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Der Pflegenotstand verschärft sich

Mehr als 200 Stunden Pflegearbeit fehlen der Bitburgerin Anne Knaf inzwischen. In den kommenden Monaten könnte sich der Pflegenotstand in der Region wegen eines Gesetzes weiter zuspitzen. TV-Foto: Benedikt Laubert
Mehr als 200 Stunden Pflegearbeit fehlen der Bitburgerin Anne Knaf inzwischen. In den kommenden Monaten könnte sich der Pflegenotstand in der Region wegen eines Gesetzes weiter zuspitzen. TV-Foto: Benedikt Laubert FOTO: (e_bit )
Bitburg. Unterstützungsbedürftige Menschen wie Anne Knaf kämpfen mit einem immer knapper werdenden Angebot an Hilfe. Dabei ist die Anzahl der Pfleger in den vergangenen Jahren sogar gestiegen. Benedikt Laubert

Bitburg Als 25-jährige Frau im Altenheim wohnen? Unerträglich ist diese Vorstellung für Anne Knaf, die wegen einer Muskeldystrophie nahezu ununterbrochen Unterstützung braucht. Aber würde ihre Mutter nicht regelmäßig bei der Pflege einspringen, wäre diese Vorstellung für sie längst Realität. Knaf wohnt in einem Apartment in Bitburg. "Dank meiner Pflegekräfte kann ich hier trotz meiner Muskelschwäche Freunde treffen, Konzerte besuchen und mein Leben selbstbestimmt und altersentsprechend gestalten", sagt die junge Frau mit der hellen Stimme. Zehn Kranken- und Altenpflegerinnen teilen sich zurzeit den Job, die meisten in Teilzeit. Angestellt sind sie beim Sozialdienst Club Aktiv. Doch die junge Frau spürt besonders deutlich, womit viele Menschen in der Region zu kämpfen haben: Es wird immer schwerer, Menschen zu finden, die hier in der ambulanten Pflege arbeiten wollen. "Mehr als 200 Stunden Pflegearbeit fehlen mir jeden Monat", sagt Knaf. Diesen Engpass fängt derzeit ihre Mutter auf - doch weil sie keine Pflegerausbildung hat, zahlt die Krankenkasse für diese Arbeit keinen Cent. Ihren Job in der Fußpflege muss sie für die Pflege ihrer Tochter immer weiter einschränken. Das Problem Cornelia Schilz, die als Pflegedienstleitung beim Club Aktiv für das Pflegepersonal von Knaf verantwortlich ist, spricht von einem Notstand in der Region. "Früher haben sich bei uns mehrere gute Pfleger auf eine offene Stelle beworben - heute sind wir froh, wenn sich überhaupt jemand auf eine Ausschreibung meldet", sagt sie. Wer sich bei den Pflegediensten in der Region umhört, erfährt überall das Gleiche: Nirgendwo gibt es ausreichend Personal. Nach einer Untersuchung des Sozialministeriums Rheinland-Pfalz fehlen im Land rund 2000 Fachkräfte in der ambulanten Pflege. Unterstützungsbedürftige, die wie Knaf in der Region Bitburg leben, trifft es besonders hart. Denn von hier aus lohnt es sich für viele Beschäftigte, nach Luxemburg zu pendeln. Mindestens ein Drittel mehr Lohn sollen sie dort für die gleiche Arbeit bekommen. Etwa 300 deutsche Pfleger pendeln laut Sozialministerium für ihre Arbeit nach Luxemburg. So kam es zum Notstand Bemerkenswerterweise arbeiten aber immer mehr Menschen in der Pflege: Ihre Zahl hat sich in Rheinland-Pfalz von 11 000 im Jahr 2011 auf 14 000 im Jahr 2015 erhöht. Grund für den immer größeren Engpass ist vor allem der medizinische Fortschritt, der Menschen ein immer längeres Leben ermöglicht. Ein längeres Leben bedeutet aber auch eine längere Zeit im Alter, in der Pfleger benötigt werden. Erschwerend könnte nun das Pflegestärkungsgesetz II hinzukommen, das Pflegebedürftigen seit diesem Januar neue Leistungsansprüche zugesteht. Der Pflege- und Betreuungsbedarf wird nun nicht mehr in Zeiteinheiten gemessen sondern orientiert sich daran, wie selbstständig die Gepflegten sind. Schilz vom Sozialdienst Club Aktiv sagt: "Endlich gibt es jetzt mehr Anspruch auf Unterstützung, zum Beispiel für demente Menschen, aber jetzt müssen wir mit dem gleichen Personal noch mehr leisten - das bringt uns an die Grenzen." Sabine Faber, Pflegedienstleiterin bei den Johannitern, sagt: "Viele Menschen fürchten den Schichtbetrieb und die ständig wechselnden Einsatzorte. "Pflegeberufe seien sehr wichtig für unsere Gesellschaft, genossen aber trotzdem kein hohes Ansehen." Die Auswirkungen Immer weniger können sich die Pfleger nach den Bedürfnissen der Gepflegten richten - sie kommen nur vorbei, wenn es gerade in den Terminplan passt. Das Sozialministerium spricht außerdem von einer "Arbeitsverdichtung" der Angestellten. "Und viele Anfragen können wir nicht mehr bedienen", sagt Schilz. Stehen nicht genug Pfleger zur Verfügung, müssen die Betroffenen auf die dauerhafte Hilfe von Freunden und Familie zählen, so wie die Bitburgerin Anne Knaf. Damit ihre Mutter nicht ständig einspringen muss, hat Knaf die Suche nach Pflegepersonal nun selbst in die Hand genommen. In der Facebook-Gruppe "Pflegepersonal für Anne" wirbt sie um Pfleger, die "eine Alternative zum Alltag in einer Einrichtung" suchen. Zwei Mitarbeiterinnen hat sie auf diesem Wege schon für sich gewinnen können. KommentarMeinung

Das muss uns die Pflege Wert seinSo wünschenswert es wäre - eine einfache Lösung für den Pflegenotstand gibt es nicht. Mit Pflegern, Pflegediensten, Krankenkassen und staatlichen Institutionen sind einfach zu viele Akteure am Thema beteiligt. Der wichtigste Beitrag muss aber von uns allen kommen: Wir dürfen nicht über den Pflegernotstand jammern und gleichzeitig auf möglichst niedrige Sozialabgaben pochen. Wer trotz alternder Gesellschaft eine vernünftige Pflege will, muss bereit sein, etwas dafür zu geben. b.laubert@volksfreund.de PFLEGER FüR ANNE GESUCHT

Extra

Wer Anne Knaf bei ihrer Suche nach weiteren Pflegern unterstützen will, kann der Facebook-Gruppe "Pflegepersonal für Anne" beitreten und die dortigen Beiträge teilen. Pfleger können sich beim Club Aktiv in Trier unter Telefon 0651/978590 melden.