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„Das Dorf lebt von der Schule“: Sechs Eifeler Orte bangen um ihre Grundschulen

Bitburg/Prüm/Daun/Gerolstein. Trauer, Wut und Hoffnung, dass es ihre Schule doch nicht trifft: Das sind die Reaktionen in den sechs Eifeler Orten, deren Grundschulen nach Plänen der rheinland-pfälzischen Bildungsministerin die Schließung droht. Andrea Weber

Müssen die Kinder aus dem Umfeld von Auw, Oberkail, Preist, Karlshausen (Eifelkreis Bitburg-Prüm), Neroth und Wallenborn (Vulkaneifelkreis) demnächst mit dem Bus zur Grundschule fahren? Diese sechs Eifel-Orte könnten nach Plänen der rheinland-pfälzischen Bildungsministerin Stefanie Hubig bald ohne Grundschule dastehen.

"Das wäre eine sehr traurige Angelegenheit für alle Beteiligten", sagt Klaus Arens, der Direktor der Grundschule Wallenborn. Viele Kinder hätten dann einen weiten Schulweg vor sich. "Ich fände es schade, wenn die Einrichtung geschlossen wird", sagt er, "das Dorf lebt von der Schule." Kleine Schulen hätten einen besonderen Reiz, weil sie familiär seien. In Wallenborn gebe es zudem eine tolle Schulgemeinschaft auch mit den Eltern.

Arens ist aber zuversichtlich, dass seine Schule die Prüfung übersteht. In Wallenborn soll die Zahl der Schüler bis 2022 steigen. Deshalb geht er davon aus, dass es langfristig wieder vier Klassen geben wird und die Schule somit die Vorgaben erfüllt. "Ich fände es schön, wenn sie bleiben könnte, vor allem da sie vor wenigen Jahren erst komplett renoviert wurde."

Auch bei der Grundschule Auw, die zur Ganztagsgrundschule Bleialf/Auw gehört, gehen die Verantwortlichen davon aus, dass sie erhalten bleibt. "Dass das Land sich damit beschäftigt, ist uns bekannt", sagt Peter Hillen, Leiter des Fachbereichs, der für Schulen verantwortlich ist. Seitens der Schulbehörde wüssten sie aber noch nichts. "Wir rechnen nicht damit, dass irgendeine Schule aufgelöst wird." Die Fusion von Bleialf und Auw sei vor Jahren erfolgt, um den Standort zu sichern.

Monika Gierenstein, die Direktorin der Grundschule Karlshausen, hat unter dem Titel "Das sind wir: Kleine Schule ganz stark!" (grundschule-karlshausen.blogspot.de) bereits eine Stellungnahme veröffentlicht. Sie führt zahlreiche Argumente für den Erhalt ihrer Schule auf: stabile Schülerzahlen, ein hohes Maß an Unterrichtsqualität, weshalb sie anderen Kollegien als Vorbild gelte, eine äußerst aktive Elternschaft und keine Stunde Unterrichtsausfall wegen Erkrankung in den vergangenen zehn Jahren.

Außerdem habe sich ihre Schule darauf spezialisiert, das ‚Miteinander und voneinander Lernen' zu fördern, sagt die Schulleiterin. Sie hätten schon einige Kinder, die an Nachbarschulen wegen Verhaltensauffälligkeiten drohten, unterzugehen, durch individuelle Förderung doch noch zum Abschluss geführt. "Das Aufwachsen in der Gemeinschaft, das wir unseren Schülern vermitteln, würde zugrunde gehen", sagt Gierenstein.

Auch für den Ort würde die Schließung der Schule ihrer Meinung nach einen massiven Einschnitt bedeuten. Die Kinder müssten dann nach Körperich oder Neuerburg fahren, weshalb Buslinien angepasst werden müssten. Außerdem seien zahlreiche Neubaugebiete mit Familienbonus ausgeschrieben, da Kindergarten und Schule vor Ort seien. "Eine Schließung würde die Infrastruktur des Dorfes verändern", sagt Gierenstein. Sie hat sich bewusst an einer kleinen Schule beworben. "Ich kenne alle Kinder, Geschwister und Eltern. Da weiß ich sehr schnell, wo der Schuh drückt und wie man da ansetzen kann", sagt sie. "Das ist in größeren Systemen nicht möglich."

Das sieht Anke Brausch, Schulleiterin der Grundschule Neroth, genauso. Sie genieße es, alle Kinder ihrer Einrichtung und ihre Familien zu kennen und jedem Kind jeden Tag ausreichend Aufmerksamkeit und Geborgenheit schenken zu können, die Kinder in diesem Alter brauchten, sagt Brausch. Die Schule sei familiär und es gebe gelebte Gemeinschaft mit Kindern, Eltern und den Bewohnern des Dorfes, gegenseitige Hilfe und Zusammenhalt. "Eine mögliche Schließung meines kleinen Paradieses erfüllt mich mit Wut und Trauer", sagt die Schulleiterin.

Sie ist der Meinung, dass ein Ort ohne Grundschule zwangsläufig überaltere. Junge Familien ließen sich in solchen Orten nicht mehr nieder. Das bewirke auf kurz oder lang ein Dorfsterben, Geschäfte würden schließen und Vereine stürben wegen Nachwuchsmangels aus. Auch der Nerother Ortsbürgermeister Egon Schommers ist besorgt. "Wenn die Schule geschlossen würde, wäre das für die Gemeinde natürlich ein Rückschlag", sagt er.

Seiner Kollegin aus Oberkail, Ortsbürgermeisterin Petra Fischer, geht es ähnlich. Sie fände eine Schließung der Grundschule Oberkail fatal. "Das wäre so ziemlich das Schrecklichste, was passieren könnte", sagt die Mutter zweier Kinder. Oberkail mache beim Zukunftscheck Dorf mit, und eine überwältigende Mehrheit der Bürger habe den Kindergarten und die Schule im Ort als positiven Aspekt für die Gemeinschaft genannt. Das sei genau das, was ein Dorf brauche: kurze Wege. Das sei wichtig für die Infrastruktur, sagt die Bürgermeisterin. Es sei schlimm - für Eltern und für Lehrer - wenn die Schule jedes Jahr wieder auf den Prüfstand gestellt werde. "Aber es ist ja noch nichts entschieden. Wir werden dafür kämpfen, dass es nicht so kommt."

Verantwortliche der St.-Cäcilia-Grundschule Preist waren bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen.

Extra
(aweb) Die Zahl der Grundschüler im Eifelkreis Bitburg-Prüm ist laut Statistischem Landesamt von 2008/09 (3878) bis 2015/16 (3325) stetig zurückgegangen. Die Grundschule Bleialf/Auw ist mit 197 Schülern die größte Schule, Karlshausen zählt 39 Grundschüler, Preist 37 und Oberkail 36. In 2005/06 hatte Bleialf 206 Grundschüler (Auw 55), Karlshausen 37, Preist 44 und Oberkail 58. Auch im Vulkaneifelkreis ist die Zahl zurückgegangen - von 2572 Grundschülern in 2008/09 auf 1934 in 2015/16. Die Grundschule Neroth hat von 2005/06 (47) bis 2016/17 (29) 18 Schüler verloren. Die Grundschule Wallenborn (36) hat 46 weniger als im Jahr 2005/06 (82).