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Umwelt
Das Problem mit dem Kanu-Chaos auf der Sauer bei Bollendorf

Zweifelhaftes Vergnügen: Der rote Schwarm der Boote, fotografiert von der Bollendorfer Brücke.
Zweifelhaftes Vergnügen: Der rote Schwarm der Boote, fotografiert von der Bollendorfer Brücke. FOTO: Hans Orth
Bollendorf. Hunderte Paddelboote fahren während des Sommers über die Sauer in der Südeifel. Das habe fatale Folgen für das Ökosystem, sagen Angler. Von Christian Altmayer
Christian Altmayer

Wenn die Sonne scheint, kommen die Touristen. Hunderte setzen sich in Kanus und paddeln die Sauer hinab. Von der Bollendorfer Brücke, die Luxemburg und Deutschland verbindet, kann man den roten Schwarm beobachten. An manchen Tagen schippern Dutzende Boote in der Minute unter dem Bauwerk hindurch. Der Rubel rollt also für die Südeifeler Kanu-Verleiher. Hans Orth hingegen ist der feucht-fröhliche Spaß ein Dorn im Auge. „Kanu-Chaos“ nennt er, was sich im Sommer in seinem Heimatdorf abspielt. Denn der Vorsitzende der Grenzlandangler sorgt sich um das Ökosystem des Flusses, in dem er seit Jahren seine Rute auswirft.

Das Problem:  Wenn der Wasserpegel zu niedrig steht, reichen die Paddel bis an den Grund des Flusses. Die Ruder wühlten die Kiesbänke auf, in denen Fische laichen. Auch Pflanzen wie der flutende Hahnenfuß fänden keinen Halt mehr, sagt Orth.

Als er noch ein Kind war, hätte es das nicht gegeben, meint er. Damals durften die Jungs und Mädchen erst ins Wasser, wenn der „Läb“ blühte, – so heißt der Hahnenfuß auf Bollendorfer Platt. Doch diese Zeiten sind vorbei. Eine Schonzeit gibt es für den Fluss nicht mehr. Den ganzen Sommer fahren die Kanus über die Sauer – „egal bei welchem Wasserstand“.

Der sei in den warmen Monaten dieses Jahres besonders niedrig gewesen, sagt Orth. Weil die extreme Hitze den Fluss austrocknete, war der Fluss gerade einmal 55 Zentimeter tief, und 10 Zentimeter niedriger als üblich. „Ab 60 Zentimeter wird es gefährlich für Pflanzen und Fische“, sagt Orth. Doch darauf nähmen die Verleiher keine Rücksicht: „Die sollten sich allmählich Gedanken machen, ob sie nicht Rollen unter ihre Boote schrauben wollen.“ Die Folgen der Bootstouristik seien verheerend.

Die Umweltschäden: Der flutende Hahnenfuß sei fast vollständig aus der Sauer verschwunden, sagt Orth. Dabei biete die Pflanze nicht nur Jungfischen ein Versteck vor Räubern, sondern sei auch ein Futterplatz für Kleinstlebewesen vom Wasserfloh bis zur Libelle. Heute sehe man die grünen Halme meist nur noch ausgerissen auf der Oberfläche treiben.

Doch damit nicht genug. Die Paddel zerstörten auch die Naturwehre. Dort, wo sich früher Wasser gestaut hatte, fanden Fische ideale Bedingungen zum Laichen. Nun aber würden die Wehre laut Orth  abgetragen. Das Wasser fließe also ab, der Pegel sinke, die Eier trockneten aus. „Die Kinderstuben der Fische werden zerstört“, sagt der Angler. Inzwischen gingen ihm fast nur noch große Exemplare an den Haken. Der Nachwuchs werde immer rarer im Fluss.

Doch nicht nur die Fische seien von den Kanus betroffen. Weil in einem Ökosystem alles zusammenhängt, einer die Nahrung des anderen ist, verschwinden längst weitere Tiere. Der Eisvogel etwa, der in der Nähe von Bollendorf genistet habe, hat sich davongemacht. Der Grund, den Orth vermutet: Er bekam nicht genügend Fische zu fressen.

