abitur machen. Es wird auch Platz für 150 weitere Schüler geben, teilt Helmut Berscheid, Vorsitzender des Zweckverbandes Flugplatz mit. Aber auch der Kreis wird ein Stück vom indischen Kuchen abbekommen, ist sich Landrat Joachim Streit sicher: "Wer weiß, welche wirtschaftlichen Zufälligkeiten sich ergeben?" Der Politiker verspricht sich den Aufbau von Handelspartnerschaften mit den Asiaten. Das Internat: Noch ist das aber Zukunftsmusik. Denn für den Startschuss des Projekts fehlt noch die Genehmigung des rheinland-pfälzischen Integrationsministeriums. "Wir gehen davon aus, dass wir die bis Ende des Jahres haben", sagt Streit. Mit einer weiteren bürokratischen Hürde könnte es länger dauern: der Betriebserlaubnis für ein Internat. Denn Minderjährige, die ohne Eltern in Deutschland leben, müssen betreut werden. So will es der Gesetzgeber. Käfer-Ewertz muss einen Block seines Hotels zum Inernat umrüsten. Dafür war eine Änderung des Bebauungsplans nötig. Denn bislang war auf dem Gelände der Betrieb eines Internats nicht erlaubt. Das hat die Versammlung des Zweckverbands jüngst mit einstimmigem Beschluss geändert. KommentarMeinung

Bitburg, ein WintermärchenEs gibt Zufälle, die gibt's gar nicht. Wenn die Inder den Namen der kleinen Stadt damals nicht in ihr Navigationsgerät eingetippt hätten, wäre den Bitburgern eine Chance entgangen. Denn die Asiaten bringen mehr mit als ein paar junge Fußballer. Bitburg wird durch dieses Sportprojekt international bekannt. Eine renommierte Schule wird sich ansiedeln, und auch die Eifeler Unternehmen können vom Aufenthalt der indischen Unternehmer nur profitieren. c.altmayer@volksfreund.de