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Der Dorfchronist von Wilsecker

Ernst Wilhelm Bauer blättert in der Chronik der Ortsgemeinden Wilsecker und Etteldorf. TV-Foto: Nina Ebner
Ernst Wilhelm Bauer blättert in der Chronik der Ortsgemeinden Wilsecker und Etteldorf. TV-Foto: Nina Ebner
Wilsecker. Erst war es Pflichterfüllung, dann wurde es zur Leidenschaft: Seit vielen Jahrzehnten führt Ernst Wilhelm Bauer die Dorfchronik der Ortsgemeinden Wilsecker und Etteldorf. Auch dank des 76-Jährigen gibt diese einen detaillierten Überblick über die Geschehnisse in den beiden Orten von 1887 bis heute. Nina Ebner

Wilsecker. Es sind Nachrichten aus dem Trierischen Volksfreund und dem Mitteilungsblatt Kyllburger Waldeifel, die die Aufmerksamkeit von Ernst Wilhelm Bauer erregen. Und zwar immer dann, wenn darin die Ortsgemeinden Wilsecker oder Etteldorf erwähnt werden. "Ich schneide die Berichte aus, klebe sie ein und füge manchmal auch noch handschriftlich Anmerkungen hinzu", sagt der 76-Jährige. Zudem berichtet ihm seine Frau Annemarie, was in den Orten passiert, oder er fragt selbst die Dorfbewohner. Dann wird notiert. Und so füllen sich die Seiten in der Dorfchronik, derzeit sind es ungefähr 650.
MENSCHEN GANZ NAH


400 Seiten gehen auf das Konto von Bauer - auch dank ihm existiert die Chronik lückenlos seit 1887. Eine Besonderheit, denn die meisten Überlieferungen von Ortsgemeinden werden für ein bestimmtes Ereignis, etwa ein Jubiläum, neu erstellt.
Die ersten Sätze schrieb 1887 - damals noch in Sütterlinschrift - Peter Schon. Wie Ernst-Wilhelm Bauer war er Lehrer. Und die hatten seit 1863 die Verpflichtung, die Schul- und Dorfchronik zu führen. So kam Bauer 1959 mit der Chronik in Berührung, als er Lehrer an der Volksschule Wilsecker wurde. "Das hat mir von vornherein Spaß gemacht", sagt der gebürtige Dreis-Brücker, der damals im Elternhaus seiner heutigen Ehefrau einquartiert wurde. Seit 52 Jahren ist das Ehepaar verheiratet. Die Liebe ließ Bauer in Wilsecker bleiben, auch als er 1968 an die Kyllburger Schule wechselte und damit für ihn auch die Arbeit an der Dorfchronik endete.
Als ein Jahr später die Volksschule in Wilsecker endgültig geschlossen wurde, wanderte die Dorfchronik ins damalige Kyllburger Amt und verstaubte dort. So lange, bis Mitte der 70er Jahre der damalige Wilsecker Ortsbürgermeister Bauer fragte, ob er die Chronik nicht in seiner Freizeit fortführen wolle. Bauer wollte und arbeitete zunächst die bis dato nicht aufgezeichneten Geschehnisse der vergangenen Jahre auf. Aufzeichnen und dokumentieren - eine Leidenschaft des 76-Jährigen, egal ob schriftlich oder im Bild, egal ob als Reisebericht oder Fotoheft, für die Chronik der Kirche oder des Dorfs.
Als der Lehrer 1995 frühzeitig pensioniert wurde, entschloss er sich, die Dorfchronik abzutippen, zu vervielfältigen und zu verkaufen. "Ich brauchte eine neue Aufgabe", erinnert sich Bauer. Eine mühevolle Arbeit - nicht nur, weil die alten, in Sütterlin verfassten Handschriften oft nur schwierig zu entziffern waren. "Ich musste beispielsweise alte Gewichte und Maße, die heute keiner mehr kennt, nachschlagen", sagt Bauer. Zwei Jahre dauerte das Unterfangen, das den Vater dreier erwachsener Kinder faszinierte: "Die Geschichte des Dorfes interessiert mich."
Etwa die Aufzeichnung über einen Bauern, der dem Kurfürsten imponieren wollte und deshalb, als dieser an Wilsecker vorbeiritt, seine vier schönsten Pferde vor den Pfug spannte und mit seinen Knechten entlang der Hauptstraße ackerte.
"Der Kurfürst wurde seiner ansichtig, bewunderte das schöne Gespann und sagte schließlich: ,Wenn er solch schöne Pferde halten kann, kann er auch besser bezahlen.\'", zitiert der 76-Jährige aus der Chronik. Bald darauf wurden die Abgaben des Landwirts erhöht.
Auch, dass zur Zeit des Zweiten Weltkriegs eine Scheune, in der Munition gelagert war, in Wilsecker in die Luft flog, in der Volksschule ein Lazarett und in der Wirtschaft Schüller-Meyers ein OP-Saal untergebracht waren, erfährt man in der Chronik.
Informationen, die offenbar nicht nur Bauer interessieren. Die getippte Chronik verkaufte sich 1997 gut.
"Damals hat praktisch jedes Haus hier ein Exemplar gekauft", sagt der 76-Jährige und fügt hinzu: "Ich hoffe, dass auch in 50 Jahren noch andere denken: Das ist interessant." Fragt sich nur, ob es dann noch jemanden gibt, der die Geschichten aus Wilsecker und Etteldorf so gewissenhaft zusammenträgt wie Ernst Wilhelm Bauer.