Dass das Leben im Fluss unter den vielen Kanus leidet, ist kein Geheimnis. Auch eine Sprecherin der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord sieht „den Zustand des Gewässers auch durch den Nutzungsdruck der Paddelboote“ gefährdet. Doch warum tut die obere Wasserbehörde dann nichts dagegen?

Die Regeln: Angler Orth würde sich jedenfalls wünschen, dass der Kanuverkehr auf der Sauer eingeschränkt wird: „Ich habe nichts gegen die Verleiher. Aber es nimmt Überhand.“ Der Vorschlag des Bollendorfers: Die Umweltbehörden könnten begrenzen, wie viele Kanus pro Tag vom Stapel gelassen werden dürfen – auf deutscher und luxemburgischer Seite. Und das Gewässer sperren, wenn der Pegelstand zu niedrig ist.

Die Idee ist nicht neu. Seit Jahren versuchen die SGD-Nord und die gestion d’eau public, die Wasserbehörde der Luxemburger, ein einheitliches Regelwerk für beide Länder auf den Weg zu bringen (der TV berichtete). Doch die (Wasser-)Mühlen der Bürokraten mahlen offenbar langsam. Derzeit sind die Befugnisse der Kanuverleiher auf beiden Seiten der Sauer noch unterschiedlich geregelt.

So dürfen die Luxemburger nur vom 1. Oktober bis zum 15. Juli Boote vom Stapel lassen. Das heißt: außerhalb dieser Zeit ist dies verboten. Auf deutscher Seite sieht es anders aus. Hier gönnt man dem Fluss bislang keine Sommerpause. Und das mache die luxemburgische Schonfrist auch überflüssig, sagt Orth. Denn: Ende Juli, August und September, ließen die Verleiher aus dem Großherzogtum ihre Kanus einfach von Deutschen Ufern aus zu  Wasser.

Von dieser „Regelungslücke“ weiß auch die Sprecherin der SGD-Nord. Mit dem neuen Gesetz soll sie verschwinden.

Lösung in Sicht: Die Sprecherin der SGD-Nord sieht nun offenbar eine Chance für eine neue Verordnung und sie erklärt auch, warum das so lange gedauert hat:

Offenbar sind die Hürden für eine Einschränkung des Kanuverkehrs in Rheinland-Pfalz höher als in Luxemburg. Wer es dem Gewerbe zu bestimmten Zeiten verbieten will, Boote zu verleihen, braucht gute schriftliche Gründe – etwa ein Gutachten, das nachweist, dass der Bootsverkehr dem Ökosystem schadet. Das Problem: Da Prüfer der Sauer stets eine „gute“ Wasserqualität bescheinigten, habe die Umweltbehörde lange Zeit nicht tätig werden können, so die Sprecherin. 2015 änderte sich das aber. Denn in diesem Jahr stellte ein Gutachter offenbar zum ersten Mal fest, dass der Gewässerzustand gelitten hat.

Seitdem verhandle die SGD Nord mit der gestion d’eau public und versuche „zügig eine Einigung zu erzielen“. Nun sind aber bereits drei Jahre vergangen und noch immer gibt es kein Regelwerk. Woran liegt das? Auf die Frage des TV, welche von beiden Stellen die Gespräche blockiere, gab es weder von der deutschen noch der luxemburgischen Seite eine Antwort. Nur so viel sagt ein Sprecher des Umweltministeriums im Großherzogtum: „Am guten Willen scheitert es nicht. Aber Sie ändern nicht auf die Schnelle die Gesetzgebung in zwei Ländern.“

Immerhin nennt er zum ersten Mal einen groben Zeitplan für die neue Verordnung: „Wir werden uns im Herbst mit den deutschen Behörden und der Grenzfischereikommission zusammensetzen.“

Dann sollen auch die Ergebnisse einer neuen Studie zum Gewässerzustand vorliegen. Ob am Ende auch ein Regelwerk für die Sauer feststeht? „Unwahrscheinlich.“ Aber es werde womöglich noch dieses Jahr klappen, sagt der Mitarbeiter des Ministeriums.